Noch nie haben Verwaltungsräte (VR) von Schweizer Unternehmen so viel verdient wie 2008 – im Schnitt 99000 Fr. Das zeigt eine breit angelegte Umfrage der «Handelszeitung». Jetzt, mitten in den Wirren der Finanzmarktkrise, geraten sie umso heftiger ins Visier jener Kritiker, die schon seit Jahren die «exzessiven Vergütungssysteme» mancher Firmen geisseln.

Zu den schärfsten Kritikern zählt Unternehmer Thomas Minder, der die «Volksinitiative gegen die Abzockerei» lanciert hat. Darin fordert er, dass die Generalversammlung (GV) über die Boni, die Anzahl Mandate ausserhalb des Konzerns sowie über die Höhe der Renten und Kredite der Top-Manager entscheiden solle. Dass in den vergangenen Jahren nicht nur die Gehälter der Geschäftsleitungen, sondern auch diejenigen der VR in gewissen Branchen und Unternehmen explodiert sind, hat laut Minder einen nahe liegenden Grund. «Die Entlöhnung des VR ist ein Insider-Geschäft, bei dem sich Kollegen gegenseitig in die Hände spielen», kritisiert er. Er verweist auf die Abhängigkeit des Vergütungsausschusses vom VR, der dessen Wahl mitbestimme. Minders Vorschlag, um das Übel an der Wurzel zu packen: «Der variable Anteil der Vergütung sollte 25% nicht überschreiten, denn ein zu hoher variabler Lohnanteil schafft falsche Anreize», glaubt er. Zudem sollte der variable Teil nicht sofort, sondern erst nach einer Frist von fünf Jahren in Aktien ausbezahlt werden. «Alles, was sofort und bar abgegolten wird, verletzt den Nachhaltigkeitsgedanken», gibt Minder zu bedenken. Zudem sollten als Erfolgsprämie eben nicht nur Boni ausgeschüttet, sondern auch Mali eingezogen werden können. «Im aktuellen System bekommt jeder stets mehr oder weniger, doch ein Bonus ist es immer – selbst bei schlechten Ergebnissen.»

«Keine Boni für Nicht-Exekutive»

Nicht über eine Volksinitiative, sondern direkt über die Aktionäre will die Ethos Stiftung ihre Vorstellungen von Best-Practice-Regeln für die Entlöhnung der beiden obersten Firmenetagen künftig umsetzen. Zusammen mit acht grossen öffentlich-rechtlichen Pensionskassen schlägt Ethos deshalb vor, in einer Konsultativabstimmung die Generalversammlung entscheiden zu lassen. Die ersten sogenannten Say-on-Pay-Anträge sind konkret für die GV von ABB, CS, UBS, Nestlé und Novartis aufs nächste Frühjahr eingeplant.

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Ethos-Sprecher Vinzenz Mathys glaubt zwar, dass sich das Problem der exzessiven Vergütungen bei den VR nicht mit gleicher Schärfe zeigt wie bei den Geschäftsleitungen, klare Korrekturen seien aber in beiden Gremien unumgänglich. «VR ohne operative Funktionen sollten im Gegensatz zur Geschäftsleitung grundsätzlich keine Boni erhalten», betont er, «denn es schafft bloss falsche Anreize, wenn das Kontrollorgan nach dem gleichen System honoriert wird wie die von ihm Kontrollierten.»

In ähnliche Richtung wie die Stiftung Ethos zielt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Seine Forderung: VR sollten möglichst mit fixen Beträgen entschädigt werden. «Gerade die Bankenkrise zeigt, dass Boni, insbesondere in Form von Optionen oder Aktien, dazu geführt haben, dass zu grosse Risiken eingegangen wurden, für die nun die Allgemeinheit aufkommen muss», so Lampart. Entschädigungen über 1 Mio Fr. sollten zudem von den Unternehmen im Rahmen der Steuererklärung nicht mehr als Personalaufwand deklariert werden können, sondern als Gewinn versteuert werden. «Jeder Franken Manager- oder VR-Lohn kostet die Firmen dann rund 15 Rp. zusätzlich an Steuern», rechnet Lampart vor.

Auch Gerold Bührer, Präsident des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse, sieht einen Zusammenhang zwischen Entschädigungssystemen und Finanzkrise. Die Banken müssten jedenfalls bei den Boni-Zahlungen über die Bücher.

Ausbezahlt werden sollten Prämien erst, wenn der Mehrwert für das Unternehmen nachhaltig geschaffen sei. «Es besteht jedoch kein gesetzlicher Handlungsbedarf», argumentiert Bührer mit Verweis auf die seit 2007 geltenden Offenlegungspflichten. Es sei nun Aufgabe der VR und der Aktionäre, die Anreizsysteme künftig besser zu gestalten.

Höchstgrenzen nicht sinnvoll

Urs Furrer, stellvertretender Leiter Wettbewerb und Regulatorisches bei der Economiesuisse, ergänzt Bührers Stellungnahme mit dem Hinweis, dass Gesamtentschädigungen markt- und leistungsgerecht sein sollten. Dabei müssten Grösse wie auch Komplexität und konkrete Gegebenheiten der betroffenen Unternehmen berücksichtigt werden.

In einem Punkt sind sich alle Kritiker einig: Eine absolute Obergrenze lässt sich nicht festlegen. «Das wäre wenig sinnvoll», bestätigt Furrer. «Grundsätzlich sollen goldene Fallschirme nicht gewährt werden.»