Ostasien hat sich seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts als dritter Weltwirtschaftsschwerpunkt neben Europa und die USA geschoben. Unabhängig von anderen Faktoren ist dies aus Gründen des Business Risk Management für international tätige Unternehmen interessant. Wie die Finanzkrise erneut unterstreicht, sind selbst in weltweit verbundenen Wirtschaftsregionen zeitliche Verschiebungen in Krisen feststellbar. Für global operierende Unternehmen ergibt sich damit die Möglichkeit, ihre weltweite Geschäftstätigkeit vermehrt als risikobeschränkenden Faktor zu nutzen.

Viele schweizerische KMU haben sich seit über 20 Jahren in der Volksrepublik China etabliert. Dies hat in den meisten Fällen nicht zu einer radikalen Reduktion der Produktion in der Schweiz oder Europa geführt, sondern es hat sich damit ein interessanter, zusätzlicher Produktionsstandort und in vielen Fällen auch ein besserer Zugang zum sich entwickelnden chinesischen Binnenmarkt ergeben. Allerdings braucht das chinesische Umfeld die volle Aufmerksamkeit der Geschäftsleitung zu Hause - und eine tüchtige Geschäftsleitung vor Ort -, denn einfach sind Produktion und Verkauf in China nicht.

Wie ist nun die aktuelle Wirtschaftslage in China einzuschätzen, wenn wir auch diesen Markt in die globale Risikoverteilung des Unternehmens einbeziehen wollen? Die statistischen Fakten zeigen auch in China einen Einbruch im Jahre 2009. Die Wachstumsrate von 8,7% verschleiert dies etwas, da das Jahr stark durch die Konjunkturmassnahmen der Regierung im Infrastruktur- und Immobiliensektor beeinflusst worden war. Tatsächlich trugen die Investitionen zum Wachstum bei. Dieses wurde andererseits jedoch durch den schwachen Aussenhandel etwas gebremst. Der Konsum hat unter dem Einfluss von staatlichen Massnahmen ebenfalls etwas zugenommen. Die Beständigkeit der Konsumzunahme wird allerdings stark davon abhängen, ob die Entwicklung der Mittelklasse weiterhin anhält und ob sie vom Staat gefördert wird.

Anzeige

Mittelfristig positive Aussichten

Auch die Einbussen im Industriebereich haben sich in Grenzen gehalten und die Exportseite wurde weniger stark betroffen, als zu Beginn des Jahres 2009 noch befürchtet worden war. Ein- und Ausfuhren haben 2009 nur um rund 14% abgenommen. Nach einem kurzen Einbruch der Handelsbilanz im März 2010 ist diese im ersten Quartal 2010 jedoch erneut positiv ausgefallen. Dies wird den Aufwertungsdruck auf den Renminbi längerfristig aufrechterhalten. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass unter dieser doch immer noch starken staatlichen Kontrolle der Binnen- und Aussenwirtschaft Chinas die Entwicklung mittelfristig positiv ablaufen dürfte.

Offene Tore für Schweizer KMU

Das Potenzial für Schweizer Unternehmen in China ist somit weiterhin vorhanden und sollte von einigen noch besser genutzt werden. Nicht verschwiegen werden darf allerdings, dass der chinesiche Produktionsstandort Schwierigkeiten birgt, mit denen wir uns im Westen wenig befassen. Westliche Unternehmen sind fast in jeder Hinsicht mit der dynamischen Sicht der Wirklichkeit in China konfrontiert. Das unternehmerische Umfeld weist kaum Stabilität auf und erlaubt es der Geschäftsleitung noch weniger als im Westen, längerfristige Businesspläne zu entwickeln oder sich gar zurückzulehnen. Ein ständiges Caring und Coaching der Mitarbeiter ist insbesondere notwendig, um deren Loyalität zu halten.

Unsicheres rechtliches Umfeld

Ein laufendes Monitoring des unternehmerischen Umfeldes ist unabdingbar, namentlich auch in Bezug auf die Haltung der lokalen Regierung. Das rechtliche Umfeld weist keine mit dem Westen vergleichbare Sicherheit auf, neue Gesetze werden sehr kurzfristig umgesetzt, manchmal mit rückwirkender Wirkung, und können unternehmerisch starke Auswirkungen haben. Die ab Januar 2008 in Kraft gesetzte neue Arbeitsgesetzgebung, welche die Produktionskosten je nach Produkt von einem Monat auf den nächsten um 15 bis 25% erhöht hatte, ist ein Beispiel dafür. Die Reaktionen der chinesischen Firmen auf diese Kostenerhöhungen dürften einen der Gründe darstellen, warum die Finanzkrise ein Jahr später weniger Auswirkungen auf die chinesischen Produzenten hatte als auf ihre weltweite Konkurrenz. Die Unternehmen hatten sich bereits mit Schwierigkeiten auseinanderzusetzen begonnen und wurden von der Finanzkrise mental nicht unvorbereitet getroffen.

Die Marktchancen locken

Investitionen in China lohnen sich im Produktionsbereich oft nur noch dort, wo der Markt die Nähe der Produktion verlangt, wo ein Produkt anspruchsvolle Handarbeit erfordert oder wo Produkte für den Mittelmarkt in China neu entwickelt werden. In den meisten Fällen ist es die Attraktion des chinesischen Marktes, der schweizerische Unternehmen immer mehr anzieht. Mit den steigenden Einkommen kommen die relativ teuren schweizerischen Qualitätsprodukte vermehrt in den Fokus der chinesischen Konsumenten. In vielen Fällen hapert es allerdings noch an der Bekanntheit dieser Produkte, sodass anfänglich vor allem für Konsumgüter von relativ grossen PR-Investitionen ausgegangen werden muss, die im Mutterhaus Stirnrunzeln verursachen können. Doch ohne Säen kann auch in China nicht geerntet werden, und unsere schweizerischen KMU-Felder liegen leider oft zu weit vom chinesischen Markt entfernt, als dass der Käufer unsere Marken kennen würde. Grundsätzliche Aufbauarbeit ist hier oft noch zu leisten. Damit wird eine längere Aufbauzeit für China-Investitionen zum Muss, ein Engagement kostet gerade zu Beginn meist beträchtlich mehr als geplant, nimmt mehr Zeit in Anspruch und verlangt auch einen wesentlich grösseren Einsatz der Geschäftsleitung zu Hause, als dies in Europa der Fall wäre. Nicht Ziele, sondern Personen stehen in China im Mittelpunkt.

Anzeige

Ob es China gut oder schlecht geht, die Welt kommt nicht mehr um das Land herum. Eine China-Einschätzung hat deshalb nicht nur von einer Gutwetterlage auszugehen, wie sie China selber gerne sieht, sie hat auch Schlechtwetterprognosen einzubeziehen. Dies gilt umso mehr, als kein Land nur in Schönwetterperioden lebt, diese werden immer von Gewittern abgelöst. China ist hier nicht anders zu beurteilen, höchstens schwieriger, weil es für uns physisch und psychisch immer noch weit entfernt liegt.