PERTICAIA. Als Guido Guardigli in den 1990er Jahren das erste Mal von der in Vergessenheit geratenen autochthonen roten Rebsorte Sagrantino hörte, die in Umbrien um das südöstlich von Perugia gelegene Städtchen Montefalco angebaut wird, weckte dies seine Neugier. Er fuhr in das hügelige Gebiet, kaufte in der Önothek vor Ort einige Flaschen Montefalco Sagrantino und verkostete sie in Ruhe. «Mir wurde sofort bewusst, dass es sich hier um eine Rebsorte und ein Terroir mit einem ausserordentlichen Potenzial handelt», erinnert sich Guardigli. Die Begeisterung liess ihn Pläne schmieden; schon bald stand für ihn fest, dass er – anstatt sich in ein paar Jahren zur Ruhe zu setzen – zusammen mit seiner Frau Angela in dieser bezaubernden, von Olivenhainen und Rebbergen sowie von mittelalterlichen Städtchen, Schlössern und Türmen geprägten Landschaft einen neuen Lebensabschnitt beginnen würde: Als selbstständiger Winzer.

Immer mit dem Boden verhaftet

Nach Abschluss des Studiums der Agrarwissenschaft hatte der aus der Romagna stammende Guardigli für verschiedene grössere Landwirtschaftsbetriebe gearbeitet. Zuletzt leitete er mit Erfolg diverse Weingüter in der Toskana und in Umbrien. «Es waren dies vielversprechende Jahre, in denen der Qualitätsweinbau schnell an Bedeutung gewann», erinnert sich Guardigli. In diese Zeit fiel auch die Wieder- bzw. Neuentdeckung der Sagrantino-Rebe. Zwar wurde sie im Gebiet von Montefalco und den vier Nachbargemeinden Gualdo Cattaneo, Bevagna, Giano und Castel Ritaldi schon seit Jahrhunderten angebaut (das erste schriftliche Zeugnis stammt aus den 1450er Jahren), doch hatte sie, obwohl es sich bei ihr um eine aussergewöhnliche Varietät handelt, nie überregionale Bedeutung erlangt. Ihr eigen sind spät reifende, tiefrote, kleine Beeren mit grossen Kernen und dicker Haut. «Die Sagrantino-Traube ist die tanninreichste Traube, die wir in der Weinwelt kennen», erläutert Guardigli und fügt an: «Diese strengen, markanten Tannine sind mitverantwortlich für den eigenständigen Charakter der Sagrantino-Weine, doch wer sie bei der Vinifizierung nicht in den Griff bekommt, riskiert, einen untrinkbaren Wein zu erzeugen.»

Statt Mischbetrieb ein Weingut

Im Jahr 2000 konnte Guardigli im Weiler Casale bei Montefalco ein Gut erwerben, dem er den Namen Perticaia gab. Perticaia bedeutet im umbrischen Dialekt Pflug. «Ich habe diesen Namen gewählt, weil der Pflug seit alters her ein Symbol für die bäuerliche Arbeit und die Verwurzelung mit dem Boden ist», erklärt Guardigli. Von den 20 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche waren 2,5 ha mit Olivenbäumen und nur gerade 1,5 ha mit Reben bepflanzt. Guardigli machte sich mit unbändiger Energie an die Arbeit und verwandelte in den folgenden zwei Jahren den ehemaligen Mischbetrieb in ein stattliches Weingut. Neue Weinberge wurden angelegt, und als Herzstück des Guts entstand eine harmonisch in die Umgebung eingepasste moderne Kellerei, in der die Weine nicht nur gekeltert, gelagert und abgefüllt, sondern auch verkostet und verkauft werden können. Von den heute insgesamt 15 ha Rebfläche sind 14 ha mit den roten Sorten Sagrantino, Sangiovese sowie Merlot, Cabernet Franc und Colorino bestockt. Auf 1 ha kultiviert Guardigli zudem die ebenfalls aus der Region stammende weisse Sorte Trebbiano Spoletino. Wie beim Sagrantino handelt es sich auch bei ihr um eine alte, hochwertige Varietät, die in den letzten Jahrzehnten einen schweren Stand hatte. Doch damit scheint es nun vorbei zu sein. Eine wachsende Zahl von Winzern ist von der Qualität der Sorte überzeugt. Zu ihnen zählt auch Guardigli, der 2006 den ersten Jahrgang gekeltert hat. «Der Trebbiano Spolentino, der nicht mit den anderen Trebbiano-Varianten zu verwechseln ist, ist ein herrlich fruchtiger, facettenreicher und gut strukturierter Wein», schwärmt er.

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Herz schlägt für den Sagrantino

Doch Guardigli verhehlt nicht, dass sein Winzerherz vor allem für den Sagrantino schlägt. Bis zu seiner Wiederentdeckung in den 1980er Jahren wurde der Sagrantino – ausser als süsser Passito – nicht reinsortig abgefüllt, sondern mit anderen roten Sorten assembliert, vergleichbar mit dem heutigen Montefalco Rosso, der bis zu 70% Sangiovese enthalten darf. Der Vorzeigewein des Gebiets ist jedoch heute zweifellos der reinsortige Montefalco Sagrantino. Auch wenn es sich bei ihm um eine Neukreation aus jüngster Zeit handelt (das DOCG-Reglement stammt aus dem Jahre 1992), so kann man diesem sperrigen Wein bestimmt nicht vorwerfen, er sei ein modischer Blender. Im Gegenteil: Mit seiner urtümlichen Kraft, seiner tanningeprägten, würzigen Fülle und seinem grossem Alterungspotential erschliesst er sich einem nicht auf Anhieb. «Der Montefalco Sagrantino ist ein schwieriger Wein», räumt Guardigli ein. «Seine wahren Qualitäten zeigt er nur, wenn man ihm Zeit zum Reifen lässt und ihn zu einem passenden Gericht trinkt.»