«Ich bin auf Distanz zu Winterkorn», zitierte der «Spiegel» Ferdinand Piëch am Freitag. Der 77-Jährige säte damit Zweifel, ob Martin Winterkorn ihn im Aufsichtsrat beerbt. Bislang war in Wolfsburg erwartet worden, dass der Konzernchef, dessen Vertrag bis Ende 2016 läuft, danach noch ein, zwei Jahre an der Spitze des Zwölf-Markenkonzerns bleibt, bevor er auf Piëch als Aufsichtsratschef folgt.

Eine vorzeitige Ablösung von Winterkorn - sollte dies Piëchs Ziel sein - scheint allerdings wenig aussichtsreich. Der VW-Chef erhielt umgehend Rückendeckung von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der im Aufsichtsrat von VW sitzt. Weil sei «unangenehm überrascht» von Piëchs Aussagen, sagte eine Sprecherin der Staatskanzlei in Hannover. Das Land ist mit 20 Prozent zweitgrößter VW-Aktionär hinter der von den Familien Porsche und Piëch kontrollierten Porsche SE, die knapp 51 Prozent hält. Weil kann wichtige Entscheidungen mit seiner Sperrminorität blockieren. Zusammen haben die beiden Vertreter des Landes und die zehn Arbeitnehmer zudem eine Mehrheit im 20-köpfigen Aufsichtsrat.

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«Den erfolgreichsten Automobilmanager an Bord»

Betriebsratschef Bernd Osterloh sagte, mit Winterkorn habe der Konzern «den erfolgreichsten Automobilmanager an Bord». Wenn es nach dem Willen der Arbeitnehmer gehe, solle dessen Vertrag über 2016 hinaus verlängert werden. Osterloh sitzt im einflussreichen Aufsichtsratspräsidium, in dem die wichtigsten Personalfragen vorentschieden werden. Den beiden Ingenieuren Piëch und Winterkorn wurde bislang ein besonders vertrauensvolles Verhältnis nachgesagt. VW-Kenner gehen davon aus, dass Piëchs Äusserungen Winterkorns Stellung erheblich schwächen dürften. Es stelle sich die Frage, ob der 67-Jährige seinen Vertrag tatsächlich nocheinmal verlängert.

Offen ist, was Piëch mit seinen überraschenden Aussagen bezweckt. Der Porsche-Enkel, der die Fäden in dem Weltreich mit beinahe 600'000 Beschäftigten von Salzburg aus zieht, hat in der Vergangenheit mehrfach durch sybillinische Äussßerungen wichtige Entwicklungen in dem Konzern beeinflusst. Ein Insider sagte zu Reuters, hinter allem, was Piëch tue, stehe letztlich immer das Ziel, die Macht der Familie in dem von seinem Grossvater, dem Käfer-Erfinder Ferdinand Porsche gegründeten VW-Konzern zu sichern. Vor acht Jahren sorgte Piech bereits dafür, dass Winterkorns Vorgänger an der Konzernspitze Bernd Pischetsrieder seinen Hut vorzeitig nehmen musste. Dabei nutzte er die Unzufriedenheit der Arbeitnehmer, um den früheren BMW-Chef loszuwerden.

Zu viele Baustellen?

Dem «Spiegel»-Bericht zufolge wirft Piechs Bruder Hans Michel, der ebenfalls im VW-Aufsichtsrat sitzt, Winterkorn Versäumnisse vor. Zu Piëchs Kritikpunkten zählt demnach, dass Winterkorn die Probleme im US-Geschäft bislang nicht in den Griff bekommen hat und die Hauptmarke VW bei der Ertragskraft schwächelt. Der Konzernchef hatte im vergangenen Sommer ein Sparprogramm aufgelegt, um VW bei der Rendite auf die Sprünge zu helfen. Bis 2017 sollen fünf Milliarden Euro eingespart werden. Ebenfalls kritisch sehen manche, dass VW zwar seit vielen Jahren über den Einstieg ins Billigsegment diskutiert, bislang aber keine Entscheidung getroffen hat.

Spekulationen, er könne seine Ehefrau Ursula Piëch zu seiner Nachfolgerin küren, erteilte der VW-Patriarch Piech eine Absage. «Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen und das sind keine Familienmitglieder, das ist auch nicht meine Frau», zitierte der «Spiegel» ihn. Ursula Piech ist einfaches Mitglied des VW-Aufsichtsrats. «Mehr wird sie nicht machen», fügte Piëch hinzu. Er wolle nicht durch seine Frau weiterregieren.

Kandidaten sind schon da

Piëch machte zudem erneut seine Ansicht klar, dass die beiden Spitzenpositionen des Konzerns von einem Techniker besetzt werden müssten. Die Kandidaten dafür seien bereits im Unternehmen. Die Frage ist nun, wann die Weichen für den Wechsel gestellt werden. Sollte sich Winterkorn nicht beirren lassen und weiter VW-Chef bleiben, könnten sich Andreas Renschler, der kürzlich von Daimler zu VW wechselte, und Herbert Diess von BMW Hoffnungen auf die Rolle als Kronprinzen vorbereiten. Auch Skoda-Chef Winfried Vahland wird zu den Kandidaten gezählt.

Sollten die Weichen allerdings früher gestellt werden müssen, weil Winterkorn hinwirft, kämen Porsche-Chef Matthias Müller und Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg für eine Übergangszeit ins Spiel. Piëch selbst will die Entscheidung, wer künftig an der Spitze der Konzernleitung und des Aufsichtsrats stehen soll, erst 2017 fällen - «kurz vor meinem Ausscheiden».

(reuters/se)