Der Skandal um gefälschte Abgas-Werte bei VW-Dieselmotoren nimmt immer grössere Ausmasse an. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sprach am Freitag im Bundestag von mindestens 2,8 Millionen manipulierten Fahrzeugen auf deutschen Strassen. Dies gelte allein für solche mit 1,6- und 2-Liter-Diesel-Motoren. Der CSU-Politiker rechnet aber mit noch grösseren Dimensionen der Affäre, denn auch die 1,2-Liter-Diesel seien in der Diskussion. «Aktuell gehen wir davon aus, dass sich auch hier mögliche Manipulationen zeigen können.»

Neben Pkw seien auch leichte Nutzfahrzeuge mit falschen Abgas-Werten auf dem Markt, sagte Dobrindt in Berlin, während der VW-Aufsichtsrat zeitgleich in Wolfsburg über Konsequenzen aus dem Skandal beriet. VW müsse erklären, ob der Konzern in der Lage sei, die Manipulationen zu beheben. «Wir erwarten einen verbindlichen Zeitplan, bis wann die technische Lösung vorliegt und bis wann sie umgesetzt werden kann.» Klar sei, dass dies finanziell nicht zulasten der Kunden gehen dürfe.

Zu lange untätig gewesen

Umweltverbänden und Opposition werfen der Bundesregierung vor, bei der Debatte um Abgaswerte insgesamt zu lange untätig gewesen zu sein. Bekannt ist, dass die von den Herstellern ermittelten Test-Werte auf dem Prüfstand und die realen Emissionen weit auseinanderklaffen. Die Bundesregierung selbst hat eingeräumt, dass dies bei Stickoxiden von den modernsten Diesel-Motoren mehr als das Sechsfache sein könne. Dies kann aber auch auf unrealistische Test-Bedingungen zurückzuführen sein, die jedoch legal sind. Ab 2017 soll hier EU-weit ein neues Verfahren greifen.

Unterdessen beriet der VW-Aufsichtsrat in Wolfsburg über die neue Konzernführung und nach Insider-Angaben auch über eine neue Konzernstruktur. Die wichtigsten Entscheidungen sollten aber dem künftigen Vorstandsvorsitzenden, Porsche-Chef Matthias Müller, vorbehalten bleiben. Erste Informationen über weitere personelle Konsequenzen aus dem Abgas-Skandal nach dem Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn sickerten aber bereits durch. So soll Seat-Chef Jürgen Stackmann im VW-Vorstand Christian Klingler als Konzern-Vertriebschef ersetzen, berichtete die Zeitschrift «Auto Motor und Sport» unter Berufung auf VW-Kreise. Audi-Chef Rupert Stadler soll seinen Posten behalten.

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Investoren fordern Winterkorns kompletten Rückzug

Winterkorn, der wegen der millionenfachen Manipulation von Abgas-Emissionen bei Dieselautos am Mittwoch seinen Hut nahm, will nach einem Bericht von «Spiegel Online» nicht vom Vorstandsposten beim VW-Hauptaktionär Porsche SE zurücktreten. Dieses Amt hatte er bisher in Personalunion inne. Eine Aufsichtsratssitzung der Porsche SE endete am Donnerstag, ohne dass Winterkorn das Amt niedergelegt hätte. Investoren fordern jedoch Winterkorns kompletten Rückzug. Ein VW-Sprecher wollte zu all dem keinen Kommentar abgeben.

Wie viele Milliarden der in den USA aufgedeckte Betrug neben dem immensen Imageschaden den Konzern kosten wird, ist noch nicht absehbar. VW hatte nach internen Untersuchungen bekannt gegeben, dass weltweit bis zu elf Millionen Fahrzeuge mit der umstrittenen Software ausgestattet seien. Vor den Werkstoren in Wolfsburg war die Stimmung gedrückt. «Ich hoffe, dass wir das Schlimmste jetzt hinter uns haben», sagte eine Mitarbeiterin der Umweltschutz-Abteilung. Ein Kollege von der Projektplanung erklärte, Müller sei eine gute Wahl. «Wir brauchen jetzt frischen Wind, deshalb ist der Machtwechsel wichtig.»

Immer grössere Dimensionen in den USA

Aufgeflogen waren die Trickersereien in den USA. VW hatte auf Druck der US-Umweltbehörde EPA am vergangenen Wochenende zugegeben, eine Software zur Manipulation von Abgaswertes eingesetzt zu haben. Nach Angaben der EPA könnte dies Strafzahlungen von bis zu 18 Milliarden Dollar für Volkswagen nach sich ziehen. Inzwischen nehmen die Ermittlungen in den USA immer grössere Dimensionen an.

Mehrere Bundesstaaten schliessen sich für die Untersuchung zusammen, wie die Staatsanwaltschaft von Illinois mitteilte. Mindestens 29 Staatsanwälte seien inzwischen dabei. Der Vorwurf: Volkswagen habe die Kunden getäuscht, die für ein vermeintlich umweltfreundliches Auto mehr gezahlt hätten. Dutzende Klagen sollen bei einem US-Bundesgericht in Kalifornien zusammengefasst werden.

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(reuters/gku/dbe)