Walter Kielholz, der designierte Präsident des angeschlagenen Rückversicherers Swiss Re, hat das Glück auf seiner Seite. Noch vor einem Monat hätte kaum jemand damit gerechnet, dass der Co-Architekt der neuen Swiss Re die unternehmerische Fehlleistung überleben würde. Als Folge des halsbrecherischen Ausflugs ins Investment Banking musste der Traditionskonzern Milliardenabschreiber hinnehmen, einen Kurssturz der Aktie (minus 85% seit Januar 2008) und vor allem einen immensen Vertrauensverlust.

Doch Kielholz, der bisherige Vizepräsident und unumstrittene starke Mann im VR des Rückversicherers, der Strategie und Personalentscheide überwacht und diktiert, wird am 1. Mai das Präsidium übernehmen. Und dies trotz Protesten von frustrierten Aktionären an der Generalversammlung vom kommenden Freitag und der Stiftung Ethos.

Die Nomination von Kielholz erfolgt aus drei Gründen: Erstens ist es im Swiss-Re-VR zu vier Vakanzen gekommen. Thomas Bechtler und Bénédict Hentsch treten nach Ablauf ihres Mandats nicht zur Wiederwahl an. Kaspar Villiger hat nach seiner Wahl zum UBS-Präsidenten seinen Rücktritt ebenso eingereicht wie der bisherige Präsident Peter Forstmoser.

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Mangel an Spezialisten

Zweitens hat der Konzern klar signalisiert, dass er zurück zum traditionellen Kerngeschäft will. Dafür braucht es Spezialisten, die in der Finanzwelt rar gesät sind. Der Swiss-Re-VR verfügt in der Person von John Coomber, der den Konzern zwischen 2003 und 2005 führte, über einen ersten Kenner der komplexen Materie. Der 60-jährige Brite brachte die Swiss Re nach den Terroranschlägen von 2001 und den Rückschlägen an der Börse wieder auf Kurs. Der zweite Kenner ist Mathis Cabiallavetta, der Vizepräsident werden soll. Er war erster Präsident der neuen UBS, musste jedoch nach dem Debakel mit dem US-Hedge-Fonds Long Term Capital Management (LTCM) zurücktreten. Danach war er während zehn Jahren beim US-Versicherungsbroker Marsh & McLennan tätig. Nun soll Cabiallavetta an der Seite des neuen Präsidenten die Kapitalanlagen überwachen. Da er erst im April 2008 zur Swiss Re stiess, ist er für die gescheiterte Strategie nicht mitverantwortlich. Der dritte Kenner ist Kielholz, der die Swiss Re von 1997 bis 2002 als CEO führte. Mit seinem Einstieg Ende 2002 bei der Credit Suisse als Troubleshooter, als die Grossbank Milliardenverluste schrieb, hat er sich Meriten verdient.

Der dritte Grund ist sein Machtnetz. Kielholz gilt als einer der bestvernetzten Manager in der globalen Finanzindustrie und hat sich bei der Swiss Re eine nahezu unantastbare Position geschaffen.

«Neubeginn findet nicht statt»

Zahlreiche Beobachter sind mit der Nomination nicht glücklich. «Ein Neubeginn mit unbefangenen Verantwortlichen findet nicht statt», sagt Georg Marti von der Zürcher Kantonalbank. Denn der VR stehe ähnlich wie der vorhergehende CEO Jacques Aigrain aufgrund der grossen Probleme (zu viele Risiken, schlechtes Ergebnis, ungenügende Kapitalausstattung) stark in der Kritik.

René Locher, Analyst von Sal. Oppenheim, erinnert daran, dass Kielholz den 15. September 2008, als Lehman Brothers unterging, für die immensen Probleme verantwortlich macht. Das sei aber nur die halbe Wahrheit, so Locher. Ein auf die Analyse und die Bewertung von Risiken spezialisiertes Unternehmen hätte sich auch mit einem derartigen Worst-Case-Szenario befassen müssen, meint Locher. Dafür trage Kielholz die Mitverantwortung.

 

 


In den Büchern des Rückversicherers befinden sich noch hohe Bewertungen

Die Swiss Re hatte per Ende 2008 Kreditderivate im Umfang von 16,9 Mrd Fr. in ihren Büchern. Diese waren zu durchschnittlich 75% des Nettowertes in den Büchern. Laut Analysten kann die Strategie, solche Papiere noch zu so hohen Werten in der Bilanz zu führen, Sinn machen, wenn ein Versicherer das Problem aussitzen möchte - und Abschreibungen umgehen will. Anders als eine Bank, wo Wertanpassungen viel schneller vorgenommen werden, kann ein Versicherer so vorgehen - «auch wenn bis zum Verfall Wert zerstört werden kann», sagt Spencer Horgan, Analyst bei der Deutschen Bank.

Die 4,8 Mrd Fr. an Hypothekenverbriefungen werden durchschnittlich mit 67% bewertet. Der 1,4 Mrd Fr. grosse US-Teil wäre, wenn man die vom Markt berechneten Indizes heranzieht, allenfalls noch 300 bis 400 Mio Fr. wert. Die Verbriefungen auf kommerzielle US-Liegenschaften stehen noch mit 3,7 Mrd Fr. und 75% des Nennwertes in den Büchern - hier liegen die gängigen Bewertungen 10% niedriger. Und bei den weiteren Produkten auf US-Geschäftsimmobilien ist der in der Bilanz ausgewiesene Wert 84%. Bei dieser 5,2-Mrd-Fr.-Position wäre demnach knapp 1 Mrd Fr. herauszunehmen.

Wenn die Swiss Re ähnlich hart wie eine Bank bilanzieren würde und müsste, wären per Ende März Abschreibungen in der Höhe von mindestens 2,3 Mrd Fr. vorzunehmen. Das markiert die untere Grenze - denn die Papiere, die mit Hypotheken aus anderen Ländern wie Spanien oder Grossbritannien unterlegt sind, sind noch nicht berücksichtigt. (mn)