Der Sachverhalt ist – so viel vorweg – auch ein bisschen von den Medien mitverschuldet: Es gab sie nämlich schon, auch diesen Sommer, die «klassischen» Medienauftritte, mit denen Parteien von links bis rechts ihre Positionspapiere mit programmatischen Schwerpunkten an die Frau und den Mann zu bringen versuchten. Allein, mit solchen gut gemeinten Anstrengungen ist in der heutigen schnelllebigen Zeit kein Staat mehr zu machen. Da bringt es, noch vor Ausbruch der Saure-Gurken-Zeit, Sympathieträger «Zottel», der kastrierte Geissbock in SVP-Diensten, auf deutlich mehr «Hits» in den Medien als – beispielsweise – eine FDP, die an einem griesgrämigen Freitagmorgen versucht, ihre Vorstellungen über neue, wirtschaftsverträgliche Kinderbetreuungsstrukturen publik zu machen.

Dinieren mit Promis

Ohnehin wird sich die FDP mit ihrer beklemmend-originellen Wahlkampfbotschaft «Hop Sviz!» im Herbst damit trösten können, ihre Wähleranteile ohne Showelemente zusammengekratzt zu haben. Die CVP, Konkurrentin in der undefinierten Mitte und urplötzliche Konkurrentin um einen Bundesratssitz, hat ihr da einiges voraus: Was vor vier Jahren mit einer orangefarbigen Zahnbürste begann, kulminiert jetzt in einer Ebay-Versteigerung, in der sich die Internet-Gemeinde beispielsweise für ein Kaffeekränzchen mit Bundesrätin Doris Leuthard überbieten kann.
Da hat ein Christoph Mörgeli, der seine Rolle als «SVP-Chefideologe» für einen Tag abstreifte und sich als Müllmann verkleidete, zwangsläufig nur gerade die Resonanz, die ein lokaler Fernsehsender bieten kann. Aber bekanntlich sind Nationalratswahlen kantonale Wahlen, und da fragt sich doch, ob die Berner SP-Frau Evi Allemann ihre Kräfte nicht etwas verzettelt, wenn sie einen von Greenpeace initiierten Nacktauftritt auf einem Gletscher in Betracht zieht, um natürlich nicht auf sich, sondern die globale Klimaproblematik aufmerksam zu machen.
Wie weit solche Aktionen nachhallen, dass sie auch unmittelbar vor dem Wahltermin noch abrufbar sind, bleibt abzuwarten. Vielleicht zählt letztlich gar nicht so sehr die Performance im Sommer, sondern das, was der Wählerschaft haften bleibt. Deshalb sei auch an dieser Stelle eindringlich vor der Herbstsession gewarnt, wenn für Wahlkampfauftritte – ob sie nun als originell oder peinlich wahrgenommen werden – noch ein Taggeld bezahlt wird.