Bei Recherchen im Internet ist zu erfahren, dass mehr als 30 Prozent der Schweizer Firmen einen Ethikbeauftragten beschäftigen. Doch zeigt eine Umfrage der «Handelszeitung», dass diese Verantwortung oft jemandem zufällt, der für die Einhaltung eines Verhaltenskodexes zuständig ist.

Einer von ihnen ist Beda Mrose, Leiter Legal & Compliance bei der ABB. Ansonsten obliegt bei der Nachhaltigkeit die externe Verantwortung in den Geschäftsbereichen, die interne Verantwortung obliegt dem Leiter Quality, Sustainability & Security. Es gibt zu den Themen also keinen übergeordneten Beauftragten.

Auch von Swiss kommt die Antwort, dass sie keinen vollamtlichen Beauftragten beschäftigt. Bei der Airline befassen sich viele Abteilungen damit, so auch bei Corporate Governance, Personal, Corporate Communications oder Umwelt. Ausserdem gibt es in vielen Fachabteilungen weitere Ansprechpartner.

An einem Symposium der Novartis Stiftung, das in Basel stattfand, wurde das Manifest «Weltwirtschaftsethos» der breiten Öffentlichkeit vorgestellt und dabei dargelegt, dass «die internationale Finanzkrise das globale Wirtschaftsgeschehen arg durcheinandergebracht hat und neue Diskussionen über Werte und Moral häufiger und intensiver geführt» würden. Die Diskussionsrunde war prominent besetzt mit dem Theologen Hans Küng, mit Wirtschaftsethiker Josef Wieland und mit Klaus M. Leisinger von der Novartis Stiftung für nachhaltige Entwicklung.

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Ethik wird in allen Fächern mitgelehrt

Ebenfalls vor einem Jahr bekam das Fach Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen mediale Aufmerksamkeit. Ulrich Thielemann, bis vor Kurzem Wirtschaftsethikprofessor an der HSG, hatte das Schweizer Steuersystem kritisiert.

Nicht lange zuvor kam Christoph Blocher auf die Idee, sich für den Lehrstuhl der Wirtschaftsethik in St. Gallen zu bewerben, und erwähnte so ganz nebenbei, dass er das Fach selbst eigentlich überflüssig finde. An der HSG gibt es kein Studium der Wirtschaftsethik, das Fach gehört in den Bereich des sogenannten Kontextstudiums, erklärt Alexander Lorch, Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Wirtschaftsethik. In allen Stufen des Studiums bietet die Universität St. Gallen Veranstaltungen, die laut Lorch immer häufiger besucht werden, denn die Finanzkrise habe zu einer gewissen Verunsicherung bei den Studierenden geführt, was sich im gestiegenen Interesse an wirtschaftsethischen Fragen zeigte.

Auch an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich gibt es keine Vorlesung in Wirtschaftsethik. Die Fakultät vertritt die Ansicht, dass diese Fragen in allen Fächern der Wirtschaftswissenschaften kritisch reflektiert werden. Wer Interesse hat, Kurse über Wirtschaftsethik, Umweltethik und Politische Ethik zu besuchen, hat dazu die Möglichkeit, im Rahmen freier Wahlpunkte vertiefende Veranstaltungen zu belegen.

Nicht zuletzt deswegen gibt es bislang keine Ethikverantwortlichen mit einem Universitätsabschluss. In einigen Unternehmen erledigen diese Aufgabe Generalisten, Juristen, Personalverantwortliche oder diplomierte Sozialwissenschaftler oder in Kirchen und sozialen Einrichtungen Religionswissenschaftler.

 

 


«Komme mir manchmal wie eine Missionarin vor»

Sie sind Migros-Chef Herbert Bolliger direkt unterstellt - was Nachhaltigkeit zur Chefsache macht. Mit nur drei Mitarbeitenden werden an Sie als Leiterin dieser Stabsstelle hohe Erwartungen gesetzt.

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Cornelia Diethelm: Wir fokussieren uns auf grosse Themen wie Klimaschutz, gentechnisch veränderte Organismen, Ernährungssicherheit oder Wasser. Also Themen, die für die Migros von strategischer Relevanz sind und nur interdisziplinär bearbeitet werden können. Wichtig ist, dass wir die relevanten Handlungsbereiche frühzeitig identifizieren und dann eine Position festlegen, die zur Migros passt. Eng mit diesen Themen verbunden ist der Dialog mit Nichtregierungsorganisationen. Mit dem WWF pflegen wir sogar eine strategische Partnerschaft. Ein weiteres Ziel ist, dass wir Schwerpunkte setzen. Da komme ich mir manchmal vor wie eine Missionarin.

Wie werden die relevanten Themen von Ihnen aufgespürt?

Diethelm: Wichtig sind Gespräche mit Partnern. Am wertvollsten aber sind Gespräche mit Arbeitskollegen innerhalb der Migros. Sie wissen relativ gut, was unsere Kundschaft bewegt. Die Diskussionen in den Medien bestätigt uns die Wichtigkeit der Themen. Das Anspruchsvollste an unserer Arbeit ist, unsere Politik zu definieren. Wichtig ist auch, dass wir unsere Massnahmen auf ihre Wirksamkeit überprüfen. Wir wollen ja etwas zum Guten verändern, nicht Luftblasen produzieren. Ganz wichtig: Wir müssen die Entscheidungsträger von unseren Ideen überzeugen. Sie müssen unsere Ideen umsetzen.

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Sie koordinieren ein grosses Netzwerk von Fachpersonen. Was bedeutet das?

Diethelm: Unsere Kunden wollen wissen, woher unsere Produkte kommen und wie sie hergestellt worden sind. Dazu gehören etwa die Arbeitsbedingungen bei den Lieferanten, die Beschaffung von Rohstoffen wie Palmöl oder Soja oder Produkte mit einem sozialen oder ökologischen Mehrwert wie Terra Suisse.

Welche Ihrer Talente bewähren sich in diesem komplexen Umfeld besonders?

Diethelm: Als Generalistin nehme ich eine Helikopter-Perspektive ein, was die Sicht der Fachleute ergänzt. Auch mein BWL-Studium ist nützlich, gerade wenn wir um pragmatische Lösungen ringen. Und weil ich selten etwas alleine erreichen kann: Teamarbeit und Herzblut sind für meine Arbeit das A und O.