«Facts» und «Cash» wurden eingestellt. «Blick» verliert Auflage. Sind Sie als ­ehemaliger Printmann und «Blick»-­Chefredaktor besorgt?
Walter Bosch: Nein. Dramatische Umwälzungen sind ja keine passiert. Es waren ­lediglich Adjustierungen. Die Printmedien bleiben die Leitmedien.

Auch der «Blick»?
Bosch: Auch der «Blick». Er wird ein Leuchtturm im Markt bleiben.

Weshalb verliert der «Blick» an Auflage?
Bosch: Weil er offensichtlich das Bedürfnis seiner Leserschaft nicht befriedigen kann. Hält dieser Zustand weiter an, wird der «Blick» grössere Probleme bekommen.

Was ist denn das Bedürfnis der Leser?
Bosch: Der «Blick» muss eine moderne, kompromisslose Boulevardzeitung werden, ohne Schnickschnack wie etwa eine Kulturseite. Eine Schweizer Variante der deutschen «Bild».

Weshalb unterstützen Sie die neue Zeitung «.ch» nicht?
Bosch: Weil ich nicht angefragt wurde.

Würden Sie investieren?
Bosch: Nein. Ich glaube nicht, dass sich die Logistikprobleme so lösen lassen, dass eine anständige Auflage erreicht wird.

Planen Sie eine eigene Gratiszeitung?
Bosch: Nein. Denn ich glaube nicht an eine langfristige Perspektive der Gratiszeitungen. Diese profitieren im Moment von der Hochkonjunktur. Aber sie werden auch die ersten sein, die viele Inserate verlieren, wenn die Wirtschaft schwächer wird. Es fehlt eine Ertragskomponente.

Droht das Gleiche neuen Fernsehsendern oder Spartenkanälen?
Bosch: Im Gegenteil. Ich glaube, dass das klassische Fernsehen in der Schweiz verschwinden wird. Die Zeiten der SRG-Monokultur werden bald vorbei sein.

Woher nehmen Sie diese Überzeugung?
Bosch: Die SRG profitiert davon, dass der durchschnittliche, ältere Konsument noch gar nicht realisiert hat, dass die Batterien in seiner Fernbedienung längst tot sind. Aber immer mehr Zuschauer nutzen die Wahlfreiheit und das grosse Angebot an spezialisierten Kanälen.
Darauf hofft auch Cablecom-Chef Ruedi Fischer. Sie sitzen ja im Verwaltungsrat des Kabelnetzbetreibers.
Bosch: Wir haben dieselbe Meinung, was die Zukunft des Fernsehens anbelangt, das stimmt.

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Sind Ihre Meinungen auch deckungsgleich, wenn es ums schlechte Image der Cablecom geht.
Bosch: Ja.

Und die wäre?
Bosch: Wir müssen die Kommunikation weiter verbessern.

Ist der Imageverlust der Cablecom ­irreparabel?
Bosch: Sicher nicht. Wir haben das Schlimmste jetzt überstanden. Cablecom ist sehr gut unterwegs. Verbessert wurden zum Beispiel die Kundenbeziehungen. Es ist nicht mehr so, dass man bei der Hotline anruft, niemand abnimmt, und nach drei Minuten die Verbindung gekappt wird.

Nicht nur Cablecom stand unter ­Dauerbeschuss, auch die Swiss war im Kreuzfeuer der Kritiker, als Sie Vize-­Verwaltungsratspräsident waren.
Bosch: Ich hatte das Glück oder Pech gehabt, hintereinander in den beiden Unternehmen tätig zu sein, die das schlechteste Renommee der Schweiz hatten.

Sie haben sich immer dezidiert gegen eine Allianz mit Lufthansa eingesetzt. Jetzt ist Swiss im Lufthansa-Besitz, und Sie sind immer noch im Verwaltungsrat.
Bosch: Und ich habe sogar etwas zu sagen (lacht). Es stimmt, vor einigen Jahren war ich für eine längere Unabhängigkeit der Swiss. Inzwischen konnte ich jedoch feststellen, dass Lufthansa ein äusserst fairer und optimaler Partner ist.

Weshalb hat es mit der Unabhängigkeit der Swiss nicht geklappt?
Bosch: Der Bundesrat wollte keine unabhängige Swiss. Zeitweise habe ich mit drei Bundesräten gleichzeitig verhandelt, ohne Ergebnis. Die Landesregierung wusste, dass die Swiss - wie wir jetzt bewiesen haben - äusserst rentabel sein könnte. Aber es fehlte der nötige Mut, vielleicht auch der Stolz. Deshalb kam es zum Lufthansa-Deal.

Die Swiss könnte heute also unabhängig und wirtschaftlich erfolgreich sein?
Bosch: Absolut. Die Rentabilität wäre sicher nicht so rasch eingetroffen wie unter den Fittichen der Lufthansa, und die Gewinne wären auch nicht im gleichen Mass nachhaltig gewesen. Aber Swiss könnte heute aus eigener Kraft operieren. Davon bin ich überzeugt.

Eine verpasste Chance?
Bosch: Langfristig hätte Swiss nicht selbstständig bleiben können. Eine hundertprozentige Übernahme wäre aber nicht unbedingt nötig gewesen. Dafür haben wir jetzt - im Gegensatz zu früher - einen Aktionär, der interessiert ist am Schicksal der Swiss und der etwas versteht vom Geschäft. Die früheren Aktionäre waren nämlich weder hilfreich noch interessiert am Schicksal der Fluggesellschaft.

Droht mit einer Annahme der Zürcher Plafonierungsinitiative ein Investitionsstopp der Lufthansa in der Schweiz?
Bosch: Dieser Schritt droht nicht nur, er ist wahrscheinlich. Falls die Schweizer die Rahmenbedingungen für den Zürcher Flughafen und damit für den Schweizer Luftverkehr dermassen verschlechtern, kann und darf die Lufthansa nicht mehr in diesen Markt investieren.

Das heisst konkret?
Bosch: Die Swiss würde schrumpfen und der Hub Zürich wäre keiner mehr. Die Auswirkungen wären auch für unsere Volkswirtschaft weit verheerender, als man es sich heute vorstellen kann. Die Schweizer haben es in der Hand, sich selbst ein Bein zu stellen.

Genauer gesagt: Der Bund.
Bosch: Sie haben Recht. Die Abstimmung in Zürich ist eine reine Konsultativabstimmung. Verbindlich würde sie erst, wenn der Bund darauf einginge. Er kann das Ergebnis aber auch einfach ignorieren.

Sollte er das?
Bosch: Natürlich. Wenn der Bundesrat einigermassen gut beraten ist, setzt er sich über einen allfälligen Ja-Entscheid hinweg. Im Interesse der Schweiz. Für mich ist es unbegreiflich, wie eine solche leichtfertige Initiative gestartet werden konnte.

Neben Ihren zahlreichen VR-Mandaten sind Sie auch noch Stiftungsrat bei der Stiftung Robert Walser, «Kronenhalle» und vielen mehr. Wie bringen Sie alles unter einen Hut?
Bosch: Das tönt nach sehr vielen verschiedenen Engagements. Aber es geht eigentlich immer um dasselbe, um meine Marketing- und Kommunikationskompetenz. Die Mehrheit der Verwaltungsräte in der Schweiz sind nicht optimal zusammengesetzt. In der Regel hat es einen Finanzer, einen Juristen, einen Branchenspezialisten und vielleicht einen verdienten älteren Herrn. Es fehlt aber oft an Marketing- und Kommunikationskompetenz.

Ihr Werbespot für mehr ­­VR-Mandate?
Bosch: Nein. Ich bin absolut zufrieden und habe erreicht, was ich wollte. Ich will ausgelastet und nicht überlastet sein.

Wie pflegen Sie Ihre Netzwerke? Beim Golfen mit Marcel Ospel?
Bosch: Das läuft umgekehrt. Man kommt erst in den Golfklub, wenn man schon ein Netzwerk hat. Ein Netzwerk ergibt sich aber nicht, indem man an Anlässe geht, dort ein Namenstäfelchen bezieht und es dann heisst: Achtung fertig los, netzwerken. Um solche Anlässe mache ich weite Bögen. Netzwerken entsteht durch langjährige Zusammenarbeit und Vertrauen. Netzwerk ist das Gegenteil von Filz.

Wie meinen Sie das?
Bosch: Der Filz hat seine Schuldigkeit in der Schweiz getan, siehe Swissair-Debakel. Heute sind die letzten Filzläuse von Bord gegangen. Kummer bereiten mir heute Leute, welche dem Image der Wirtschaft schaden.

Wen meinen Sie damit?
Bosch: Personen wie Martin Ebner.

Inwiefern?
Bosch: Sie schaffen keinen Wert. Sie stellen das Verhalten der Wirtschaft als «Monopoly» dar. Bei solchen Personen geht es nicht darum, etwas zu produzieren oder eine Dienstleistung zu verbessern. Solchen Leuten geht es allein darum, mehr Millionen zu machen.

Was ist daran schlecht?
Bosch: Er bereichert sich an den Unzulänglichkeiten des Systems. Der einzige Mehrwert entsteht in seinem Portfolio.

Das kann ja auch ein Motor des ­Wirtschaftswachstums sein.
Bosch: Ich glaube nicht, dass es ihm um die Geschicke des Unternehmens geht.

Die hohen Managersaläre schaden dem Image der Wirtschaft mehr als Herr Ebner.
Bosch: Nein, die Lohndiskussion ist zwar interessant. Sie hat mit der Debatte über die Sozialhilfebetrüger aber eine Gemeinsamkeit: Es sind Auswüchse im Promillebereich eines ansonsten funk­tionierenden Systems. Aber es ist so schön, sich Millionensaläre vorzustellen wie Lottogewinne. Das Leben ändert sich dadurch nicht gross. Herr Ospel spielt wegen seines Einkommens nicht einen Schlag besser Golf.