Mit über 5000 Hektaren Rebfläche ist das Wallis die grösste Weinbauregion der Schweiz. Deshalb weiss man auch gleich, wenn man in diesen Herbsttagen jemandem mit dunkelrot verfärbten Händen begegnet, welcher Tätigkeit diese Person gerade nachgeht: Der Traubenlese und - wie im Fall von Denis Mercier - der Einkelterung der geernteten roten Beeren. Die Weinlese 2010 sei bestens verlaufen, berichtet Denis Mercier, und die Qualität der Trauben sei gut, die Menge liege allerdings deutlich unter jener des letzten Jahres. «Aber», meint Mercier achselzuckend, «so ist das nun mal im Winzermetier. Da hat die Natur nach wie vor ein Wörtchen mitzureden.»

Denis Mercier ist in der Umgebung von Lausanne aufgewachsen. Seine Vorfahren waren im 18. Jahrhundert als protestantische Glaubensflüchtlinge von Frankreich nach Lausanne gezogen, wo sie ein grosses Gerbereiunternehmen aufbauten und es zu beachtlichem Wohlstand brachten. Als Ausdruck des grossbürgerlichen Selbstverständnisses liessen Jacques und Marie Mercier de Molin zwischen 1906 und 1908 oberhalb Sierre das Schloss Pradegg - heute meist Château Mercier genannt - bauen. Während Jahrzehnten diente das stattliche Anwesen den Familienmitgliedern als Sommersitz. 1991 ging das Château Mercier samt Nebengebäuden und Park als Schenkung an den Kanton Wallis, mit der Auflage, die Grünanlagen zugänglich zu machen und das Schloss in erster Linie für kulturelle und künstlerische Zwecke zu verwenden. In Familienbesitz blieben die Weinberge am Schlosshügel und ein Weingut, auf dem Denis und Anne-Catherine Mercier 1982 anfingen, ihre eigenen Weine zu keltern.

«Ich wollte eigentlich Bauer werden», erzählt Denis Mercier. «Da sich uns die Gelegenheit bot, die kleine Familiendomäne in Sierre zu übernehmen, wurde ich aber kurzerhand Winzer.» Ein Entschluss, den die beiden nie bereut haben, obwohl ihre ersten Berufsjahre just in die Zeit der Überproduktionskrise fielen. «Wir bewirtschafteten, wie damals üblich, 3 Hektaren Chasselas und 1 Hektare Pinot noir», erläutert Anne-Catherine Mercier. Jene Sorten also, von denen es damals mehr als genug Wein gab. «Alles war für uns neu», ergänzt Denis Mercier. «Wir wussten noch nichts, und wir kannten das Wallis kaum.» Doch es herrschte Aufbruchsstimmung bei der jungen Winzergeneration. «Wir hatten sofort einen guten, freundschaftlichen Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen wie Maurice Zufferey, Marie-Thérèse Chappaz, Axel Maye und Benoît Dorsaz. Wir zogen alle am gleichen Strick, weil wir alle erkannt hatten, dass im Wallis Weinbau nur dann eine Zukunft hatte, wenn man auf Qualität setzen und den typischen, aber damals kaum mehr angebauten Walliser Sorten wie Petite Arvine, Cornalin, Humagne rouge zu einer Renaissance verhelfen würde.»

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Alte Walliser Sorten wiederentdeckt

Die Merciers reduzierten deshalb den Chasselas-Anteil und pflanzten Petite Arvine, Johannisberg (Sylvaner) und Pinot blanc. Später kamen weitere Parzellen dazu, die sie mit Cornalin, Syrah, Gamay und Païen (Heida) bestockten. Die kompromisslosen Qualitätsbemühungen im Rebberg und im Weinkeller verhalfen ihnen rasch zu Anerkennung und Erfolg. Heute bewirtschaften sie 6,5 Hektaren, verteilt auf rund 40 Parzellen in Sierre und Umgebung, und keltern mit den von ihnen kultivierten Sorten zwölf überzeugende Weine von grosser, aber unaufdringlicher Ausdruckskraft. Obwohl sie nicht weniger als acht Weissweine abfüllen, darunter einen mineralischen Fendant, eine finessenreiche, sortentypische Petite Arvine, einen Komplex-reichhaltigen Païen und einen verführerischen edelsüssen Ermitage (Marsanne blanche), haben die Merciers ein besonderes Flair für kräftige, gut strukturierte Rotweine. Ihr in Barriques ausgebauter Cornalin gilt als einer der besten und typischsten Vertreter seiner Art und ist deshalb auch in die Weinbibliothek des Mémoire des Vins Suisses aufgenommen worden. Vielschichtige Eleganz gepaart mit maskuliner Kraft zeigt auch der Syrah. Die im Wallis seit den 1920er-Jahren angebaute Varietät liefert mitunter Resultate, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen. Zu diesen Vertretern gehört der vielfach ausgezeichnete Syrah, dem Denis Mercier, wie allen anderen roten Sorten, nach der Lese und Selektion der Trauben eine Woche Kaltmazeration verordnet.

Auf der Suche nach Humagne rouge

Was soll die Zukunft bringen? «Wir wollen ‹artisans vignerons› bleiben», antwortet Denis Mercier. «Mir gefällt es, wenn ich überall anpacken kann, sowohl in den Reben wie im Keller. Deshalb haben wir auch nicht vor, die von uns bewirtschaftete Rebfläche zu vergrössern.» Eine Ausnahme würde er jedoch machen, wenn sich ihm die Gelegenheit böte, einen mit Humagne rouge bestockten Rebberg übernehmen zu können. «Eine faszinierende Sorte, die in unserer Weinpalette noch fehlt!»