Der Sonntag verspricht Hochspannung. Für die Stromwirtschaft, aber auch für Energieministerin Doris Leuthard. Sie, die einst nach dem Unfall von Fukushima den Atomausstieg der Schweiz angekündigt hatte, diesen aber nur halb durchs Parlament brachte. Nimmt das Volk die Atomausstiegsinitiative an, muss Leuthard bereits in einem Jahr die ersten Kraftwerke abstellen. Einen «chaotischen» Ausstieg nennen das die AKW-Verteidiger. Von einem «geordneten» sprechen die Atomkritiker.

Ob chaotisch oder geordnet – mit dem sofortigen Ausstieg käme nicht nur Leuthard an die Grenzen, sondern auch das Stromnetz. Denn kurzfristig müsste der Ersatz für den Atomstrom aus dem Ausland importiert werden. Das ist zwar grundsätzlich möglich, fliesst doch ein Mehrfaches des fehlenden Stroms im internationalen Transit täglich durch die Schweiz. Doch das hiesige Netz ist auf so viel Importstrom nicht vorbereitet.

Vor allem Bern, wo Mühleberg heute 370 Megawatt Strom ins Netz drückt, könnte unterversorgt sein. In der Bundesstadt drohen die Lichter zu flackern. Das Problem ist hausgemacht. Denn die Branche hat es versäumt, Importkapazitäten zu schaffen.

Holprige Ausfahrten

Die Stromkonzerne bauten die dicken Leitungen ins Ausland nicht zur Landesversorgung, sondern um im internationalen Handel Geld zu verdienen. Anders gesagt: Durch die Schweiz führen fünfspurige Stromautobahnen. Doch ihre Ausfahrten sind holprig und eng. Muss plötzlich mehr Strom über die wenigen Abgänge ins Regionalnetz abgezweigt werden, kommt es zu Stau.

«Diese Leitungen wurden für den Transit nach Italien gebaut», sagt Werner Geiger, Strommarktexperte und früheres Mitglied der Elektrizitätskommission (Elcom). Man habe sie zwar ans Schweizer Netz angebunden, damit die eigenen Kraftwerke in den Export einspeisen konnten. «Erst jetzt merkt man aber, dass man diese Leitungen auch für den Eigenbedarf brauchen könnte.»

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Leuthards Dilemma

Energieministerin Leuthard wäre bei einem Ja vor das Dilemma gestellt: Lässt sie Mühleberg per Notdekret länger am Netz und missachtet den Verfassungsauftrag? Oder setzt sie Einspracheverfahren ausser Kraft, die den Bau von Stromleitungen verzögern? Sie dürfte Ersteres wählen. Denn bereits heute zeigt sich, dass dafür wohl eine politische Mehrheit bestünde. Er würde die sorgfältige Planung der Abschaltung höher gewichten als das Jahr 2017, sagt SP-Nationalrat Nussbaumer. «Das scharfe Datum 2017 ist sicher die Schwäche dieser Initiative. Die Stärke ist, dass endlich verbindlich geplant und umgesetzt würde.»

Weniger problematisch für das Netz – im Vergleich zu Mühleberg – ist der Ersatz der Produktion der grossen Kraftwerke Leibstadt und Gösgen. Sie liefern ihren Strom direkt auf die Autobahn. Von dort wird er schon heute für die Schweizer Versorgung heruntertransformiert. Müsste man diesen Strom durch Importe ersetzen, wären die Ausfahrten ins Regionalnetz vorhanden.

Ähnliches gilt für das AKW Beznau. Zwar speist dieses direkt ins Regionalnetz ein und für Ersatzstrom aus dem Ausland fehlen derzeit die Transformatoren. Diese werden jedoch bereits im kommenden März installiert sein, sagt Swissgrid-Sprecherin Fischbach. Den Auftrag dazu sprach die Netzbetreiberin im vergangenen Winter, als in der Schweiz aufgrund des Ausfalls mehrerer Kraftwerke akuter Strommangel herrschte.

Historische Versäumnisse

Dass das Schweizer Netz nicht auf Importe vorbereitet ist, hat mit der Geschichte zu tun. «Bis 2011 ging man davon aus, dass der Hauptbedarf jederzeit von Schweizer Kraftwerken gestillt werden konnte», sagt Strommarktexperte Geiger. «Und für alles darüber hinaus plante man ein paar Gaskraftwerke.» Doch diese wurden nie gebaut. Und mit dem Anti-AKW-Kurs Leuthards nach Fukushima war das Netzkonzept grundlegend überholt.

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Hinzu kommt: Gebaut wurde das Netz von regionalen Monopolisten, die den Strom für ihre Kunden in eigenen Kraftwerken herstellten. Import war weder vorgesehen, noch erwünscht. Und zumindest letzteres gilt bis heute. Entsprechend ungern übergaben die Stromkonzerne ihre Hochspannungsleitungen vor ein paar Jahren an die neu gegründete Swissgrid. Sie verloren die Hoheit über das Netz. Und damit auch über die Stromflüsse.

Die Flaschenhälse an den Autobahnausfahrten sind für die Stromproduzenten nämlich hoch lukrativ. Sie verteuern Importe in die Schweiz und wirken so wie ein Zollschutz für die Stromwirtschaft. «Die Produzenten haben ein Interesse am Engpass», sagt Experte Geiger. «Da geht es um viel Geld.»

Import käme günstiger

Mit Blick auf den Atomausstieg stellt sich die Frage: Investiert die Schweiz in eine bessere Anbindung ans Ausland oder setzt sie die Priorität auf die Anbindung der Walliser Kraftwerke ans Inlandnetz? «Aus Sicht der Konsumenten wäre der Import zurzeit sicher die günstigere Variante», sagt Dümmler.

Energieministerin Leuthard hofft derweil wohl auf eine andere Lösung: Ein Nein am Sonntag. Zwar zeigte die letzte Umfrage der SRG noch einen leichten Vorsprung der Ausstiegsbefürworter. Doch im Vergleich zu einer früheren Umfrage ist er bereits deutlich gesunken.