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Industrie
Was Sie zum Stahl-Machtkampf wissen müssen

Investor Vekselberg und S+B-Chef Johannes Nonn: Wer setzt sich durch? (Bilder: Keystone)

Bei Schmolz + Bickenbach zeichnet sich eine der härtesten Schlachten in der jüngsten Schweizer Wirtschaftsgeschichte ab. Lesen Sie hier die wichtigsten Fragen und Antworten zur Ausgangslage.

Veröffentlicht am 02.07.2013

Wer ist Schmolz+Bickenbach?

Das Unternehmen produziert und handelt mit Stahl. Die neue Führungscrew mit Konzernchef Johannes Nonn und Finanzchef Hans-Jürgen Wiecha, die seit Februar am Ruder ist, will sich auf die Produktion konzentrieren. Die Handelssparte soll zurückgefahren werden.

Warum hat das Unternehmen fast eine Milliarde Schulden?

Es handelt sich um Altlasten durch fremdfinanzierte Zukäufe, die bis ins Jahr 2003 zurückreichen. Während 1996 die Moos Stahl AG und von Roll Stahl zur Swiss Steel fusionierten und die Holding 2006 in Schmolz + Bickenbach umbenannt wurde, kamen zwischen 2003 bis 2007 regelmässig neue Firmen dazu, 2004 beispielsweise von ThyssenKrupp die Edelstahlwerke Südwestfalen.

«Durch die Finanzkrise ab 2008 ist es nicht gelungen, diese Schulden aus eigener Kraft wieder abzubauen», sagt Konzernleitungsmitglied (COO) Marcel Imhof gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Das Geld schuldet Schmolz+Bickenbach den Banken.

Imhof ist aber nach wie vor überzeugt von den damaligen Akquisitionen. «Das Unternehmen ist heute gut aufgestellt», sagt er. Die Nettoschulden Ende 2012 seien kleiner als im Jahr 2007. In der Presse sei Schmolz + Bickenbach durch den Machtkampf auch schlecht geredet worden.

Warum hat der russische Investor Viktor Vekselberg überhaupt Interesse an Schmolz+Bickenbach?

Seine Pläne sind nicht bekannt. Analyst Martin Schreiber von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) erachtet es als wahrscheinlich, dass der Investor den Erben der Gründerfamilie (S+B KG) in anderen Geschäftsbereichen Kredite gewährt hat und diese in Form von Anteilen an der Schmolz + Bickenbach mit einem Mehrwert zurück haben will.

«Dem Investor Vekselberg dürfte es nicht nur um eine Wertsteigerung des Unternehmens gehen. Das Ganze ist wahrscheinlich viel komplexer», sagt Schreiber auf Anfrage der SDA. In Presseberichten hat Renova Kompensationen von anderen Leistungen aber dementiert. Gegenüber handelszeitung.ch bestritt auch Oliver Thum, Geschäftsführer der S+B KG, durch irgendwelche anderen Verträge, welche die Schmolz + Bickenbach AG nicht betreffen, an Renova gebunden zu sein. Allfällige Details könnten jedoch zusammen mit der anstehenden Stellungnahme der Übernahmekommission zum Kaufangebot von Renova noch publik werden.  

Zu ihren Plänen äusserte sich die Beteiligungsgesellschaft nicht konkret, da die Investoren noch keinen Einblick in die Bücher von Schmolz + Bickenbach gehabt hätten. Im Interview mit der «Handelszeitung» sprach Renova-Direktor Vladimir Kuznetsov aber von möglichen Stahllieferungen nach Russland an einen internationalen Autohersteller und vom Zugang zu günstigeren Krediten

Ist das Stahlgeschäft aussichtsreich?

Das Stahlgeschäft ist konjunkturabhängig. Das Jahr 2012 war speziell im zweiten Semester negativ beeinflusst durch eine schwierige Marktsituation. Gemäss Marcel Imhof, Konzernleitungsmitglied von Schmolz + Bickenbach, zeigt die Hartnäckigkeit von Renova aber auch, dass der Investor an Schmolz + Bickenbach glaubt: «Für mich ist das auch ein positives Signal. Die Firma wird an der Börse weit unter ihrem Wert gehandelt.»

Was geschah bisher im Machtpoker?

Die Erben der Gründerfamilie (S+B KG) und der Verwaltungsrat stritten in ihrem Machtkampf um die Höhe des Mittelzuflusses aus einer Kapitalerhöhung. Der Verwaltungsrat beantragte der Generalversammlung 330 Millionen Franken, die Gründererben forderten 434 Millionen Franken.

Zudem wollten sie Verwaltungsratspräsident Hans-Peter Zehnder nicht mehr wählen, dafür Renova-Direktor Vladimir Kuznetsov sowie drei weitere Vertreter ins Gremium bringen. Die Generalversammlung entschied sich aber nur für zwei der vier Kandidaten, die die Hauptaktionärin vorschlug. Bei der Kapitalerhöhung entschied die Generalversammlung zugunsten des Verwaltungsrats.

Warum akzeptiert die unterlegene Hauptaktionärin die Ergebnisse der Generalversammlung nicht?

Die Entscheide an der Generalversammlung sind sehr knapp ausgefallen. Sie wären wohl anders herausgekommen, wenn die Familienvertreter mit ihrem gesamten Stimmanteil von 40 Prozent hätte Stimmen können. Doch die Hälfte der Stimmen konnte sie nicht ausüben, weil diese in einem Aktionärsbindungsvertrag mit dem zweitgrössten Aktionär Gerold Büttiker (Gebuka) gebunden sind.

Dieser hatte mit einer superprovisorischen Verfügung durch das Handelsgericht Zürich vor der Generalversammlung erwirkt, dass diese Stimmen nicht zum Tragen kamen. Die Gründererben haben daraufhin die Beschlüsse der Generalversammlung sperren lassen. Der Verwaltungsrat kündigte gegen dieses Vorgehen seinerseits rechtliche Schritte an.

Wie waren die Besitzverhältnisse der S+B bis vor der Generalversammlung?

Hauptaktionärin war bis vor der Generalversammlung am Freitag die S+B KG, die 40 Prozent am Unternehmen gehalten hatte. 6 Prozent hält der Investor Gerold Büttiker (Gebuka). Der Rest der Aktien ist frei handelbar. Die Hälfte 40 Prozent des Anteils der Hauptaktionärin sind aber an einen Aktionärsbindungsvertrag gebunden. Diese Hälfte war an der Generalversammlung gemäss einem Urteil des Zürcher Handelsgerichts nicht stimmberechtigt.

Wie haben sich die Anteile nach der Generalversammlung verschoben?

Die Erben der Gründer haben nach der Generalversammlung Anteile an Viktor Vekselberg verkauft und ihm so den Einstieg mit 20,5 Prozent ermöglicht. Zusammen mit Renova kommen die Erben damit wieder auf etwa 40 Prozent. Als Gruppe müssen sie ein öffentliches Übernahmeangebot machen. Dieses ist nun auf dem Tisch.

Wer ist die S+B KG eigentlich?

Hinter der S+B KG stehen die Erben der ursprünglichen Familien Schmolz und Bickenbach, die den gleichnamigen Stahlhändler 1919 gründeten. Ihnen gehört zudem die Schweizer Vertriebsgesellschaft Schmolz+Bickenbach Stahlservice-Center Wil. Nebst der Beteiligung an der Schmolz+Bickenbach AG gehören der Familie Giessereien.

Warum hat Viktor Vekselberg nicht von Anfang an Anteile der Hauptaktionärin gekauft?

Der Antrag auf Kapitalerhöhung der Familienerben lag zuerst auf dem Tisch. Renova hatte grosse Chancen gesehen, alle Bezugsrechte, welche die Aktionäre nicht wollten, aufzukaufen und damit auf einen Anteil von rund 25 Prozent zu kommen. Zusammen mit den Familienerben hätte die Gruppe S+B KG und Renova de facto die Kontrolle übernehmen können.

Als der Verwaltungsrat das Vorhaben ablehnte und eine geringere Kapitalerhöhung von 330 Millionen Franken vorschlug, hiess es für die Hauptaktionärin zunächst abwarten, wie die Generalversammlung entscheidet. «Im Machtkampf geht es nun um taktisches Optimieren und Ausschöpfen aller zur Verfügung stehender Rechtsmittel», sagt Analyst Martin Schreiber.

Wer ist Renova?

Renova ist eine Beteiligungsgesellschaft des russischen Investors Viktor Vekselberg. Sie hält in der Schweiz knapp 49 Prozent an OC Oerlikon, rund 31 Prozent an Sulzer (und dominiert damit diese Unternehmen) und knapp 16 Prozent an Züblin Immobilien.

(tno/aho/sda)

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