Der bereits seit den 1980erJahren prognostizierte Trend zum ‹War for Talents› bestätigt sich in unerwarteter Deutlichkeit», kommentiert Falk von Westarp, Country Manager Switzerland bei Monster Worldwide, die Ergebnisse einer Studie, die das Unternehmen beim Center of Human Resources Information Systems der Universitäten Bamberg und Frankfurt am Main in Auftrag gegeben hat. Laut der Studie sind heutzutage drei von zehn Vakanzen nur schwierig oder gar nicht zu besetzen. Es fehlen dazu die qualifizierten Arbeitskräfte und Hochschulabgänger.

Rekrutierung immer schwieriger

Die Befragung von 500 Schweizer Firmen ergab, dass zwar nur 28,1% der Befragten Neueinstellungen planen (2008 waren es noch 64%), doch schwindet bei einem Drittel die Zuversicht, dass die Rekrutierung geeigneter Kandidaten leichter wird. Die Krise drückt jedoch nicht auf die Zuversicht in Bezug auf die Geschäftsentwicklung. Im Gegensatz zum Vorjahr steigt der Optimismus bei der Bewertung «gut» von 35,1 auf 46,2%. Auch die Zahl der Pessimisten verminderte sich bei der Note «schlecht» von 17,5 auf 9.2%. Diese und andere Ergebnisse resultieren aus der Arbeitgeberstudie Recruiting Trends 2010, die Monster Schweiz zum vierten Mal in Folge publiziert hat.

Spezialisten gesucht

Optimismus herrscht bei PricewaterhouseCoopers Schweiz: «PwC hat eine klare Wachstumsstrategie und sucht daher intensiv nach neuen Mitarbeitern», bestätigt Christoph Lüscher, Territory Human Capital Leader bei PwC. «Wir investieren viel Energie in die Rekrutierung, sind dabei aber sehr vorsichtig und selektiv, damit wir stets die richtigen Leute einstellen.» Gemeint sind über 200 Hochschulabsolventen pro Jahr, um sie zu Wirtschaftsprüfern und Steuerexperten auszubilden.

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Siemens Schweiz spürt den Fachkräftemangel ganz besonders im Spezialistenbereich. «Auch während der Finanzkrise kam die Suche nach Spezialisten, vor allem Ingenieure, Informatiker und Betriebswirtschaftler, bei uns nie zum Stillstand», sagt Garry Wagner, Country Head Human Resources. «Momentan weitet sich bei uns die Anzahl offener Stellen wieder deutlich aus.» Das betreffe oft neue Stellen in den Wachstumsgebieten wie Energieeffizienz, Mobilität und IT-Integration, präzisiert der HR-Chef.

Die Fluggesellschaft Swiss erfreut sich dank ihres attraktiven Brands und vordersten Plätzen im Employer-Ranking von Universum einer grossen Beliebtheit beim akademischen Nachwuchs. Trotzdem ist gemäss Jürg Dinner, Leiter der Unternehmenskommunikation, der Fachkräftemangel auch bei Swiss ein brennendes Thema. Offene Stellen gibt es bei der Airline vor allem in den Bereichen IT, Einkauf und Technik.

Bei Novartis International AG werden derzeit 532 offene Stellen auf der Homepage ausgeschrieben. Davon richten sich die meisten an Wissenschaftler oder Hochschulabsolventen aus den Bereichen Biologie, Pharma, Chemie, Medizin, Neurowissenschaften - aber auch an Juristen und Programmierer. Insgesamt würden weltweit Fachkräfte oder Absolventen von fast sämtlichen Fakultäten angesprochen, teilt Michael Schiendorfer, Head PR Switzerland, mit.

Ländliche Gegenden betroffen

Sowohl Novartis wie auch andere Unternehmen bekunden jedoch Mühe, die Stellen adäquat zu besetzen. «Die Suche nach geeigneten Bewerbern gestaltet sich zunehmend anspruchsvoller», teilt etwa Franz Kuntz, Sprecher beim Chemiegiganten BASF Business Center Switzerland, mit. Besonders bei der Einstellung von Hochschulabsolventen gebe es Spezialdisziplinen, bei denen die Suche manchmal etwas länger dauert. Das Gleiche gilt für die Besetzung offener Ausbildungsplätze, die sich gemäss Kuntz auch schon mal mühsamer gestalte.

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Ohne Strategie kein Erfolg

Bei Raiffeisen Schweiz stehen ebenfalls qualifizierte Fachkräfte im Fokus - Informatiker, Projektmanager, Kreditspezialisten, Firmenkunden- und Privatkundenberater. «Unsere Banken spüren einen gewissen Fachkräftemangel, insbesondere in ländlicheren Gegenden und im Fachgebiet Kredite», teilt Stefan Kern, Mediensprecher der Genossenschaftsbank mit.

Am häufigsten manifestiert sich der Fachkräftemangel in der IT-Branche. Diesen nach Möglichkeit zu beheben, sehen heute immer mehr Unternehmensberatungen als strategische Herausforderung. Das gilt zum Beispiel für Roland Berger in der Schweiz. Sven Siepen ist dort der Verantwortliche für Hochschulabsolventen und bezeichnet den Fachkräftemangel als «für uns eigentlich generelles Thema», das seit dem Beginn des Krieges um Talente nie an Brisanz verloren hat. Die Unternehmensberater bzw. Strategieberater bei Roland Berger kämpfen um jede gute Fachkraft, die sie bekommen können, wohl wissend, dass sie in ständiger Konkurrenz mit zahlreichen Mitbewerbern, aber auch Investmentbanken und Geschäftsbanken dieser Welt stehen.

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Derzeit sucht Roland Berger High-Profile-Kandidaten, was die akademischen Leistungen wie auch die berufliche Erfahrung und das soziale Profil angeht. Gefragt sind 120 Hochschulabsolventen für den deutschsprachigen Raum, speziell in den Fachrichtungen Naturwissenschaften, Ingenieurswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften, wie man dem Roland-Berger-Profil auf der Website des Absolventenkongresses entnehmen kann.

PricewaterhouseCoopers nutzt praktisch alle Kanäle, um Fachkräfte auf sich aufmerksam zu machen: Hochschulmarketing, Teilnahme am Absolventenkongress in Zürich und an Rekrutierungsmessen der Universitäten und Fachhochschulen, die eigene Website sowie externe Studenten- und Career-Websites.

«Open Days» zum Schnuppern

In verschiedenen Geschäftsstellen bietet das Beratungsunternehmen sogenannte Open Days an. Diese ermöglichen den Studenten, «einen Tag im Leben eines Beraters» zu absolvieren und so ganz verschiedene Berufsbilder, etwa eines Wirtschaftsprüfers, Steuer- und Rechtsberaters oder Wirtschaftsberaters, näher kennenlernen können. Über Internet und Facebook können sich Interessenten mit dem Berater vernetzen und über Inhalte, Berufsmöglichkeiten und Firmenwerte informieren.

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Siemens Schweiz hat nicht nur seinen Internet-Auftritt optimiert, der Technologie-Konzern bietet jährlich über 100 Studenten die Möglichkeit, Praktika, Diplomarbeiten etc. im Unternehmen zu absolvieren. «Die Rekrutierung von Spezialisten sind für uns langfristige Investitionen», betont Garry Wagner.

Kontakte über Facebook

«Wir nutzen alle möglichen Kanäle, allen voran unser Karriereportal auf swiss.com - unter anderem mit Mitarbeiter-Interviews», sagt Jürg Dinner von Swiss. Die Airline markiert auch Präsenz auf Facebook, nicht aber mit Jobprofilen. Xing, Twitter und auch der Firmen-Blog dienen indirekt der Rekrutierung.

Hochschulmarketing hat bei Swiss keine Priorität, dagegen ist das Unternehmen an Job-Messen und Absolventenkongressen regelmässig präsent, vor allem was die Rekrutierung von fliegendem Personal betrifft. Auch hier haben relativ viele Praktikanten die Chance, während ihrer Hochschul- oder Fachhochschulzeit sechs Schnuppermonate bei der Swiss zu verbringen, woraus sich oft ein Anstellungsverhältnis ergebe, sagt Dinner.

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