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Zugbau
Warum Peter Spuhler den Börsengang von Stadler prüft

Peter Spuhler
Peter Spuhler, 80-Prozent-Aktionär von Stadler: «Wenn wir etwas machen, muss es strategisch Sinn machen.»Quelle: 13 Photo

Finanziell steht der Zugbauer Stadler solide da. Trotzdem könnten frische Mittel aus einem Börsengang dem Unternehmen weiterhelfen.

Iseli
Von Marc Badertscher und Marc Iseli
am 14.09.2018

Mit erhöhter Kadenz poppen seit Wochen Meldungen auf, wonach Unternehmer Peter Spuhler seine Stadler rasch an die Börse bringen will. Banker berichten von weit gediehenen Gesprächen hinter den Kulissen, bereits kursieren konkrete Summen darüber, wie viele Millionen der Zugbauer aus Bussnang einnehmen will. Selbst Londons Finanz­presse schreibt über das Ostschweizer Familienunter­nehmen.

Ganz so schnell dürfte es nicht gehen. «Wir haben nicht im Sinn, morgen an die Börse zu gehen», sagt Spuhler. «Ich kann heute nicht sagen, ob es 2019 zum IPO oder ob es überhaupt zum Börsengang kommt. Das ist noch immer offen.»

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Die Geschichte von Stadler ist eine des grossen Wachstums auf dem heimischen Werkplatz - 7600 Angestellte, viele davon in der Schweiz. Ein Going-public würde mit Sicherheit zu den meist beachteten Börsengängen der letzten Jahre gehören. Doch Spuhler sagt: «Es gibt keinen fixen Plan. Richtig ist: Wir haben einen sogenannten Readyness-Check gemacht, um zu schauen, ob wir überhaupt für einen IPO bereit wären, und damit wir wissen, wo es noch Handlungsbedarf gäbe.»

Suche nach Übernahme-Targets

Das Unternehmen steht finanziell ­grundsolide da. Trotzdem könnten neue Finanzmittel für die weitere Expansion bereits in absehbarer Zukunft nötig werden. Stadler hatte immer wieder durch Übernahmen versucht, Lücken zu schliessen, sei es geografisch, bei Produkten oder technologisch. Zwei Wachstums­felder stehen im Vordergrund:

  • Das klassische Bahngeschäft: Stadler hatte sich bereits in den letzten Jahren geografisch diversifiziert. Diese Strategie ging bisher auf. Weitere Möglichkeiten könnten sich bald eröffnen, da der Bahnsektor zurzeit kräftig im Umbruch ist. Die Industriekonzerne Alstom und Siemens fusionieren gerade ihre Bahnsparten. In der Branche rechnet man damit, dass die Kartellbehörden Auflagen machen und sich der neue ­Gigant von einigen Geschäftsfeldern wird trennen müssen. Das könnte die Chance für Stadler sein, sollten attraktive Filet­stücke auf den Markt kommen.
     
  • Neue Technologien: Die Automatisierung im Bahnbereich birgt gleicher­mas­sen Chancen wie auch das Risiko, den Anschluss zu verlieren. Stadler entwickelte etwa eigene Lösungen für die Zugsicherung ETCS. Mit der U-Bahn Glasgow gewann das Unternehmen einen ersten Auftrag für einen Zug ohne Lokführer. Doch die Herausforderungen sind enorm. Es ist durchaus denkbar, dass Stadler grössere Akquisitionen von Technologiefirmen anstrebt, die nicht dem klassischen Bahngeschäft entstammen.

Konkret und spruchreif scheint noch nichts zu sein. Aber der interne Readyness-Check hat gezeigt, dass Stadler etwa bezüglich Rechnungslegung und Controlling die Voraussetzungen für einen ­Börsengang bereits erfüllen würde. Für Spuhler ist das kein Präjudiz. «Es gibt auch Alternativen zu einem IPO», sagt er. «Natürlich etwa die Stand-alone-Variante wie heute. Oder die Fusion mit einem strategischen Partner. Klar ist auf jeden Fall: Wenn wir etwas machen, muss es strategisch Sinn ergeben.»

«Bei einem IPO würde ich noch einen Anteil von unter 50 Prozent halten.»

Peter Spuhler

Zu den strategischen Fragen gehören allerdings nicht nur Wachstum und Übernahmen, sondern ebenso die Nachfolge von Spuhler als Patron und Hauptaktionär mit 80 Prozent Aktien­anteil. Ein Börsengang würde ihm ermöglichen, vorderhand im Führerstand zu bleiben, gleichzeitig aber die Basis für ­einen graduellen Rückzug zu legen. CEO ist er seit Anfang Jahr schon nicht mehr. «Wenn es zu einem IPO kommt, dann wird es eine Einheitsaktie geben, und ich würde nur noch einen Anteil von unter 50 Prozent halten. Das ist meine Meinung heute», erklärt er.

Nicht infrage kommt für den SVP-Mann der integrale Verkauf an die chinesische Konkurrenz. Ebenso mässig attraktiv ist ein Teilverkauf an einen einzelnen Private-Equity-Investor, der ohnehin meistens nach wenigen Jahren seinen Anteil wieder mit Gewinn weiterverkaufen will und Stadler in der Geschäftsentwicklung nur begrenzt weiterbrächte. Schwierig ist ebenfalls der grosse Zusammenschluss mit einem strategischen Partner. Nur noch rund ein Dutzend Konzerne konkurrieren miteinander - und jeder Zusammenschluss wäre wettbewerbsrechtlich heikel.

Peter Spuhler: Verheiratet in zweiter Ehe, drei Kinder.

Der richtige Zeitpunkt

Das alles macht die Variante IPO enorm attraktiv, vielleicht gekoppelt mit einem oder mehreren neuen starken Ankeraktionären. Auf jeden Fall wäre der Zeitpunkt aus drei Gründen günstig:

  • Offenes IPO-Fenster. Die Aktienkurse auf den Weltmärkten bewegen sich auf hohem Niveau, auch wenn die Risikobereitschaft der Investoren langsam rückläufig ist. Wenn die Märkte irgendwann wieder heftig korrigieren, sind Börsengänge schwieriger über die Bühne zu bringen.
     
  • Solide Börsen-Story: Zuletzt konnte Stadler einige Erfolge verbuchen. Dazu gehören etwa die Expansion in Spanien und die Hochgeschwindigkeitszüge für die SBB. Solche gut vermittelbaren Storys sind für einen Börsengang unabdingbar, um Anleger und Investoren zu über­zeugen.
     
  • Beschäftigte Konkurrenz: Die Bahn­bauer Alstom und Siemens sind mit ihrer Fusion beschäftigt. Das erleichtert es Stadler, im harten Konkurrenzkampf an Aufträge zu kommen. Aber bereits in zwei Jahren dürfte Alstom-Siemens zum noch mächtigeren Gegenspieler als schon ­heute avancieren, wenn die Fusion einmal verdaut ist. Die Konzerngrösse ist in diesem Projektgeschäft zwar nicht ­matchentscheidend, aber eben doch ein wichtiger Faktor.

Gedulden müssen sich vorderhand die Banken. Aus deren Kreisen heisst es,  Stadlers Hausbanken UBS und CS kämen bei einem Börsengang beide zum Handkuss. Auch der Name Bank of Amerika wird herumgereicht. Ein offizielles Mandat ist aber noch nicht erteilt.

Bilanz über die Schweizer Börsengänge

  • Seit 2008 haben 30 Unternehmen den Börsengang in der Schweiz gewagt. Alleine 2018 gab es sechs Listings: Klingelnberg, Polyphor, Ceva Logistics, Medartis, Sensirion, Senioresidenz (BX). Das ist ein Rekord. Sechs Börsengänge gab es sonst nur 2014.
     
  • Nur wenige Firmen haben auf dem Parkett den Turbo gezündet. Laut einer Auswertung der ZKB liefert Burkhalter (+495 Prozent) vor der VAT Group und Leonteq die beste adjustierte Performance. Orascom (–89 Prozent) hat sich am schlechtesten entwickelt.
     
  • Sollte das Bahnunternehmen Stadler an die Börse gehen, dürfte das Platzierungsvolumen im hohen dreistelligen Millionenbereich liegen. Zum Vergleich: Mit einem Volumen von 820 Millionen Franken war Ceva Logistics der grösste Börsengang 2018.
     
  • Die meisten Bahngiganten dieser Welt sind kotiert. Der grösste Zughersteller ist der chinesische Staatskonzern CRRC. Die Aktie wird in Hongkong und Schanghai gehandelt. Die Marktkapitalisierung liegt bei umgerechnet 31 Milliarden Franken.