Erfolgsgeschichten werden in der Schweiz viele geschrieben. In der Pharmabranche, in der Uhrenindustrie, im ­Eisenbahnbau oder in der Medizinaltechnik. Aber in der Modebranche? Da schweift der Blick nach Frankreich und Italien, er streift die USA und Grossbritannien. Aber er nimmt nur selten die Schweiz in den Fokus. Das allerdings könnte sich schon bald ändern. Denn MCM ist gerade gewaltig am Durchstarten.

Alles begann 1972 in München. Mit ­einem Coiffeursalon. Mara Cromer de­signte ein Logo für ihren Betrieb – Lorbeerzweige mit Schleife tragen die Buchstaben MCM. Es sieht aus, als könnte es römische Säulen zieren. Noch heute ziert das Logo praktisch jedes Produkt von MCM. Auf ­dessen Basis erschufen Mara Cromer und ihr Mann Michael Cromer in den 1980er Jahren ein kleines Imperium, das weit über den Coiffeursalon in München hinaus strahlte. Für Hollywood-Grössen wie ­Michael Douglas waren die Produkte von MCM ein Statussymbol, die Münchner Schickeria riss sich um die Lederwaren. MCM galt als die deutsche Antwort auf Louis Vuitton. Zu Spitzenzeiten setzte MCM fast 500 Millionen D-Mark um.

Das Comeback des Muschi-Clubs

Doch Michael Cromer, der sein Geld mit Erotikfilmen verdient hatte, trieb es zu bunt. Und achtete zu wenig auf das, was mit der Marke passierte. Fälscher fluteten den Markt, Cromer wurde wegen Steuervergehen angezeigt, er flüchtete in die Schweiz. In den 1990er Jahren wurde MCM in der besseren Gesellschaft zur Lachnummer. Statt für Modern Creation München stand das Akronym fortan für Muschi Club München. Nur noch ahnungslose Prolos kauften das Label.

Dann passierte jahrelang nichts, jedenfalls nicht in Europa. Das Label lebte fast nur noch in Asien, insbesondere in Korea. Es ist die Stunde von Sung-joo Kim, der in der Schweiz lebenden verstossenen und enterbten Tochter eines koreanischen Industriemilliardärs. Sie übernahm MCM 2005 – und war jahrelang die wohl einzige Person, die an eine grosse Zukunft mit MCM glaubte. Dem «Manager Magazin» sagte die in Zug lebende Unternehmerin kürzlich: «Ich glaube, dass man jede ­Marke, die eine Geschichte hat, wieder­beleben kann.»

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Kim ging radikal vor, mutig. Sie, die sich selbst Chief Visionary Officer nennt, nahm vorweg, was heute viele Luxuslabels anstreben. Nämlich die Vermählung mit der Popkultur. Sie engagierte den deutschen Adidas-Designer Michael Michalsky und liess ihn fast drei Jahre lang arbeiten. Dann schickte sie dem befreundeten K-Pop-Star und Schauspieler Rain einen Michalsky-Rucksack. Er schlug ein wie eine Bombe.

Der ehemalige Hype aus München zündete nun in Asien. Vorerst allerdings nur in Asien. Noch heute macht MCM rund 60 Prozent des Umsatzes in Asien. Obwohl Kims Holding in Zug sitzt, die Produkte in Zürich und Berlin designt werden und das wichtige Digitalgeschäft der Firma in New York gemanagt wird.

Zwei Volltreffer: Smith und Eilish

Designer Michalsky wurde mittlerweile von Dirk Schönberger, auch er mit Vergangenheit bei Adidas, abgelöst. Beim Sportartikler stilisierte er den Tennisschuh Stan Smith zu einem Kultobjekt. Und es gelang ihm für MCM der ganz grosse Coup. Er ­engagierte Billie Eilish als Werbegesicht noch vor deren ganz grossem Durchbruch als Mega-Antistar der Kids von heute. Und zeigte damit: Mit dem Muschi-Club von früher hat MCM nichts mehr zu tun. Wir sind zwar immer noch etwas prollig, aber eben hip-prollig. Und vor allem jung.

Was folgt, ist ohne Zweifel eine der grösseren Erfolgsgeschichten der Luxusindustrie. Made in Switzerland. Als Kim MCM übernahm, lag der Umsatz bei 60 Millionen Euro. Letztes Jahr lag er jenseits von 800 Millionen Euro. Die Milliardenschallmauer ist in Reichweite. Im Klartext: Kim hat eine klinisch tote Marke zu einer Riesin geformt, die heute in der gleichen Umsatzliga spielt wie Versace, Tod’s oder Tory Burch.

Und das Geschäft dürfte hochgradig profitabel sein. 80 Prozent des Umsatzes macht MCM mit Taschen aller Art. In der Luxusindustrie gelten Taschen mit Margen von 40 bis 75 Prozent als eigentliche Gewinnmaschinen.