Der Nationalrat will, dass Versicherer im Pensionskassengeschäft einen höheren Gewinnanteil ausschütten. Was sagen Sie zu diesem Vorstoss?

Martin Strobel:
Ich denke, das Parlament wird einsehen, dass heute schon der Wettbewerb spielt – die Baloise beispielsweise hat 2010 mit 96 Prozent mehr als die gesetzlich geforderten 90 Prozent an die Versicherten ausgeschüttet. Sollte es trotzdem zu einer Verschärfung kommen, müsste die Lebensversicherungsbranche die Frage nach der Zukunftsfähigkeit ihres Vollversicherungsangebots für Pensionskassen stellen. Die sogenannte Legal Quote ist ein absolut zentraler Stellhebel in diesem Geschäft. Schon jetzt ist es anspruchsvoll, eine angemessene Eigenmittelrendite zu erzielen. Mit den diskutierten Verschärfungen würde die Rendite so weit sinken, dass sie aus Aktionärssicht in keinem Verhältnis mehr zu den eingegangenen Risiken stünde.

Die Nationale Suisse verkaufte wegen der schwierigen Rahmenbedingungen ihr Vollversicherungsgeschäft an die Swiss Life. Waren Sie auch interessiert?
Wir konzentrieren uns im Kollektivlebenbereich auf die organische Entwicklung und haben sehr viel in die Entwicklung neuer Produkte und in effiziente Prozesse investiert. Dies mit dem Effekt, dass wir 2010 im Schweizer Kollektivleben um 11,5 Prozent zugelegt haben und mit Abstand der am stärksten wachsende Vollversicherer sind. Zum Vergleich: Der Markt wuchs schätzungsweise um 5 Prozent. Bei dieser Dynamik haben wir keinen Grund, uns auch noch durch Zukäufe zu verstärken.

Der Markt für Vollversicherungen konzentriert sich stark auf die Anbieter Axa Winterthur, Swiss Life und Baloise. Hat die zweite Säule hier ein Systemrisiko?
Nein. Der Schweizer Pensionskassenmarkt teilt sich auf einerseits in Vollversicherer und andererseits in versicherungsunabhängige Pensionskassen und Sammelstiftungen. Vollversicherer machen nur rund 20 Prozent aus, gemessen am angesparten Altersguthaben. Für mich ist das Systemrisiko also ein anderes.

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Nämlich?
Nur die 20 Prozent, für welche die Vollversicherer stehen, sind sehr stark reguliert. Anders als die autonomen Einrichtungen müssen wir den Swiss Solvency Test erfüllen, wir haben sehr strenge Anlagevorschriften mit Verboten von Klumpenrisiken, und – ganz wichtig – wir dürfen nie in eine Unterdeckung fallen. Ich finde, mittelfristig sollten sich die unterschiedlichen Aufsichtsregime in der 2. Säule angleichen.

Andererseits bieten schärfere Aufsichtsstandards auch Gewähr für Solidität und nutzen Ihnen als Verkaufsargument.
Die stärkere Regulierung bietet aus Kundensicht tatsächlich den Vorteil, dass sie höhere Sicherheit bedeutet. Das erklärt unser hohes Wachstum. Eine vernünftige Regulierung ist also sicher zu begrüssen, und der Swiss Solvency Test ist von seinen Grundprinzipien her eine gute Regulierung. So haben die Schweizer Versicherer auch deshalb die Finanzkrise relativ schadlos überstanden, weil sie den Swiss Solvency Test bereits vor fünf Jahren als Pilot eingeführt haben. Man muss aber gute Regulierung von Überregulierung unterscheiden.

Was heisst das, verglichen mit dem geplanten EU-Regulierungswerk Solvency II?
Wenn Sie zwei identische Lebensversicherer haben, verlangt das Schweizer Standardmodell 60 Prozent mehr Eigenmittel als das EU-Aufsichtsregime Solvency II in seinem aktuellen Probelauf QIS 5. Vielleicht 10 Prozent mehr für den «Swiss Finish» wären akzeptabel, aber nicht 60 Prozent. Hier ist eine ernsthafte Diskussion nötig, damit wir nicht durch massiv höhere Regulierungskosten gegenüber dem Ausland benachteiligt sind.

Zum Beispiel?
Der Swiss Solvency Test rechnet bei den künftig zu erwartenden Zinssätzen sehr konservativ, indem er auf die Rendite der Bundesobligationen abstellt. Wir plädieren für die etwas höheren Sätze der Swapkurve, weil diese unser Anlageverhalten besser widerspiegelt und auch Solvency II auf der Swapkurve basiert. Die Finanzmarktaufsicht hat hier Diskussionsbereitschaft signalisiert.

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Sie hat auch signalisiert, dass Garantien ausländischer Mutterhäuser herangezogen werden können, um den Test zu erfüllen. Führt das nicht zu einer Wettbewerbsverzerrung zulasten von rein schweizerischen Firmen wie der Baloise?
Sollten ausländische Konzerne Garantien für Schweizer Töchter geben, die weniger Eigenmittel brauchten, wäre das eindeutig eine systematische Wettbewerbsverzerrung. Die Baloise spricht sich klar gegen solche Ideen aus.

Da klagen Sie aber auf hohem Niveau. Schliesslich peilen Sie auch unter den rigiden Kapitalvorschriften eine Eigenmittelrendite von 15 Prozent an.
Wir streben tatsächlich im Schnitt über den Zyklus 15 Prozent an. Denn wir haben ein gesundes operatives Kerngeschäft. Zweitens befindet sich unser Effizienzsteigerungsprogramm «Baloise 2012», mit dem wir bis 2012 den Jahresgewinn nachhaltig um 200 Millionen Franken steigern wollen, auf sehr gutem Weg. Wir sind dort leicht vor der Marschtabelle.

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Sollte die Finma beim Swiss Solvency Test entgegenkommen: Was täten Sie mit dem freigesetzten Kapital – Zukäufe oder Ausschüttungen?
Unsere Präferenz läge klar bei einer höheren Ausschüttung. Wir verfolgen konsequent die Philosophie, nicht benötigtes Kapital den Aktionären zurückzugeben. Auch vom letztjährigen Gewinn werden knapp 60 Prozent ausgeschüttet.

Unlängst tätigte die Baloise zwei Akquisitionen im Benelux-Raum. Liegt der Fokus für Zukäufe künftig in Westeuropa?
Unser Hauptfokus liegt weiterhin auf der organischen Entwicklung – einerseits auf der Umsetzung des erwähnten Programms «Baloise 2012» und andererseits auf der strategischen Positionierung als «Sicherheitsanbieter». Wenn sich darüber hinaus Opportunitäten in jenen Märkten ergeben, in denen wir bereits tätig sind, schauen wir sie uns an. Solche Gelegenheiten können sich auch wieder in Osteuropa bieten.

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Droht Osteuropa nicht an Stellenwert zu verlieren, da der dort stark verankerte Allfinanzvertrieb OVB dekonsolidiert wurde?
Wir haben unsere Position bei OVB sogar verbessert, indem wir dort neu mit zwei Mitgliedern im Aufsichtsrat vertreten sind. Auch der Vertrieb von Baloise-Produkten durch OVB entwickelt sich stabil, sodass sich durch die Dekonsolidierung keine Veränderung ergeben hat.

Die Baloise ist allerdings nicht mehr Mehrheitseigentümerin. Müssen Sie nun einen grösseren Anteil der Erträge abführen?
Ertragsmässig ändert sich nichts, weil wir weiterhin direkt 32 Prozent an der OVB halten. Bislang hielten wir zwar direkt und indirekt 50,1 Prozent an der OVB, mussten aber jenen Gewinnanteil über der 32-prozentigen Beteiligungsquote als Minderheitsanteile abgeben.

Nochmals zurück zur Schweiz: Im Einzellebengeschäft erzielt die Baloise nur 0,5 Prozentpunkte Marge zwischen technischem Zins und laufenden Anlageerträgen. Wo liegt die Schmerzgrenze?
Die enge Zinsmarge betrifft konventionelle Lebenpolicen. Die Nachfrage verlagert sich aber zu fondsgebundenen Versicherungen; so stieg sie hierzulande bei uns um beachtliche 116 Prozent. Wir haben zudem viel in Innovationen investiert und neue Produkte lanciert – unter anderem ein variables Rentenprodukt, das sich so gut verkaufte, dass wir letztes Jahr der am stärksten wachsende Schweizer Rentenversicherer waren.

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Bei tiefen Zinsen sind Versicherungsgarantien kaum finanzierbar. Woher kommen daher die Garantiegeber Ihrer Produkte?
Bei Kunden sind derzeit Garantien sehr gefragt, die nicht bloss einen Kapitalschutz, sondern eine garantierte Wertentwicklung gewährleisten. Zusätzlich wollen Kunden auch noch an einem Aufwärtstrend der Finanzmärkte partizipieren. Um diese komplexen Bedürfnisse zu befriedigen, arbeiten wir mit soliden Firmen wie BNP Paribas oder Barclays zusammen, weil diese Finanzinstitute Erfahrungen mit solchen Garantien haben.

Daneben läuft auch der Vertrieb eigener Bankprodukte gut. Bauen Sie nun das Filialnetz der Baloise Bank SoBa aus?
In ihrem Kernmarkt Solothurn hat die Bank 16 Filialen, in der übrigen Schweiz werden ihre Produkte vor allem über unsere 920 Versicherungsaussendienstmitarbeiter vertrieben. Weil wir so Bank- und Versicherungsprodukte aus einer Hand anbieten können, erreichen wir eine sehr hohe Wiederanlagequote: Von den ausbezahlten Versicherungsleistungen legen die Kunden über 30 Prozent wieder in Produkten der Baloise-Gruppe an. Schrittweise ergänzen wir diesen Ansatz durch zusätzliche Bankstandorte: So unterhält die Baloise Bank SoBa Repräsentanzen in Bern, Lausanne und Zürich, zudem eröffnen wir Mitte Jahr eine Vollfiliale in Basel.

Die Bank wächst zwar dynamisch, ist aber noch keine Ertragsperle.
Um der Rentabilität der Bank gerecht zu werden, sind jene Geschäfte mit zu berücksichtigen, die der Versicherungsaussendienst vermittelt. Diese eingerechnet, erhöht sich die Eigenmittelrendite von 7,1 auf 11,4 Prozent. Das heisst aber nicht, dass die Bank nicht noch besser werden könnte. Wir tätigen erhebliche Investitionen in effizientere Prozesse, etwa durch die neue Informatik-Plattform.

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Der Mensch

Name: Martin Strobel
Funktion: Konzernchef Baloise
Jahrgang: 1966
Ausbildung: Studium der Informatik, Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an den Universitäten von Kaiserslautern, Windsor (Kanada) und BambergKarriere:
1993 bis 1999: Diverse Funktionen bei Boston Consulting Group, Düsseldorf
Ab 1999: Bei Baloise, zunächst als Leiter Informatik der Basler Schweiz
2003 bis 2008: In Baloise-Konzernleitung zuständig für den Markt Schweiz
Seit 1.1.2009: Konzernchef

Das Unternehmen
Die Baloise-Versicherungsgruppe ist mit rund 8800 Mitarbeitenden in Westeuropa sowie in den osteuropäischen Märkten Kroatien und Serbien tätig. Der Konzern ist über das reine Versicherungsgeschäft hinaus als fokussierter Finanzdienstleister tätig: In der Schweiz mit der Baloise Bank SoBa sowie in West- und Osteuropa über die Allfinanzvertriebsorganisation OVB. Die Mehrheitsbeteiligung an der OVB trat die Baloise 2010 der deutschen Versicherung Signal Iduna ab.

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