Ulf Berg lässt nichts unversucht, um den Industriekonzern Sulzer vor einer kalten Übernahme via Verwaltungsrat zu schützen. Ob die Bemühungen des amtierenden Sulzer-Verwaltungsratspräsidenten gefruchtet haben, wird sich an der nächsten Generalversammlung vom 8. April zeigen: Dann kommt es zum Kräftemessen zwischen Berg und seinem Grossaktionär Viktor Vekselberg, der mit 27,1% der Stimmen antritt, und die Abwahl von Berg und VR-Mitglied Daniel Sauter verlangt. An deren Statt portiert Vekselberg den ehemaligen ABB-CEO und heutigen Multi-VR Jürgen Dormann. Der von Berg geführte Sulzer-VR dagegen hält an der heutigen Zusammensetzung des Gremiums fest.

Noch besteht die Chance auf einen Kompromiss. Insidern zufolge führen Vekselbergs Beteiligungsfirma Renova und der Sulzer-Verwaltungsrat intensive Gespräche. Doch jetzt hält Berg gegenüber der «Handelszeitung» fest: «Ich stelle mich am 8. April für eine Wiederwahl für weitere drei Jahre zur Verfügung.» Zu einer vorhergehenden Einigung mit Renova wollte Berg keine Aussage machen.

Anfechten werde er die Entscheidung der Aktionäre nicht. «Ich nehme jede Entscheidung, die von der GV gefällt wird, hin, akzeptiere und respektiere sie - das ist eben Aktionärsdemokratie.»

Bis 19. März verstreicht eine wichtige Frist ungenutzt. Bis dahin, 20 Tage vor der Generalversammlung, darf der Sulzer-VR die GV-Traktanden nachträglich noch anpassen - beispielsweise könnte die Zuwahl Dormanns in die Traktandenliste aufgenommen werden. Weil dieser Punkt bis dato fehlt, kann Dormann rein juristisch gesehen deshalb nicht an der nächsten GV gewählt werden.

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Dem Vernehmen nach wird die Traktandenliste nicht mehr verändert. Berg bestätigt: «Wir werden einen Tag vor Ablauf dieser Frist keine Änderungen mehr vornehmen.» Sulzer sei eine ordentliche Firma - «Aktionäre rund um die Welt so kurzfristig über ein solch komplexes Thema zu informieren, ist keine anständige Art und Weise, mit Investoren umzugehen».

Ethos: «Beobachten mit Sorge»

Damit kommt es an der GV vom 8. April zum Showdown zwischen Berg und Vekselberg. Doch Berg hat - trotz der erdrückenden Stimmenmehrheit Vekselbergs - noch nicht aufgegeben. Er unternimmt alles, um möglichst viele GV-Teilnehmer aufzubieten. Der Winterthurer Stadtrat hat bereits dazu aufgerufen, an der GV im Sinne Bergs zu votieren. Am Dienstag erhielt der Sulzer-Präsident zusätzlichen Support durch die Anlagestiftung Ethos. «Was bei Sulzer passiert, beobachten wir mit Sorge», sagt Ethos-Direktor Dominique Biedermann. So bekunde Ethos «Mühe» damit, dass Vekselberg nach wie vor keinen präzisen Grund dafür nenne, weshalb er die Wiederwahl von Ulf Berg und VR-Mitglied Daniel Sauter ablehne. Renova sprach wiederholt von Vertrauensverlust, doch das lässt Biedermann nicht gelten. «2008 hat Sulzer hervorragend gewirtschaftet, das spricht doch für die strategische Führung.» Aus Aktionärssicht besorgniserregend sei zudem, dass die Gerüchte um eine Fusion zwischen Sulzer und dem hochverschuldeten Industriekonzern OC Oerlikon nicht abreissen wollen. Oerlikon wird ebenfalls zu rund einem Drittel von Renova kontrolliert. «Als Aktionär muss man befürchten, dass Renova Sulzer via Verwaltungsrat unter Kontrolle bringen will, um hernach die beiden Unternehmen zu verschmelzen.» Weil damit Werte vernichtet, statt vermehrt würden, liege ein solcher Schritt nicht im Interesse des Aktionariats. Biedermann ruft nun insbesondere auch die institutionellen Investoren dazu auf, ihre «zum Teil namhaften» Sulzer-Beteiligungen im Aktionärsbuch eintragen zu lassen und an der GV ihre Stimmrechte auszuüben. Denn: «Renova hat gewonnen, wenn die Stimmbeteiligung tief ist.»

Dass sich Ethos vom Sulzer-Präsidenten Berg habe vor den Karren spannen lassen, dementiert Biedermann umgehend. Zwar habe man im Vorfeld Kontakt mit Sulzer aufgenommen und aktuelle Fragen diskutiert, wie dies bei allen 120 Unternehmen, in welche Ethos investiert ist, üblich sei. «Aber Ethos agiert selbstständig, Sulzer hat keinerlei Druck auf uns ausgeübt», konstatiert Biedermann.

Ex-CEO Kindle: «Gute Führung»

Schützenhilfe erhält der Sulzer-VR überdies von unerwarteter Seite: Fred Kindle, ehemaliger Sulzer-und ABB-CEO und heute als Partner bei der Private-Equity-Gesellschaft Clayton, Dubilier & Rice tätig, sagt: «Sulzer ist meines Erachtens eine hervorragende Firma und ist in den vergangenen Jahren sehr gut geleitet worden - sowohl vom CEO als auch vom amtierenden Verwaltungsrat und dessen Präsidenten.» Er hoffe, dass Sulzer in eine konstruktive, unabhängige Zukunft geführt werde. «Der Konzern hat schon viele Spezialsituationen erlebt und überlebt - stets zugunsten der Aktionäre und der Mitarbeiter. Es wäre schön, es würde in diesem Stil weitergehen.»