Die Top-Manager des Schweizer Lebensversicherers Swiss Life sind gegenwärtig nicht zu beneiden: Der Konzern gleicht der Stadt Zürich, in der sich eine Baustelle an die nächste reiht. Zum einen muss der Versicherer seine Effizienz massiv erhöhen. In einer Analyse wurden Kostennachteile gegenüber der Konkurrenz von bis zu 350 Mio Fr. ausgemacht. Die Folge sind nun Einsparungen in dieser Grössenordnung bis 2012 und der Abbau von konzernweit 520 Stellen. Zum anderen muss das Sorgenkind AWD endlich auf Vordermann gebracht werden. Im ersten Halbjahr 2009 resultierte beim deutschen Finanzberater ein Betriebsverlust von 10,3 Mio Euro, den Swiss-Life-CEO Bruno Pfister als «enttäuschend» bezeichnet.

Die Rechnung geht nicht auf

Die im letzten Jahr für 1,16 Mrd Euro getätigte AWD-Akquisition bleibt in Anlagerkreisen somit umstritten. Auf Skepsis stossen nebst dem hohen Preis, der unmittelbar vor Ausbruch der Finanzkrise bezahlt wurde, das Synergie- und das Wachstumspotenzial. Schaut man sich die Zahlen etwas genauer an, dann ist die AWD-Rechnung zumindest für Deutschland aufgegangen.

Deutschland ist für Swiss Life ein Wachstumsmarkt, doch haperte es bislang mit dem Vertrieb von eigenen Produkten. Dies sollte dank AWD verbessert werden - und das ist im 1. Semester 2009 auch gelungen. Die Prämieneinnahmen aus dem deutschen Markt stiegen um 14%, was doppelt so hoch ist wie der Markt. Der Gesamtumsatz von AWD jedoch ist im gleichen Zeitraum um 20% auf 258 Mio Euro eingebrochen. Grosse Probleme hat der Finanzvertrieb insbesondere in Grossbritannien (-40%), wo das Geschäft laufend reduziert wird, sowie in Österreich und Osteuropa (-45%), die von den Swiss-Life-Strategen einst als Wachstumstreiber angepriesen worden waren.

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Auswirkungen der Krise

In den Augen von Manfred Behrens, CEO von AWD, ist diese negative Entwicklung eine direkte Folge der Wirtschaftskrise: «Das hohe Mass an Unsicherheit führt dazu, dass Kunden langfristige Anlageentscheidungen zurückstellen.» AWD ist nicht der einzige Finanzvertrieb, der unter der Krise leidet. Die Umsätze und Ergebnisse sind auch bei den börsenkotierten MLP und OVB um gut 20% eingebrochen. Marktführer DVAG erwartet für 2009 schlechte Zahlen.

AWD rechnet bis Jahresende mit einem einstelligen Umsatzrückgang. Das als Gegenmassnahme ergriffene Restrukturierungsprogramm heisst «Milestone» und soll bis 2012 die Kosten um 95 Mio Euro reduzieren. Die Holding-Aufwendungen werden von zurzeit 7% des Konzernumsatzes auf 3 bis 4% gekürzt. Das Geschäft in Österreich und in Grossbritannien wird neu positioniert und massiv verkleinert. Zudem werden laufende Sponsoringprogramme nicht verlängert. Behrens ist überzeugt: «Mit den jetzt eingeleiteten Massnahmen werden wir die Wettbewerbsfähigkeit der AWD-Grupnachhaltig verbessern.»
 

Nachgefragt
«Ziel für AWD ist ein Ertrag von 130 Millionen Euro»

Der CEO von Swiss Life, Bruno Pfister, äussert sich zu den Problemen und den strategischen Zielen mit AWD. Eine Kapitalerhöhung schliesst er aus.

Die Investoren sind von der AWD-Übernahme noch immer nicht überzeugt. Haben sie nun mit den roten Zahlen im 1. Semester recht bekommen?

Bruno Pfister: Der Kauf ist als langfristiger strategischer Schritt zu sehen. Er lässt uns am europäischen Markt für persönliche Finanzberatung teilhaben und schafft uns Zugang zu neuen Segmenten und Märkten. Bei einer zu erwartenden Wiederbelebung der Nachfrage nach Vorsorgeprodukten stimmen uns die Potenziale der AWD-Gruppe optimistisch: Rund 82% der Abschlussprovisionen resultieren aus langfristigen Vorsorge- und Sparprodukten.

Was läuft mit AWD falsch?

Pfister: Hauptgrund für die derzeitig unbefriedigende Ertragslage der AWD-Gruppe sind das schwierige Branchenumfeld und unsere Herausforderungen in UK und Österreich. Wir haben klare Vorstellungen, wie AWD wieder profitabel werden kann, und haben deshalb ein tiefgreifendes Restrukturierungsprojekt aufgesetzt. Klar hervorzuheben ist, dass die Optimierungsmassnahmen AWD auf eine neue Kostenbasis stellen und optimal für nachhaltiges profitables Wachstum vorbereiten. Wir reduzieren bis 2012 die Kosten bei AWD um 95 Mio Fr.

Wie wollen Sie die Integration vorantreiben und verbessern?

Pfister: Das Geschäftsmodell von AWD ist zukunftsweisend. AWD hat die persönliche Finanzberatung für Kleinkunden praktisch erfunden. Das möchten wir nicht ändern. Von dieser Erfahrung und Durchschlagskraft können wir profitieren, sobald Kundinnen und Kunden wieder vermehrt Vorsorgelösungen nachfragen. Die Finanzkrise hat hier bei vielen zu einer Zurückhaltung geführt.

Swiss Life hatte bei der Akquisition im Dezember 2007 bereits für 2009 einen positiven Einfluss auf den Gewinn je Aktie verkündet. Wann wird dies der Fall sein?

Pfister: Unser Ziel für AWD bleibt, mittelfristig einen Ertrag von 130 Mio Euro zu erzielen. Aufgrund der heutigen Planungen sehen wir keinen Anlass, unsere Ziele für AWD zu ändern.

Die Goodwill-Prämie in der Konzernbilanz aus der AWD-Transaktion beträgt 1,3 Mrd Fr. Muss Swiss Life entgegen Ihren Aussagen nun doch Abschreibungen vornehmen?

Pfister: Wie gesagt, wir sehen gegenwärtig keinen Grund, unsere Ziele für AWD zu ändern.

Sie haben ein massives Sparprogramm angekündigt. Drängt sich als nächster Schritt eine Kapitalerhöhung auf?

Pfister: Nein.

Warum nicht?

Pfister: Die Kapitalbasis ist trotz Finanzkrise stabil geblieben. Unsere IFRS-Solvabilität ist mit 155% solide. Die statutarische Solvabilität des Stammhauses beträgt per Ende Juni 190%.