Mit den unabhängigen Garagen «Stop+Go» schickt der deutsche Volkswagen-Konzern derzeit eine eigene Werkstattkette auf den Markt, die bald schon auch die Schweiz erreichen könnte. Zittern müssen nicht nur die hiesigen freien Garagisten, sondern auch der Schweizer VW-Importeur Amag mit Sitz in Bad Schinznach.

«Stop+Go» ist ein Tochterunternehmen von VW und existiert bereits seit den 1990er Jahren. Derzeit werden die 60 bestehenden Standorte in Deutschland überprüft. Dazu gehört die Modernisierung und Vereinheitlichung des Ladenlayouts, des Logos, der Preise und des Angebots. Im Fokus stehen vor allem Kunden, deren Fahrzeuge mehrere Jahre alt sind. Pro Jahr sollen in Deutschland mehr als 20 neue «Stop+Go»-Filialen und Franchisebetriebe in Ballungszentren eröffnet werden. Angeboten wird neben Reparaturen auch Zubehör.

«Amag ist Ansprechpartner»

Das Konzept der Billigwerkstatt ist international angelegt, wie VW-Sprecher Fred Bärbock der «Handelszeitung» bestätigt. Auch die Schweiz werde ins Auge gefasst. Man werde daher mit den jeweiligen Partnern und Importeuren in den verschiedenen Ländern reden, erklärt Bärbock. «Amag wird unser Ansprechpartner sein», so der VW-Sprecher.

Anzeige

Was «Stop+Go» für Amag, seit 1948 Schweizer Generalimporteur für die VW-Konzernmarken, bedeuten könnte, lässt sich derzeit zum Beispiel in Berlin beobachten. Dort sind, verteilt über die gesamte Stadt, soeben sieben überarbeitete «Stop+Go»-Filialen unter der Führung von VW an den Start gegangen. Der Wolfsburger Traditionskonzern – er erzielte 2007 über 100 Mrd Euro Umsatz und setzte knapp 6 Mio Autos ab – will damit in den lukrativen After-Sales-Markt vorstossen.

VW hatte die Billigkette in Berlin während einer Pilotphase von rund eineinhalb Jahren getestet. Sie wird nun definitiv umgesetzt. Der Kampf um Kunden tobt bereits. Im Berliner Stadtteil Neukölln etwa konkurrieren laut Beobachtern die beiden dort ansässigen neuen Filialen von «Stop+Go» mit den Betrieben von Eduard Winter, einem der ältesten Berliner VW-Vertragshändler mit angehängtem Werkstattservice.

VW analysiert Schweizer Markt

Das Umsatzvolumen für Reifenwechsel, Reparatur- und Serviceleistungen wird allein in Deutschland auf 28 Mrd Euro geschätzt. Europaweit beläuft sich das Marktvolumen auf ein Vielfaches und lockt längst auch den deutschen Marktführer Auto Teile Unger (ATU), der europaweit 620 Filialen betreibt, ins benachbarte europäische Ausland – darunter auch in die Schweiz (siehe Kasten). Folglich werden auch bei VW «Überlegungen zur Internationalisierung» angestellt.

Das jährliche Marktvolumen des gesamten Schweizer Autogewerbes beläuft sich laut Branchenverband AGVS auf rund 28 Mrd Fr. Dass sich VW jetzt ein Stück dieses Kuchens direkt sichern will, ist angesichts der gesättigten westeuropäischen Neuwagenmärkte naheliegend. Der Autokonzern will sich zunächst das Werkstattnetz seines Schweizer Importeurs genauer ansehen und eruieren, wo sich «Stop+Go»-Niederlassungen lohnen könnten. Ansprechpartner Amag kenne sich schliesslich am besten aus, meint Bärbock.

Anzeige

Ob künftig auch bisherige Vertragswerkstätten in «Stop+Go»-Versionen umgewandelt werden könnten, will VW nicht kommentieren. Laut Amag-Sprecher Dino Graf ist «Stop+Go» noch kein Thema. «Wir haben innerhalb unserer Organisation noch die eine oder andere Hausaufgabe zu erledigen.»

«Wollen Partner nicht wehtun»

VW-Sprecher Bärbock betont, dass man mit dem neuen Konzept nicht in Konkurrenz zu den Werkstätten der Vertragspartner wie Amag treten wolle. «Wir wollen unseren eigenen Vertragswerkstätten nicht wehtun», sagt er. Vielmehr hätte die Erfahrung gezeigt, dass die Markenbindung der Kunden mit dem Alter der Fahrzeuge abnehme.

Die Erfahrung zeigt nämlich, dass Neuwagenkäufer in den ersten Jahren die offiziellen Markenwerkstätten aufsuchen, während Besitzer von mehrjährigen Fahrzeugen vermehrt zu Günstiganbietern wie ATU & Co. wechseln. Mit seinem eigenen Werkstattdiscounter will VW jetzt diese Kundengruppe, von der bislang auch Konkurrenten profitierten, wieder an die Leine nehmen.

Anzeige

Amag-Sprecher Dino Graf stösst ins gleiche Horn. «Mit der konzerneigenen Discounterkette möchte man Kunden zurückgewinnen», erklärt er. Deshalb werte er «Stop+Go» nicht als Angriff auf die offiziellen Markenhändler und -servicepartner.

Für die freien Garagisten sowie ATU jedenfalls gilt «Stop+Go» bereits heute als weiterer Mitbewerber auf dem bereits heiss umkämpften Markt.