Es hat in der Vergangenheit Zweifel am VW-Management gegeben. Man erinnere sich etwa an den Lustreisen-Skandal vor gut zehn Jahren, als Betriebsräte auf Firmenkosten ins Bordell gingen. Was es nicht gab, waren Zweifel am Volkswagen selbst. Am Kult-Käfer, dem Generationenauto Golf, diesen Symbolen für solide, deutsche Technik.

Darum erschüttert das Geständnis um gefälschte Abgaswerte bei der weltweiten Nummer eins nicht nur das Vertrauen in einen Konzern, sondern stellt die gesamte Branche in Frage. Offen wird diskutiert: Wenn nicht einmal den Autos von VW zu trauen ist, welchen dann? Wenn selbst VW gefälscht hat, wer dann noch?

«Misstrauen ist grösser geworden»

Der Abgas-Skandal ist ein Desaster von historischer Dimension: Elf Millionen Fahrzeuge sind weltweit betroffen, das Unternehmen hat ein Drittel seines Börsenwerts eingebüsst, VW-Chef Martin Winterkorn musste seinen Hut nehmen. Der Vertrauensbruch hat in Deutschland bereits Folgen, die Nachfrage nach Diesel-Fahrzeugen von VW geht zurück, wie die «Welt» berichtet.

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Am Schweizer Markt sind die Folgen noch gemässigt. «Das Misstrauen ist grösser geworden, die Kunden sind sensibilisiert», sagt Marco Belfanti, Inhaber von Auto Höngg in Zürich. Es kämen Nachfragen zu den Abgaswerten. Bisher seien die Vorfälle aber ohne Auswirkung für das Geschäft. Rund zehn von 100 Fahrzeugen, die er aktuell zum Kauf anbietet, sind von VW.

Steuernachzahlung fällig?

Wichtig für die Händler ist auch, ob für sie selbst Änderungen im Verkauf nötig werden. «Wir haben uns erkundigt, ob für betroffene Modelle im Falle höherer Abgaswerte eine Steuernachzahlung fällig wird», sagt Geschäftsführer Daniele De Santis von Auto Züri West. Er hat derzeit rund 120 VW auf Lager, 15 Prozent seiner Fahrzeuge. Die gute Nachricht vom Kraftfahrt-Bundesamt: Rückwirkend werden auf keinen Fall Abgaben fällig. Ob künftige Verkäufe betroffen sein könnten, ist noch offen.

Denn bisher ist noch unklar, ob auch in Europa Motoren verbaut wurden, mit denen die Abgaswerte manipuliert werden können. Technisch möglich ist das. Livio Piatti, VW-Sprecher bei Autoimporteur Amag bestätigt: Die aktuellen in der EU und der Schweiz angebotenen Neuwagen mit Dieselantrieb EU 6 «erfüllen die gesetzlichen Anforderungen und Umweltnormen». Bei dem betroffenen Motor  in den USA handele sich um ein älteres Modell. Ob diese auch in der Schweiz zirkulieren, würde abgeklärt.

«Zulieferer sind breit aufgestellt»

Auch für die zahlreichen Autozulieferer in der Schweiz ist wichtig, wie es bei VW weitergeht. Bei fast allen ist der Wolfsburger Konzern unter den Abnehmern. Allerding seien vorerst geringe Auswirkungen zu erwarten, sagt Branchenexpertin Anja Schulze vom Swiss Center for Automotive Research: «Die meisten Autozulieferer sind breit aufgestellt.»

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Das bestätigen auch die grossen Teileproduzenten selbst – für Micronas, Georg Fischer und Autoneum gibt es bisher kein Problem. «Autoneum ist nur marginal betroffen, weil VW einen äusserst geringen Anteil am unserem Umsatz hat», sagt Konzernsprecherin Anahid Rickmann.

Schneider-Amman fürchtet Nachfrageeinbruch

Grössere Folgen dürften in der Schweiz also höchstens zu erwarten sein, sollte sich die Krise über VW hinaus ausweiten. Das fürchtet auch Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Er sagt heute in der Sendung «Rendez-Vous» von Radio SRF 1: «Sollte in Deutschland jetzt wegen dieser Vertrauenskrise mit irgendeinem Nachfrageeinbruch umgegangen werden müssen, dann heisst das, dass es direkt durchschlagen würde zu den Zulieferern.»