Zwar hat sich das wirtschaftliche Umfeld massiv verändert, aber die Schwierigkeiten der Unternehmen auf Talentsuche haben kein bisschen nachgelassen. Laut der jüngsten Umfrage von Manpower gaben 36% der 757 im 1. Quartal befragten Unternehmen in der Schweiz an, dass sie Schwierigkeiten haben, Fachkräfte zu finden - genau gleich viele wie im Vorjahr. Damals waren es 37%.

Alarmieren muss zudem die Tatsache, dass im beliebtesten Rekrutierungsland, in Deutschland, die Situation trotz hoher Arbeitslosigkeit kein bisschen besser geworden ist. Nach 34% im Vorjahr geben immer noch 35% der deutschen Firmen Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung an.

Konjunkturprogramme wirken

«Leider entsprechen die Kompetenzen der vielen Arbeitssuchenden nicht unbedingt den von den Arbeitgebern gesuchten Profilen», sagt Charles Bélaz, Direktor für Corporate Affairs von Manpower Schweiz. Bei den gesuchten Qualifikationen zeigen sich deutliche Verschiebungen. Waren vor Jahresfrist Sekretärinnen, Verwaltungs- und Büropersonal sowie Krankenpflegepersonal noch sehr begehrt, sind dieses Jahr beispielsweise die Ingenieure auf die TopTen-Liste zurückgekehrt (siehe Tabelle). Mangelware sind auch IT-Spezialisten, Personal für Management und Geschäftsführung sowie in der Baubranche tätige Fachkräfte mit Berufsbildung wie Elektriker, Schreiner, Schweisser oder Sanitärmonteure. «Die positiven Beschäftigungsauswirkungen der Konjunkturprogramme auf die Baubranche sind offensichtlich», erklärt der Chef Deutschschweiz bei Manpower, Marc Winiger.

Der IBM-Personalchef Hans-Jürg Roth bestätigt, dass das Ringen um IT-Experten trotz Rezession anhält: «Ausgewählte Spezialisten sind immer noch gesucht, wir stellen keine grosse Veränderung der Nachfrage fest.» Auch seien die Lohnvorstellungen nicht bescheidener geworden. Die Lage bleibt für die suchenden Firmen ungemütlich. Laut Ruedi Noser, Vizepräsident des Informatik-Dachverbands ICTswitzerland, ist es im Vergleich zu 2006 und 2007 - damals konnten auf dem Markt schlichtweg keine IT-Fachkräfte gefunden werden - heute etwas einfacher, IT-Spezialisten anzuheuern. «Allerdings ist der Markt immer noch sehr trocken», sagt der IT-Unternehmer und FDP-Nationalrat. Nicht förderlich sei die verstärkte Zurückhaltung des Bundesamtes für Migration bei Rekrutierungen aus Drittstaaten. In den Vorjahren seien etwa noch sehr viele Inder für die Verarbeitung von Geschäftsdaten in die Schweiz gekommen. Noser ist überzeugt, dass die ICT-Branche aus der Knappheit der vergangenen Jahre die richtigen Lehren gezogen hat und trotz Rezession verstärkt in die Berufsbildung investiert. «Die ICT-Branche hat realisiert, dass sie ihre Rekrutierungsprobleme nicht im Ausland lösen kann und dass sie weit weg davon ist, genügend eigenen Nachwuchs auszubilden.» Allerdings gehe er davon aus, dass die Mitarbeiter für Umschulungen vermehrt selber aufkommen müssen.

Anzeige

Bei der Manpower-Umfrage landeten die Finanzberufe für einmal nicht auf der Top-Ten-Liste, weil nur die «massenhaft» fehlenden Talente aufgeführt würden.

Dennoch tun sich die HR-Verantwortlichen der Finanzinstitute bei der Suche nach Senior-Analysten, Senior-Controller noder Finance-Managern nach wie vor sehr schwer, wie eine Studie des auf Finanzjobs spezialisierten Vermittlers Robert Half eruierte. In der Schweiz beklagen die HR-Verantwortlichen, dass sie im Schnitt 9,1 Wochen benötigen, um eine offene Fachposition zu besetzen und 11,5 Wochen für eine Managementstelle - der Prozess daure zwei Wochen länger als 2008.

Immerhin scheinen sich die Finanzinstitute der Fachkräfteproblematik bewusst zu sein. Beim Ausbildungszentrum Centre for Young Professionals in Banking, das 2003 von UBS, CS, Raiffeisen, Julius Bär und der Zürcher Kantonalbank gegründet wurde, sind keine Abstriche bei der Ausbildungsqualität bemerkbar. Geschäftsführerin Andrea Kuhn sagt: «Wir stellen fest, dass grössere Banken ihre Ausbildungsabteilungen reorganisieren und allgemeinbildende Inhouse-Seminare von externen Partnern durchführen lassen.» Das mache betriebswirtschaftlich Sinn. Für Weiterbildungen und Umschulungen müssten die Angestellten aber vermehrt selber aufkommen.

Sparen bei Umschulungen

Weniger Geld in die Hand für die Ausbildung neuer Fachkräfte nehmen auch die Personalrekrutierter. So führt Adecco Schweiz dieses Jahr keine Ausbildungsprogramme «Fit for Banking» durch, welche letztes Jahr gestartet wurden. «Die Programmdurchführung für dieses und nächstes Jahr wurde noch nicht definitiv entschieden, dies hängt vom weiteren Wirtschaftsverlauf ab», sagt José San José, Marketing-Direktor von Adecco.

Konkurrentin Manpower ihrerseits führte die fünfwöchige Ausbildung für Uhrmacher in Zusammenarbeit mit Patek Philippe und dem Kanton Genf für Arbeitslose im vergangenen Dezember zum letzten Mal durch. Dabei wurde sie erst 2007 gestartet. «Zurzeit spüren unsere Kunden der Uhrenindustrie die Talentknappheit weniger», sagt Manpower-Kommunikationschefin Anne-Laure Vaudan. Noch sei unklar, wann die nächste Ausbildung stattfinde.

Anzeige

Laut IBM-Personalchef ist es angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels an den Unternehmen, die «Arbeitsmarktfähigkeit der Angestellten durch konstante Aus- und Weiterbildung zu erhalten».