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Was Ulrich Spiesshofer bei ABB will

Ulrich Spiesshofer
ABB-Chef Ulrich Spiesshofer: Setzt auf Hightech – und einen Schnitt mir der Vergangenheit.Quelle: © KEYSTONE / ENNIO LEANZA

Der ABB Chef Ulrich Spiesshofer bastelt am Schlachtplan «ABB 4.0». Die Hintergründe.

Von Stefan Barmettler
am 16.11.2018

Ulrich Spiesshofer hat die Zukunft im Visier, genauer Analytics, Artificial Intelligence, Automation, Robotics, Sensorics. Das ist verständlich, denn das Übermorgen strahlt ungleich heller als die Gegenwart, die noch stark von Heavy Metal geprägt ist.

Spiesshofer aber schwebt ganz anderes vor: ABB als smarte Software Company, die im selben Atemzug wie Apple, Google oder Palantir genannt wird. Diverse industrielle Konkurrenten haben die Transformation in die Digitalwelt längst ausgerufen, darunter General Electric oder Siemens.

Nun will, so scheint es, auch Spiesshofer das Portfolio umkrempeln und auf zukunftsträchtigeres Geschäft mit Ebitda-Margen bis 20 Prozent setzen. Gestern Abend meldete die Nachrichtenagentur Reuters, dass die Umbaupläne bereits nächste Woche verkündet werden könnten. Es geht um einen (Teil-)Verkauf der Stromsparte. Die ABB-Aktie reagierte umgehend: Sie führt aktuell den SMI an – mit einem Plus von zeitweise über drei Prozent (siehe Chart)

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Dieser Schnitt fände bei jenen Investoren Gefallen, die immer lauter über den wenig prickelnden Aktienkurs lästern. Der breit aufgestellte Grosskonzern tritt seit vier Jahren an Ort, während der fokussierte Automationskonzern Kuka an ABB vorbeifetzte und den Börsenwert verdreifachte.

Offiziell herrscht Funkstille. Aber es ist wohl etwas Gröberes im Busch. Alles begann am 11. Juni: In der « Financial Times» platzierte Spiesshofer die Botschaft: «Man sollte nie behaupten, ein Portfolio sei in Stein gemeisselt.» Am 19. Juli, bei der Präsentation des Halbjahresergebnisses, wiederholte er dieselbe Message. Und weiter meinte er: «Wir werden kleinere und grössere Teile hinzufügen und auch kleinere und grössere Teile veräussern.» Für Kenner war klar: Es war ein geplanter Fingerzeig vom Chef – und eine Abkehr vom Kurs, wonach der Konzern optimal aufgestellt sei.

Bruch mit der Tradition

Weitere Anzeichen, die auf eine Veränderung («hinzufügen, veräussern») hindeuten: Am 10. und 11. September tagte der Verwaltungsrat unter Präsident Peter Voser und hielt einen Strategic Review ab. Der Capital Markets Day, der Analysten jeweils im Herbst die Marschroute aufzeigt, wurde auf nächstes Jahr verschoben.

Was weiter auffällt: Allein in den letzten Wochen sind eine Vielzahl von Berichte von Bankanalysten erschienen, die sich mit der Strategie auseinandersetzen. Die meisten spekulieren über einen Portfolio-Umbau und setzen das Rating nach oben – von «Halten» auf «Kaufen».

Zufall ist das kaum. Vielmehr riecht die Häufung von Firmenreports verdächtig nach professionellem Erwartungs-Management.

Verkauf oder Triage von Power Grids?

Mit grösster Wahrscheinlichkeit, sagen mehrere Beobachter, wird Spiesshofer bei der Stromsparte (Power Grids) anpacken. Das 10-Milliarden-Geschäft hat er zwar wiederhergerichtet, aber margenmässig fällt es zu den drei übrigen Sparten ab. Mit einem Verkauf von Power Grids mit 35'000 Mitarbeitenden könnte Spiesshofer zwischen 10 und 12 Milliarden Franken lösen. Wahrscheinlicher aber ist eine anspruchsvolle Operation: eine Triage der Sparte und ein Herauslösen des margenschwachen Transformatoren-Geschäfts.

Le géant de l'électronique japonais Hitachi teste son robot humanoïde Emiew3 pour informer les passagers à l'aéroport Haneda le 2 septembre 2016, Tokyo, Japon. (Photo by YOSHIKAZU TSUNO/Gamma-Rapho via Getty Images)
Hitachi: Dem japanischen Unternehmen wird ein Interesse an GE-Kraftwerkssparte nachgesagt.
Quelle: YOSHIKAZU TSUNO/GAMMA-RAPHO

Lassen die USA ein Verkauf nach China zu?

Im Feld der Stromumwandler ist ABB zwar Weltmarktführer, doch es wird um jeden Auftrag gekämpft; die Preise sind deshalb unter Druck. Ein Staatsbetrieb aus China wäre zweifellos an der Infrastruktur zur Energieversorgung interessiert, doch ein Verkauf nach Peking käme bei den US-Behörden kaum durch.

Womöglich gibts ja auch anderswo Interessenten, etwa bei Hitachi. Was für die Japaner spricht: Hitachi ist ebenfalls im Transformatoren-Geschäft aktiv und könnte mit dem Zukauf die Konsolidierung vorantreiben. Die beiden Konzerne kennen sich bestens. Vor drei Jahren ging ein Joint Venture im Bereich Hochspannungstechnologie an den Start: Hitachi ABB HVDC Technologies.

Ein Teilverkauf der Stromnetz-Sparte würde 5 Milliarden in die Kasse spülen. Dies wäre exakt nach dem Gusto der Investoren Cevian (5 Prozent) und Artisan (2 Prozent), die eine Aufspaltung fordern.

Spiesshofer muss liefern – bald

Genannt wird als Interessent neben Hitachi auch Mitsubishi. Gut möglich gar, dass Spiesshofer schon bald zum ganz grossen Umbau ansetzt: ein Teilverkauf von Power Grids nach Japan, da und dort Ergänzungskäufe – und obendrein ein Neusortieren der Sparten. Und zuoberst natürlich eine Fokussierung auf jene Geschäfte, die Marge und Wachstum versprechen – also Robotik, industrielle Automation, Smart Grids, elektronische Hightech-Komponenten.

Spiesshofer muss liefern, und zwar bald. Wenn er den Aktionären innert Wochen nicht einen Plan für rentables Wachstum präsentiert, sind seine Tage gezählt.

Dieser Text ist eine überarbeitete Version eines Artikels, den wir Ende September veröffentlicht haben.