In der Affäre um manipulierte Abgaswerte von Volkswagen in den USA wird es nach Auffassung von Aufsichtsratsmitglied Olaf Lies am Ende auch personelle Konsequenzen geben. Zunächst sei jedoch eine gründliche Aufklärung nötig, damit VW das verlorene Vertrauen wiedergewinnen könne, sagte der niedersächsische Wirtschaftsminister am Dienstag im Deutschlandfunk.

«Ich glaube, mit übereilten Forderungen nach Rücktritten haben wir doch das Problem nicht gelöst und das verlorengegangene Vertrauen nicht wiedergewonnen.» In den nächsten Tagen und Wochen würden die Details der Manipulation ans Tageslicht kommen, zeigte sich Lies überzeugt.

Aktie auf Talfahrt

Wenn klar sei, welche Personen verantwortlich seien, könne man auch die nötigen Konsequenzen ziehen. «Und ich bin mir sicher, daraus wird es dann am Ende auch personelle Konsequenzen geben», betonte Lies. Einen Rücktritt von Vorstandschef Martin Winterkorn forderte er nicht.

Unterdessen setzte die VW-Aktie ihre Talfahrt fort. Das Papier verlor in einem stabilen Markt knapp fünf Prozent und war erneut schwächster Wert im Leitindex Dax. Am Montag hatte VW fast ein Fünftel seines Börsenwerts eingebüsst.

Beratung über Vertragsverlängerung von Winterkorn

Das oberste Kontrollorgan des Wolfsburger Autokonzerns will sich am Mittwoch in einer Krisensitzung mit den Vorwürfen aus den USA befassen. Das Gremium, in dem neben dem amtierenden Aufsichtsratsvorsitzenden Berthold Huber und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil auch Betriebsratschef Bernd Osterloh und Wolfgang Porsche als Vertreter der Familien Porsche und Piech sitzen, soll die Aufsichtsratssitzung am Freitag vorbereiten.

Der Aufsichtsrat soll über eine vorzeitige Vertragsverlängerung von Winterkorn um zwei Jahre bis Ende 2018 beraten. Ausserdem soll das Gremium über den von Winterkorn angestoßenen Konzernumbau informiert werden.

Strafzahlungen in Milliardenhöhe möglich

Für VW kommt der Abgas-Skandal zu Unzeit, da sich der Absatz in den USA gerade stabilisiert hatte. Europas grösster Autobauer fährt auf dem weltweit zweitgrössten Pkw-Markt wegen einer verfehlten Modellpolitik abgeschlagen hinter der Konkurrenz her. Am Vorabend stellte VW in New York den neuen US-Passat vor, der eigentlich die Wende einleiten sollte. Wegen der Abgas-Manipulationen müssen die Wolfsburger nun allerdings fürchten, in den USA völlig ins Abseits zu geraten.

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Inzwischen zieht die Affäre weitere Kreise: Nach der mächtigen US-Umweltbehörde EPA ermittelt Medienberichten zufolge nun auch das US-Justizministerium gegen VW. Dem Autobauer drohen in den USA Strafzahlungen in Milliardenhöhe. Das Unternehmen hatte zugegeben, dort bei Diesel-Fahrzeugen Software zur Manipulation von Abgaswerten eingesetzt zu haben. Dabei geht es um fast eine halbe Million Autos. Inzwischen stellt das EPA auch Dieselautos anderer Hersteller auf den Prüfstand. Auch in Deutschland ist eine Diskussion über Abgastests für Dieselfahrzeuge ausgebrochen.

Grosser Imageschaden

Wirtschaftsforscher befürchten durch die Affäre gravierende Folgen für die deutsche Wirtschaft und halten Arbeitsplatzverluste für möglich. «Der Imageschaden wird VW nicht nur in den USA, sondern auch global teuer zu stehen kommen», sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, der «Bild»-Zeitung. Damit seien auch Jobs bei VW und vielen Zulieferern in Deutschland gefährdet. Die möglichen Strafzahlungen für VW seien «noch das geringste der Probleme».

(reuters/dbe/ama)