Christoph Franz musste viel Häme ertragen, als er im Herbst vergangenen Jahres seine Rückkehr in die Schweiz bekanntgab. Er sei abgehalftert bei der Lufthansa und müsse deshalb als Verwaltungsratschef zu Roche, hiess es.

Am Sanierungsprogramm «Score» gescheitert, lasse er die deutsche Fluggesellschaft in einer schlimmen Lage zurück. Jetzt könne es für Deutschlands grösste Airline nur noch aufwärts gehen. So der Tenor, den wohl nicht zuletzt Lufthansa-Mitarbeiter bestimmten, die wegen Franz' Sparentscheidungen um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen.

Jetzt ist es so weit. Am Mittwoch läuft Franz' Vertrag in Frankfurt bei der Lufthansa aus. Ab diesem Zeitpunkt ist der 53-Jährige nur noch Verwaltungsratschef beim Schweizer Pharmariesen.

Und glaubt man Leuten, die die Unternehmenskultur in unserem Nachbarland gut kennen, dann ist das für Franz ein Glücksfall. So wie für die meisten Deutschen, die auf den Posten des Verwaltungsratschefs oder in einen anderen hochrangigen Managementjob zu den Eidgenossen wechseln.

Geld, berufliche Freiheit und Sicherheit

Offiziell sind es natürlich die spannenden Jobs mit internationalem Umfeld, die die Manager aus Deutschland in die Schweiz locken. In Wirklichkeit aber ist es wohl eine Mischung aus Geld, beruflicher Freiheit und der Sicherheit der Schweiz. «Der Job des Verwaltungsratschefs bei Roche ist wie ein Sechser im Lotto», sagt der renommierte Personalberater Heiner Thorborg daher. «Da sagt keiner Nein.»

Thorborg hat jede Menge Gründe zur Hand. Das Arbeiten sei angenehmer: «Sie haben keine Mitbestimmung, die es für sie als Verwaltungsratschef schwieriger macht und ihre Bewegungsfreiheit gegenüber dem Vorstand einschränkt.» Mehr Verantwortung als der deutsche Aufsichtsratschef hat sein Schweizer Pendant, damit aber auch deutlich mehr Macht. «Und er verdient natürlich auch deutlich mehr Geld.»

Gut dotiert seien diese Jobs oftmals, bestätigt Michael Kühne, der mit seinem Transportunternehmen Kühne + Nagel 1969 von Hamburg in die Schweiz übergesiedelt ist.

Noch dazu aber hat ein Manager auf diesem Posten weitreichende Macht, anders als in Deutschland: «Der Verwaltungsrat ist in der Schweiz das geborene geschäftsführende Organ eines Unternehmens», sagt Kühne. Und der Chef des Verwaltungsrats habe nicht nur gegenüber der Geschäftsleitung eine Machtposition. Er sei auch im Verwaltungsrat eine Autorität.

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«Angebot, dass ich nicht ablehnen konnte»

Wer kann zu dieser Kombination schöner Dinge schon Nein sagen? Ein Unternehmen wie Roche, das geschäftlich besser dasteht als der bisherige Arbeitgeber. Das nicht durch streitsüchtige Kleinaktionäre, sondern vor allem eine Familie beherrscht wird, die einem vertraut.

Und dafür gibt's dann auch noch deutlich mehr Geld, angeblich rund sieben Millionen Euro im Jahr. «Ich habe», sagte Christoph Franz im Januar der «Welt am Sonntag«, «einfach ein Angebot bekommen, das man nicht ablehnen konnte, weil es nur einmal im Leben daherkommt.»

Freiheit statt Korsett. Als Vorstandschef eines deutschen Konzerns sei man sehr eng getaktet, der eigene Kalender treibe einen durch den Tag, so Franz. Da bleibe wenig Zeit, sich einmal zurückzulehnen und über strategische Fragen nachzudenken. «Dass ich diese Möglichkeit in meiner künftigen Aufgabe haben werde, darauf freue ich mich.» Und dass seine Familie in der Schweiz lebt, macht den Wechsel nur noch einfacher.

Franz ist ganz offensichtlich nicht der Einzige, der die Arbeit bei den Eidgenossen attraktiv findet. Managementposten in der Schweiz sind begehrt, erst recht, wenn man Verwaltungsratschef wird. Und besonders beliebt sind diese Posten bei Managern, die hierzulande aus dem alten Job ausscheiden.

Es sind die Erfolgreichen, die wechseln

Axel Weber etwa wechselte als Verwaltungsratschef zur Schweizer Grossbank UBS, nachdem er im Zoff mit der Bundesregierung und der Europäischen Zentralbank (EZB) den Posten des Bundesbankpräsidenten hingeschmissen hatte und nicht Chef der Deutschen Bank wurde.

Bei der UBS treibt er nun deren Umbau voran. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung ist er damit erfolgreicher als die neue Spitze der Deutschen Bank, der er mal vorstehen sollte – jedenfalls wenn es nach Josef Ackermann gegangen wäre, dem früheren Vorstandschef von Deutschlands grösster Bank.

Wolfgang Reitzle wiederum, Aufsichtsrat bei Axel Springer («Welt»-Gruppe, «Bild«) und scheidender Vorstandschef von Linde, ist zugleich Verwaltungsratschef beim Schweizer Zementhersteller Holcim. Hubertus von Grünberg, einst Chef des Autozulieferers Continental, ist seit 2007 Verwaltungsratschef von ABB.

Ex-Continental-Chef Manfred Wennemer war bis Ende 2013 Verwaltungsratschef des Schweizer Maschinenbaukonzerns Sulzer, und beim Schweizer Pharmariesen Novartis dominieren mit Jörg Reinhardt als Präsident und Ulrich Lehner als Vize gleich zwei Deutsche den Verwaltungsrat. Reizvoll ist die Schweiz für viele. Und es sind keineswegs, wie mancher hierzulande gern suggerieren würde, die Erfolglosen, die rübermachen.

Internationaler und spannender

Als Manager muss man aber gar nicht unbedingt Verwaltungsratschef werden, um die Schweiz schätzen zu lernen. Harry Hohmeister etwa, Chef der Schweizer Fluggesellschaft Swiss, schwärmt von der Eidgenossenschaft. In der Schweiz herrsche ein starker Wunsch nach Eigenständigkeit, man sollte keine übermässigen Dienstvorschriften aufstellen.

«Hier erlaubt man sich eher einmal, dem Chef zu sagen, was man lieber anders gelöst hätte. Und als Vorgesetzter wird man weniger aufgrund der Hierarchie akzeptiert, sondern stärker durch Leistung und bodenständige Arbeit», sagt Hohmeister. Die Schweiz führe uns als Deutschen vor Augen, dass Grösse allein kein Erfolgsfaktor sei.

Und Thorborg, der erfahrene Personalberater, führt auch noch an, dass die Schweiz im beruflichen Umfeld viel internationaler und damit auch spannender sei.

Viel seltener rieben sich die Schweizer bislang an ausländischen Vorstandschefs als die Deutschen. Hierzulande ist es für viele immer noch ein Ding, dass mit Anshu Jain nun ein Inder neben dem Deutschen Jürgen Fitschen die Deutsche Bank führt. Ausgerechnet Deutschlands grösstes Bankhaus, das zuvor schon unter dem Schweizer Josef Ackermann ständig für Schlagzeilen gesorgt hatte.

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Dass der Inder noch nicht einmal richtig Deutsch spricht, sorgt selbst in der Berliner Politik für Stirnrunzeln. In der Schweiz schienen solche scheinbar engstirnigen Nationalismen lange undenkbar.

«Schweiz ist unberechenbar geworden»

Nur hat sich die Stimmung gedreht. Dass die Schweizer für eine Begrenzung des Zuzugs von EU-Ausländern votiert haben, irritiert die Wirtschaftselite schwer, nicht nur die aus dem Ausland. «Die Schweiz ist unberechenbar geworden», sagt Kühne, der Transportunternehmer. «Das Land kann nicht auf einer Insel leben.»

Seine Firma brauche Topmanager aus vielen Ländern. Und er droht: «Sollte es tatsächlich zu Einschränkungen in der Zuwanderung kommen, müssen wir einen Teil unserer Hauptverwaltung irgendwo anders ansiedeln.» Er hoffe, dass die EU und die Schweiz noch einen Kompromiss in diesem Streit finden, mit dem alle Seiten gut leben könnten.

Längst suchen die Schweizer nach einem Kompromiss. Zumindest hoffen das die Betroffenen. Und auch in Deutschland gehen Beobachter davon aus, dass eine Lösung gefunden wird, die zumindest Führungskräfte von Beschränkungen verschont.

«Die Schweizer haben doch viel früher als wir Deutschen begriffen, dass es ihrer Wettbewerbsfähigkeit nicht gut tut, wenn sie die Spitzen ihrer internationalen Firmen nur mit Schweizern besetzen», sagt einer, der seinen Namen nicht genannt sehen will, und fügt hinzu: «Warum sollte sich das jetzt plötzlich geändert haben?»

Für gute Leute wie Franz oder Reitzle werde es in unserem Nachbarland immer einen Topjob geben. Und weil das so sei, würden gute Leute auch immer gern aus Deutschland in die Schweiz wechseln.

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Dieser Artikel ist zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» erschienen.