Der Boden in Othmarsingen zit- tert höchstens dann, wenn die Schnellzüge in Richtung Zürich oder Bern vorbeidonnern. Ansonsten ist das ruhige Aargauer Dorf das ideale Umfeld für GeoSIG: Hier entwickelt die kleine Firma sensible Hightech-Geräte, die heute in mehr als 80 Ländern kleinste Erschütterungen messen. Othmarsingen und die Schweiz haben viele Vorteile für die Firma: Das Ingenieurwissen und die guten Kenntnisse in Geologie und Software-Programmierung sind die ideale Basis, um die komplexe Technologie zu entwickeln.

Dabei nutzen die Aargauer eine alte Naturweisheit: Wirft man einen Stein ins Wasser, breiten sich die Wellen kreisförmig aus. Das gleiche Bewegungsmuster spielt sich ab, wenn irgendwo die Erde bebt. Das machen sich die Spezialisten von GeoSIG zunutze, die mit ihren Erdbeben-Frühwarnsystemen für den rechtzeitigen Alarm sorgen. «Zwar hatten wir bei der Gründung vor 18 Jahren zuerst eine längere Durststrecke zu überwinden», erinnert sich Co-Geschäftsleiter Johannes Grob an die harten Anfänge. Längst aber hat sich die GeoSIG etabliert.

Automatische Abschaltung

Weltweit sind heute Tausende der intelligenten Geräte der GeoSIG im Einsatz. Nebst der Erdbebenfrühwarnung dienen sie auch der Überwachung von Infrastrukturen. Brücken, Tunnel, Hochhäuser, AKW und Pipelines sind mit den Instrumenten bestückt, die heute von der GeoSIG in vielen Varianten geliefert werden. «Wir haben Lösungen für die meisten Probleme», erklärt Grob. Herzstück der ausgeklügelten Systeme sind hochsensible Sensoren. Sie messen die Erschütterungen, werten sie blitzschnell aus und speisen sie in ein umfassendes Alarmnetz ein. Im Notfall passiert dann vieles automatisch: Die Ventile von Gasleistungen schliessen sich, Züge stoppen, bevor sie auf Brücken oder in Tunnels fahren, Maschinen werden abgeschaltet. Die wenigen Sekunden zwischen Alarm und erster Zerstörungswelle können auch den Menschen entscheidende Rettungschancen bieten.

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«Es gibt für uns keine Grenzen», meint Grob mit Blick auf die Einsatzgebiete seiner Systeme. Also ist die GeoSIG auch dort präsent, wo andere Unternehmen aus der Schweiz die Segel gestrichen haben. Allein im letzten Jahr hat sie zum Beispiel im Iran sieben Staudämme mit Überwachungssystemen ausgestattet. Schwierigkeiten gab es laut Grob keine. Weil die Geräte der GeoSIG Leben retten, sind sie als humanitäre Hilfe eingestuft. So brauchte man eine Karte im Iran-Poker gar nicht zu spielen: Notfalls hätte Marketingleiter Reza Ghadim direkt vor Ort verhandeln können. «Doch das hat sich erübrigt», sagt der gebürtige Iraner, der in London aufgewachsen ist und in England studiert hat.

Schutz für Schweizer AKW

Dies sehen auch die USA so. Als Beweis nennt Grob einen Deal, der sonst nicht geklappt hätte: Die Firma kam beim Net-Quakes-Projekt in San Francisco zum Zuge und kann für das Erdbeben-Frühwarnsystem an der kalifornischen Küste rund 1000 Geräte liefern. Grob ist stolz, dass man sich in der Ausschreibung der US-Erdbebenbehörde gegen amerikanische Mitbewerber durchsetzen konnte. «Für uns bedeutet dies den Durchbruch auf einem besonders hart umkämpften Markt», so Grob. Der Zuschlag hat auf dem nordamerikanischen Kontinent bereits zu Folgeaufträgen geführt. Die kanadische Metropole Vancouver und Mexico-City haben ähnliche Systeme bestellt.

Schon länger eingerichtet ist das Erdbeben-Frühwarnsystem von Istanbul. Verkaufsleiter Talhan Biro zeigt mittels Computersimulation, wie es funktioniert. Über die Hardware hinaus sind im Netz Daten über die Bevölkerungsdichte, die Standorte von historischen Gebäuden, von Spitälern und wichtigen Infrastrukturen gespeichert. «Die Informationen erlauben es, sofort die am schwersten betroffenen Schadengebiete zu identifizieren und die Einsatzkräfte an die richtigen Stellen zu dirigieren», sagt Biro, der sich in seiner Heimatstadt am Bosporus zum Erdbebeningenieur ausbilden liess. Zusammen mit Marketingdirektor Ghadim trägt er nun seinen Teil bei zum multikulturellen Touch der Firma, deren 25 Beschäftigte sich auf 7 Nationalitäten verteilen.

Einige GeoSIG-Geräte stehen auch in der Schweiz im Einsatz: bei den Atomkraftwerken in Beznau, Gösgen und Leibstadt. Weltweit sind es mehrere Dutzend Meiler, die so überwacht werden. Zu den Bestellern der Instrumente gehören weiter Erdölfirmen wie Shell, die damit Pipelines unter Kontrolle halten. In Italien bauen die Aargauer gegenwärtig an einem dichten Netz zur Überwachung von Infrastrukturen und historischen Gebäuden.

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