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Jungunternehmen
Webseite dokumentiert Konkurse von Start-ups

Erfold und Misserfolg: Viele Firmen finden nicht den Weg zum Erfolg. Flickr

Neun von zehn Start-ups scheitern. Zwei Amerikaner erzählen nun deren Geschichte: Auf der Webseite Autopsy.io berichten junge Unternehmer von den Gründen für ihren Konkurs.

Von Marc Iseli
am 11.06.2015

Als der Erfolg kam, eliminierte Google sein Unternehmen: Das ist die Geschichte von Favre Thibauld und er erzählt sie öffentlich auf Autopsy.io. Die neue Webseite archiviert das Scheitern von Start-ups.

Im Falle von Thibauld klingt das so: Gemeinsam mit einem Co-Gründer startete der Franzose 2009 mit «Allmyapps». Die beiden hatten immerhin 70'000 Euro von Familie und Freunden eingesammelt und ein Ziel definiert: Die Nummer eins als App Store für Windows Computer zu werden. Kurz nach dem Launch hatte das französische Startup bereits mehrere zehntausend Nutzer. Ein Deal mit dem US-Giganten Intel folgte. Branchenmagazine rissen sich um ein Interview mit dem Tech-Newcomer. Die Risikokapitalgeber traten Thibauld die Türe ein, die Mitarbeiterzahl stieg.

Scheitern ist der Normalfall

Darauf folgte die Ernüchterung. Trotz grosser Marketingoffensive konnte das Jungunternehmen die Grossen – Microsoft, Kapersky, Norton – nicht auf seine Seite ziehen. Das Geld wurde langsam knapp. Mitte 2011 folgte eine erste Brückenfinanzierung. Nach langem Schlingern gelang aber doch der Sprung in profitable Gewässer. Ganz an die Spitze haben sie es nicht geschafft, aber die Firma verdiente zum ersten Mal Geld mit dem eigenen Produkt.

Dann änderte Google seinen Algorithmus – und würgte das Unternehmen ab. Über Nacht sank die Nutzerzahl um 70 Prozent. Kein anderer Distributionskanal konnte Google ersetzen. Die Firma war zurück in den roten Zahlen, das Unternehmen musste schliessen.

Scheitern ist der Normalfall für Start-ups. Statistisch betrachtet besteht nur eine von zehn jungen Firmen, neun gehen unter. Die Gründe sind derer viele, und das ist Ansatz von Autopsy.io. Aus Fehlern, die andere gemacht haben, können Start-up-Gründer lernen, dachten sich Matthew Davies und Nirel Patel, die Initiatoren der Webseite. Und darum können auf dem Portal alle gescheiterten Jungunternehmer schildern, was bei ihnen zum Aus führte.

Das bulgarische Lenkrad

So wie der Bulgare Ivaylo Kalburdzhiev: Er hat das erste Lenkrad als Gaming-Zubehör für das iPad geschaffen. Die Idee dazu kam ihm 2011, als er ein Foto bei 9gag.com sah, bei dem ein Smartphone zum Spass in ein rundes Plastikrad geklebt wurde.

«Nachdem ich dieses Foto gesehen habe», schreibt Kalburdzhiev, «dachte ich mir: Das ist interessant. Warum sollte man ein Lenkrad, wie es sich als Gaming-Accessoire etabliert hat, nicht mit dem populärsten Tablet verbinden, dem iPad? Ich fühlte mich wie ein Genie.»

Nach drei Jahren Entwicklungszeit, einem Darlehen bei der Bank, einer Finanzierungsrunde auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo und einem gefloppten Geldbeschaffungsversuch mit einer Kickstarter-Kampagne scheitere der bulgarische Unternehmer. Der Grund: «Die Leute wollten das Produkt nicht.»

15'000 Besucher pro Tag

Rund 100 Storys wie diese hat Autopsy.io bisher gesammelt. Sie sind ausführlich und detailreich – genau das, was Davies und Patel wollen. Es gebe viele Top-Ten-Listen von Dingen, die erfolgreiche Gründer richtig gemacht hätten, sagt Davies zur US-Nachrichtenplattform «Business Insider».  Er hofft, dass die Liste von Autopsy.io genau so wertvoll sein wird.

Die Webseite stösst jedenfalls auf Interesse: Nach eigenen Angaben kommen 15'000 Besucher pro Tag, eine Woche nach dem Launch. Mehr als 30 Einträge kommen täglich hinzu.

Für Mitgründer Patel kristalliert sich bereits jetzt ein oft gemachter Gründungsfehler heraus: «Es ist aussergewöhnlich, wie viele Firmen zugrunde gehen, weil das Produkt keinen Markt findet», sagt er. Es gebe ganz einfach so viele Leute, die etwas bauen, das letztlich kein Kunde kaufen möchte. «Es ist absolut lächerlich», kommentiert Patel – und fügt hinzu: «Ich kann es kaum glauben, dass so viele Jungunternehmen Geld erhalten haben.»

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