Egal ob New York, London oder Zürich: Das Image der Finanzindustrie ist beim akademischen Nachwuchs noch reichlich ramponiert. Zwar stünden Bewerber dem Berufsbild wegen der Wirtschaftskrise kritischer gegenüber, an der Grundhaltung für den Job ändere dies aber nichts, behaupten Szenekenner.

Jungbanker würden sogar auf das angekratzte Image pfeifen, so der Tenor im angelsächsischen Raum. Dies wird vor allem darauf zurückgeführt, dass viele Hochschulabsolventen, die ihr Studium begannen, als die Finanzbranche noch boomte, nun nicht von ihrem Traumarbeitgeber abrücken möchten. Das anhaltende Interesse dürfte aber genauso mit dem nach wie vor attraktiven Gehaltsniveau zu begründen sein.

Kleinere Banken bedrängen UBS

Eine Ausnahme bildet die UBS, die wegen immer neuer Altlasten noch weit davon entfernt ist, ihre alte Strahlkraft wiederzuerlangen. In der Schweizer Ausgabe des «Trendence Graduate Barometer 2010» landet die UBS bei den Wirtschaftswissenschaftlern auf dem vierten Platz. 2009 und viele Jahre zuvor war sie die Nummer eins (siehe Tabelle Seite 54). Auch die Studenten des Ingenieurwesens und der Naturwissenschaften verweisen sie von Rang 11 auf 17.

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Vom Sympathiewandel profitieren hierzulande kleinere Banken wie Julius Bär (von Rang 17 auf 12), Morgan Stanley (von Rang 70 auf 58), aber auch die grösseren Finanzinstitute wie Raiffeisen (von Rang 32 auf 18) und die Zürcher Kantonalbank (von Rang 24 auf 21). Bei Raiffeisen zeigt man sich erfreut über das gute Ergebnis. Mediensprecher Stefan Kern führt dies auch auf die Anstrengungen zurück, die Raiffeisen im letzten Jahr gemacht habe, um die Attraktivität als Arbeitgeberin zu steigern. 2009 wurde ein Trainee-Programm für Hochschulabsolventen eingeführt, das sich schon jetzt grosser Beliebtheit erfreut.

SNB rutscht zur Normalisierung

Erstaunlicher scheint der Abstieg der Schweizerischen Nationalbank (SNB) bei den hiesigen Wirtschaftswissenschaftlern von Rang 8 auf 27. Dazu erklärt Kommunikationsleiter Werner Abegg: «Überraschender als der Rückgang 2010 war für die SNB eigentlich der Anstieg, den sie 2009 verzeichnete. Während die SNB 2008 auf Platz 23 lag, stieg sie 2009 auf Rang 9. Der jüngste Rückgang auf Platz 27 entspricht in diesem Sinne eher einer Normalisierung auf einem Niveau, wie es für die SNB schon in der Vergangenheit nicht untypisch war.» Der starke Anstieg 2009 stand wohl im Zusammenhang mit der Wahrnehmung der Nationalbank im Sog der Wirtschaftskrise.

Versicherungskonzerne verlieren

Zu den Absteigern zählt auch Swiss Life. Der Versicherungskonzern rutscht tief von Rang 45 auf 85. Mediensprecher Zeno Geisseler kann die Umfrageergebnisse aus Unternehmenssicht hingegen nicht bestätigen. Swiss Life erhalte viele Anfragen von interessierten Abgängern von Fachhochschulen und Universitäten. Ihnen werde ein direkter Einstieg in die verschiedensten Bereiche des Versicherungs- und Anlagegeschäfts oder die Informatik geboten. Jungtalente würden von Anfang an begleitet und mit einer massgeschneiderten Ausbildung gefördert. Swiss Re musste nicht überraschend ebenfalls Abstriche hinnehmen: Von Rang 22 auf 30.

Beratungsunternehmen tauchen

Wegen der Wirtschaftskrise leidet auch die Attraktivität von Beratungsunternehmen, wenn auch in unterschiedlichem Mass. Schweizer Wirtschaftswissenschaftler zeigen der Boston Consulting Group die kühle Schulter: Der Konzern wird von Platz 10 auf 28 verwiesen. PricewaterhouseCoopers taucht von Platz 4 auf 8 und McKinsey von Platz 15 auf 19. Roland Berger wandert nochmals weiter nach unten: Von Platz 58 auf 76.

Pharmabranche steigt ebenso ab

Novartis rückt bei den Wirtschaftswissenschaftlern zwar von Rang 18 auf 11 vor, verliert aber bei den Studenten des Ingenieurwesens und der Naturwissenschaften den ersten Platz und liegt nun an sechster Stelle. Der gesamten Pharmabranche ergeht es nicht viel besser: Roche fällt von Platz 32 auf 37. Ciba, seit letztem Jahr Teil der BASF, rutscht von Platz 80 auf 89, bei den Studenten des Ingenieurwesens und der Naturwissenschaften stürzt Ciba sogar von Platz 19 auf 48. Zu den Absteigern gehören auch Syngenta, Merck Serono, Bayer Schweiz und Lonza.

Industrieunternehmen legen zu

An der Spitze des Barometers für Ingenieure und Naturwissenschaftler liegt ABB an erster Stelle, gefolgt von Google und IBM. Überhaupt profitiert die Industrie von einem neu erwachten Interesse. Dazu gehören neben Apple auch Alstom, Pilatus Flugzeugwerke, Ruag, Sony oder Siemens. Studenten des Ingenieurwesens und der Naturwissenschaften flirten ebenso mit BMW und Mercedes bzw. SBB und Stadler Rail, die zu den Top-Aufsteigern zählen.

Reisen und Rauchen steigen auf

Auch die Wirtschaftswissenschaftler verteilen die Spitze neu: 2010 liegt Nestlé vorne, gefolgt von Google und der Credit Suisse. In den Augen der Business-Studenten haben Schweiz Tourismus, die Fifa, Kuoni und die Swiss sichtbar an Glamour gewonnen.

Peter Brun, Head of Corporate Communications bei Kuoni, führt den Sprung von Platz 35 auf 11 auf eine gelungene Neupositionierung sowie die Reorganisation zurück. «Das internationale Unternehmen wächst stärker zusammen und ermöglicht den Mitarbeitenden neue Karriereperspektiven in verschiedenen Berufsfeldern und an unterschiedlichen Standorten weltweit.» Die Wirtschaftskrise habe offenbar zu einer Verlagerung der Werte bei Stellensuchenden geführt. Während das Vertrauen in Arbeitgeber in der Finanzbranche sinke, steige es bei starken Marken mit vertrauenswürdigem schweizerischem Hintergrund, wovon auch der globale Reisekonzern profitiere.

Mit dem fünften Rang gehört Schweiz Tourismus genauso wie die Swiss mit dem zehnten Rang zu den Aufsteigern. Andrea Kreuzer, Sprecherin Media Relations der Swiss, begründet dies so: «Als Fluggesellschaft, die in einem internationalen Umfeld erfolgreich agiert, bieten wir Interessenten vielfältige Einstiegs- und attraktive Weiterentwicklungsmöglichkeiten - nicht nur als Crew-Mitglieder, sondern als Mitarbeitende im gesamten Unternehmen.»

Dass die Tabakbranche angesichts des bevorstehenden Rauchverbots an Sympathie gewinnt, erstaunt eher: Philip Morris klettert von Platz 54 auf 42, British American Tobacco von Platz 89 auf 68.

Auch Genossenschaften ziehen

Genossenschaftlich organisierte Firmen wie Migros, Raiffeisen und Coop profitierten vom gestiegenen Interesse der Wirtschaftswissenschaftler wie auch von Nachwuchsingenieuren. Migros-Mediensprecher Urs Peter Naef führt die Verbesserung im Ranking auf die gezielte Präsenz an verschiedenen Hochschulen zurück, ebenso auf das Angebot von interessanten Einstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten für Absolventen in allen Bereichen des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB).

IBM geht mit gutem Beispiel voran

IBM wurde von den Studenten der Wirtschaftswissenschaften von Platz 44 auf 28 gehievt, zudem von den Studenten des Ingenieurwesens und der Naturwissenschaften von Rang 5 auf 3. Paolo Ornella ist bei IBM für das Hochschulmarketing zuständig und macht die Erfahrung, dass an Messen und Gesprächen besonders die breite Palette der internen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gut ankommt. Jungen Einsteigern werde ein Coaching oder Mentoring angeboten. IBM-Mitarbeiter können von vielen Freiräumen profitieren, etwa von der Möglichkeit, auch von zuhause aus zu arbeiten.

Da IBM vor fünf Jahren den Consulting-Bereich von PricewaterhouseCoopers übernommen hat, zählt IBM zu einem der grössten Beratungsunternehmen weltweit und bietet nicht nur IT-Spezialisten, sondern auch Business-Studenten als Consultants Perspektiven im Bereich Global Business Services. Speziell für Frauen hat IBM vor zwei Jahren die Women Global Sales School für künftige Beraterinnen gegründet, die inzwischen sehr erfolgreich ist.