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Skandal
VW gibt Manipulation bei Abgasvorschriften zu

Der Autobauer Volkswagen räumt ein, die Abgasvorschriften bei etlichen Diesel-Autos absichtlich umgangen zu haben. Der Skandal kommt für die Autoindustrie zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

Veröffentlicht am 20.09.2015

Der VW-Konzern hat massive Abgas-Manipulationen in den USA zugegeben, die den Autobauer eine Milliarden-Strafe einbringen könnte. Ein Firmensprecher sagte am Sonntag: «Wir haben das gegenüber der Behörde eingeräumt. Der Sachverhalt trifft zu. Wir arbeiten aktiv mit der Behörde zusammen.»

VW-Chef Martin Winterkorn kündigte am Sonntag eine externe Untersuchung der Vorgänge an. «Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben», erklärte er.

18 Milliarden Dollar Strafe

Die US-Umweltschutzbehörde EPA verdächtigt VW, bei zahlreichen Diesel-Fahrzeugen die Abgasvorschriften vorsätzlich umgangen zu haben. Es geht demnach um fast eine halbe Million Autos. Für den Konzern könnte dies nach Angaben der Behörde eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar nach sich ziehen.

Der Chef des Konkurrenten Daimler, Dieter Zetsche, sagte am Sonntag, er gehe davon aus, dass sein Unternehmen die Gesetze «sowohl dem Buchstaben nach als auch dem Sinne nach» eingehalten habe. Er bedauere natürlich, was Volkswagen in den USA gerade erlebe, sagte der Daimler-Chef. «Ich habe eine grobe Vorstellung, worum es geht und dass das auf uns nicht zutrifft, nicht übertragbar ist.» Allerdings sei es viel zu früh, um eine finale Aussage zu machen.

Fahrzeuge müssen in die Werkstatt

Die EPA wirft VW vor, in Volkswagen- und Audi-Modellen eine verbotene Software eingesetzt zu haben, mit der die Verringerung bestimmter Abgasemissionen im normalen Fahrbetrieb ausgeschaltet werden könne. Folge solcher Manipulationen sei, dass die Autos für den Umweltschutz festgesetzte Emissionslimits um das bis zu 40-Fache übertreffen könnten.

Im Fokus der Ermittlungen stehen laut EPA Vier-Zylinder-Modelle der Jahre 2009 bis 2015. Es geht um die VW-Modelle Jetta, Beetle und Golf und den Audi A3 aus den Jahren 2009 bis 2015 sowie den VW Passat aus diesem und dem vergangenen Jahr. Die Fahrzeuge müssten vorerst nicht in die Werkstätten zurückgerufen werden, betonte die EPA.

37'500 Dollar Busse pro Auto

«Einfach gesagt, diese Autos hatten ein Programm, das die Abgasbegrenzung beim normalen Fahren ausschaltet und bei Abgastests anschaltet», sagte EPA-Vertreterin Cynthia Giles. Für jedes Fahrzeug, das nicht den US-Abgasnormen entspreche, könne eine Strafe von 37'500 Dollar verhängt werden.

Unter Verdacht stünden 482'000 Autos, die seit 2008 verkauft wurden. Wenn bei jedem einzelnen Fahrzeug Verstösse gegen die Umweltauflagen festgestellt würden, könnte sich die Gesamtstrafe auf 18 Milliarden Dollar belaufen, führte Giles aus.

Umstrittene Funktion

Die umstrittene Funktion bezeichnet die EPA als Abschalteinrichtung («defeat device»). Solche Einrichtungen sind verboten, weil die Abgasbegrenzung in Autos nicht nur unter Prüfbedingungen, sondern unter allen normalen Nutzungsbedingungen auf der Strasse funktionieren muss.

Schon vor Jahren hatte die EPA andere Autohersteller wegen solcher Verstösse im Visier. Nach Angaben der Behörde aus dem Jahr 1998 endeten Ermittlungen gegen Honda und Ford mit Vergleichszahlungen von 267 Millionen und 7,8 Millionen Dollar.

«Da ist etwas fundamental schiefgegangen bei VW»

Nach massiven Manipulationsvorwürfen der US-Umweltbehörde fordert ein Experte strukturelle Änderungen beim Wolfsburger Konzern. «Da ist etwas fundamental schiefgegangen bei VW», sagte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach der Deutschen Presse-Agentur. «VW muss den Fall zum Anlass nehmen, um die internen Prozesse zu überprüfen», sagt Bratzel.

Es sei sehr verwunderlich, dass die mutmasslichen Machenschaften der amerikanischen US-Tochter nicht längst an Wolfsburg gemeldet worden seien und das Durchgreifen der Konzernspitze nach sich gezogen hätte, sagt der Experte. «Das muss jetzt ein Weckruf zur Einhaltung der Compliance-Regeln sein.»

Aus dem Ruder gelaufen

Compliance-Regeln legen fest, wie sich Konzerne verhalten müssen, damit ihre Geschäfte im Einklang mit geltendem Recht stehen. Bratzel vermutet, die VW-Tochter in den USA sei mit ihren dortigen Geschäftspraktiken gewissermassen aus dem Ruder gelaufen. «In Wolfsburg ist man sich doch im Klaren, dass man Regeln nicht einfach aushebeln darf.»

Bratzel hält die mögliche Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar aber für einen sehr theoretischen Wert. Da VW ja bereits zugesagt hat, mit den Behörden zu kooperieren, würde das Strafmass ohnehin gesenkt. Vermutlich drohten daher Strafzahlungen von mehreren Hundert Millionen Dollar oder ein Betrag im knappen Milliardenbereich, schätzt der Professor.

Entsetzt über Vorwürfe

Wie andere Autoexperten auch ist Bratzel entsetzt über die Vorwürfe. «Das ist ein Bärendienst für die ganze deutsche Dieseltechnologie», sagt er. Hierdurch würde das Image von Dieselautos - in den USA ohnehin in einer Nische - schwer beschädigt.

Auch BMW und Daimler seien dadurch indirekt betroffen. «Man versucht seit Jahren, die Dieseltechnologie zu etablieren in den USA - und jetzt das», sagt Bratzel kopfschüttelnd. «Der Fall kommt zur Unzeit für die Strategie deutscher Autobauer, Dieselfahrzeuge als saubere Technologie in den USA zu etablieren.» Sollten sich die Vorwürfe aber als haltlos erweisen, wäre das Image nicht dauerhaft angekratzt, so Bratzel. «Die breite Kundschaft vergisst relativ schnell.

(reuters/awp/dbe)

 
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