Es ist nach elf Uhr nachts. Neben dem Laptop liegt noch immer die Case Study über die Taco Bell Corp., und der Kaffee ist längst kalt. Bis zum folgenden Morgen sollen die Studenten des MBA-Kurses am Insead in Fontainebleau bei Paris herausgearbeitet haben, welche Managementfehler sich CEO John Martin, den die Wirtschaftspresse über Jahre in den Himmel lobte, geleistet hat. Er hatte aus einer Taco-Bäckerei ein scheinbar florierendes Unternehmen gemacht. Die nächtliche Fehlersuche ist eine anspruchsvolle Aufgabe, für welche die angehenden CEO nur ein paar Stunden Zeit haben.

Wer einen Lehrgang zum Master of Business Administration (MBA) an einer der zehn besten Business Schools der Welt absolviert, darf sich vor allem auf zwei Dinge gefasst machen: eine Menge Arbeit und viel Stress. Als Lohn der Mühe winkt dafür eine solide Grundlage, auf der man seine Zukunft aufbauen kann. Ein stabiles Fundament wird in der heutigen Arbeitswelt immer wichtiger, auch wenn es nicht unbedingt ein MBA-Abschluss sein muss, mit dem man sich beruflich à jour hält. «Obwohl wir nahezu Vollbeschäftigung haben, ist es wichtig, die eigene Arbeitsmarktfähigkeit zu erhalten und auch die Aufstiegschancen mit gezielter Weiterbildung zu fördern», sagt Claudia Buchmann von S&B Praxis Luzern. Sie berät Manager bei deren Laufbahnplanung.

Die Frage «Welches war denn Ihre letzte Weiterbildung?» gehört längst zum Standardrepertoire von Headhuntern und Recruiting-Abteilungen. Wenn nicht wie aus der Pistole geschossen eine gute Antwort kommt, kann dies einem Karrierekiller gleichkommen. Denn Weiterbildungen sind ebenso Pflichtprogramm für Kaderangehörige wie die Erfüllung der Jahresziele. Auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) empfiehlt ausdrücklich die permanente Fortbildung. Und so verzeichnen die meisten Anbieter von Weiterbildungsprogrammen derzeit einen regelrechten Nachfrageboom. «Wir haben schon seit Jahren eine grosse Nachfrage, egal ob es sich um MBA-Kurse oder andere Weiterbildungen handelt», sagt Gabriel Hawawini, früher Dean des Insead. Besonders Frauen nutzen die Möglichkeiten intensiv, sich zusätzlich zu qualifizieren. Ihr Anteil an all denjenigen, die sich neben dem Job weiteres Wissen aneignen, ist überproportional. Sie haben – von den Männern unbemerkt – auf die Überholspur gewechselt.

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Dennoch zeigen Studien, dass beim Kader ein Weiterbildungsdefizit herrscht. Wie ein Mantra wiederholen deshalb Human-Resources-Verantwortliche und Vorgesetzte ihre Aussagen über die Bedeutung des lebenslangen Lernens, das auch vor der Teppichetage nicht haltmache. Und die Firmen helfen ihren Leuten auf die Sprünge. Wer in einem Grossunternehmen arbeitet, hat es gut. Die meisten Schweizer Konzerne unterhalten eigene Abteilungen, die sich keinem anderen Thema widmen, als die Mitarbeitenden in Sachen Kompetenzen und Qualifikationen stets auf dem neusten Stand zu halten. Unter Kompetenzen verstehen Bildungsfachleute dabei das verfügbare Wissen, unter Qualifikationen die mit einer Prüfung versehenen Abschlüsse.

Die Palette an Weiterbildungsangeboten, die Konzerne wie Novartis, UBS oder Credit Suisse ihren Mitarbeitern machen, ist fast so vielfältig und bunt wie jene der Migros-Klubschule. Führungskompetenzen werden vermittelt, Sprachkenntnisse können aufgefrischt, Stressbewältigung kann gelernt werden. In den Konzernen ist die Weiterbildung ein fester Bestandteil der Laufbahnplanung geworden, die in vielen Fällen auch bei den Jahresgesprächen thematisiert wird. Eduard Suter, Leiter Höhere Berufsbildung bei der Kalaidos-Bildungsgruppe in Zürich, beobachtet, dass einzelne Branchen – etwa die Banken – stark in die Weiterbildung investieren, um den künftigen Fachkräftemangel aufzufangen. Die Kalaidos-Gruppe ist der grösste private Anbieter auf dem Schweizer Bildungsmarkt. Sie ist jüngst mit der Ausbildung des Bankernachwuchses in einer eigens zu diesem Zweck gegründeten Fachschule betraut worden.

Weniger positiv sieht die Weiterbildungssituation hingegen im KMU-Bereich aus. Bei den kleinen und mittleren Betrieben arbeiten die meisten Menschen und der grösste Teil der Führungskräfte: Es gibt in der Schweiz über hunderttausend Firmen mit weniger als hundert Mitarbeitern, und jede wird im Schnitt von einer Gruppe von fünf bis zehn Managern geleitet. Das Heer der Kaderleute aus den KMU ist also riesig, doch um ihre Weiterbildung ist es nicht so gut bestellt. KMU haben oft weder die zeitlichen noch die personellen Ressourcen, um sich systematisch darum zu kümmern, das Kader fachlich auf der Höhe der Zeit zu halten. Gerade in Zeiten der Hochkonjunktur geht das Thema Weiterbildung in der Hektik des Tagesgeschäfts unter. Bei vielen KMU gibt es weder eine strukturierte Laufbahnplanung noch Weiterbildungsangebote – von einer finanziellen Hilfe oder der Reduktion der Arbeitszeit für die weitere Qualifikation ganz zu schweigen. Je kleiner die Firma, desto geringer das Engagement des Arbeitgebers, sich darum zu kümmern, ob das Rüstzeug des Führungspersonals auch wirklich noch à jour ist.

«Die Verantwortung für die Weiterbildung liegt beim Einzelnen», sagt deshalb Laufbahnexpertin Claudia Buchmann. Das gelte aber auch für die Mitarbeiter der grossen Firmen. Sie sollten sich keineswegs darauf verlassen, weitergebildet zu werden, sondern in jedem Fall selbst die Initiative ergreifen. Entscheidend bei der Auswahl der Fortbildung sind zunächst eine Standortbestimmung, die Klarheit über die Planung der nächsten Karriereschritte und eine Analyse der Stärken und Schwächen. Es geht darum, die eigenen Qualifikationen und Kompetenzen realistisch einzuschätzen und zu überprüfen, wo sie von den Anforderungen der Position abweichen, die man anstrebt.

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«Den wichtigsten Hinweis auf das, was gefragt ist, liefern Stelleninserate», sagt Claudia Buchmann. Denn aus den Anforderungsprofilen geht ziemlich klar hervor, was man mitbringen muss, um bei einem bestimmten Job in die engere Wahl zu kommen. Entsprechend müsse man sein Kompetenz- oder Qualifikationsportfolio ergänzen. Dann ist auch klar, ob man eine umfassende Ausbildung im Managementbereich braucht oder eine Weiterbildung in einem eng umrissenen Fachbereich.

«Man muss sich gut überlegen, was man mit der Weiterbildung erreichen möchte, und dann gezielt aus dem Angebot auswählen», sagt Kalaidos-Mann Suter. Wer mehr lernen will, hat zunächst einmal die Qual der Wahl. Je nach Bedürfnis und Vorkenntnissen bieten sich diverse Möglichkeiten an. Wer eine Berufslehre absolviert hat, kann eine Ausbildung an einer höheren Fachschule absolvieren. Wer hingegen eine Lehre und bereits erste Berufserfahrungen gesammelt hat, für den kommt eher eine Fachhochschule in Frage. Berufsleute mit Matur und Studium besuchen bevorzugterweise eine MBA-Ausbildung an einer internationalen Business School. «Es ist wichtig, sich ein Bild vom Weiterbildungsmarkt in der Schweiz zu machen, wenn man seine Fortbildung plant», so Suter. Ohne eigene Recherche geht es nicht. Wer ein paar Stunden Zeit investiert, merkt schnell, dass der Markt eine Vielzahl von Angeboten bereithält, die es wert sind, dass man sie näher unter die Lupe nimmt.

Ein MBA ist angesagt, wenn man eine Position im allgemeinen Management anstrebt, also langfristig auf den CEO-Job hinarbeitet. Auf dem Markt der Anbieter tummeln sich meist international organisierte Business Schools, Fachhochschulen und Universitäten. «Welche MBA-Schule für jemanden die richtige ist, kommt auf die Ziele, Bedürfnisse und Möglichkeiten an», sagt Paul Danos, Dean der Tuck Business School im amerikanischen Dartmouth, einer der feinsten, aber mit weniger als 200 Studierenden auch kleinsten Businessschulen der Welt. Es gibt zwei Arten der MBA-Ausbildung: den Abschluss, der als Vollzeitstudium absolviert wird, und den Executive MBA, der berufsbegleitend erworben wird.

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Da der MBA-Absolvent zum betriebswirtschaftlichen Generalisten ausgebildet wird, ist er ziemlich flexibel in Bezug auf Branche und Tätigkeitsfeld. Das erhöht die Karrierechancen, denn es macht ihn als «Frau/Mann für alle Fälle» für Unternehmen besonders attraktiv. Das finanzielle Engagement ist aber beträchtlich, um an den Titel zu kommen: Die Studiengebühren belaufen sich schnell auf mehr als 100 000 Franken, und die Lebenshaltungskosten in den Universitätsstädten sind meist happig. Das Geld ist aber gut investiert, denn mit einem Top-MBA in der Tasche sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt exzellent.

Um die MBA-Absolventen davon zu überzeugen, dass die eigene Firma die attraktivste ist, greifen die Unternehmen bereits in die Tasche, bevor die Tinte auf dem Arbeitsvertrag trocken ist: Siebzig Prozent der Konzerne, die Mitarbeiter mit MBA einstellen, zahlen eine sogenannte «Sign-on Fee», ein Begrüssungsgeld, das mehrere zehntausend Franken betragen kann. Die Saläre europäischer MBA-Absolventen liegen zwischen 130 000 und 200 000 Franken, wenn diese den ersten Job nach der Abschlussfeier antreten. Die Höhe ergibt sich vor allem daraus, dass ein MBA-Absolvent schon vor dem Studium überdurchschnittlich gut ausgebildet gewesen und bereits damals eine gut dotierte Position besetzt hat.

Der MBA-Lehrgang hat seinen Ursprung in den USA. Trendsetter war die Tuck Business School. An deren Vorläufer am Dartmouth College in New Hampshire absolvierten 1902 die ersten Studenten einen Studiengang zum Master of Business Administration. Ein MBA-Studium richtet sich heute vor allem an Ingenieure, Natur- und Geisteswissenschaftler, Juristen und Mediziner, die ihr Einsatzspektrum um Managementpositionen erweitern wollen. Es ist die Alternative zu einem betriebswirtschaftlichen Aufbaustudium, das man an der Uni verpasst hat. Im Lauf des MBA-Studiums erwirbt man neben den betriebswirtschaftlichen Grundkenntnissen vor allem Denk- und Arbeitsinstrumente der Unternehmensführung und auch Sozialkompetenz.

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Im Allgemeinen ist das MBA-Studium ein generalistisches Managementstudium, das schon auf dem Campus die Bedingungen des hektischen Berufsalltags simuliert: «Wir wollen die Leute unter Stress setzen, damit sie über sich hinauswachsen und unter schwierigen Bedingungen leistungsfähig sind», so Sean Meehan, Direktor des MBA-Programms am IMD in Lausanne.

Aber auch für Leute, die schon über solides betriebswirtschaftliches Rüstzeug verfügen, bietet sich ein MBA-Studium an. Für sie gibt es genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Studiengänge, die ihnen vertiefte Kenntnisse in einzelnen Bereichen vermitteln. So werden MBA-Programme mit einer Spezialisierung angeboten, wie zum Beispiel ein MBA in Arts Management, ein MBA in Business Engineering, ein MBA in Project Management oder ein MBA in Real Estate Management.

Das MBA-Studium qualifiziert für anspruchsvolle Tätigkeiten und kann Karriereperspektiven weltweit öffnen, da es sich um einen international anerkannten akademischen Grad handelt. Allerdings wird diese Qualifikation sehr uneinheitlich beurteilt, weil es Business Schools fast wie Sand am Meer gibt. Hier gilt: je renommierter die Schule, desto besser. In der obersten Liga, die jedes Jahr mit einer Rangliste in der «Financial Times» aktualisiert wird, finden sich neben den Top-Adressen im europäischen Ausland – wie London, Paris und Oxford – mit der Universität St. Gallen und dem IMD in Lausanne gleich zwei Schweizer Institute. Tuck-Boss Danos mahnt aber zur Vorsicht: «Die richtige und beste MBA-Ausbildung gibt es per se nicht.»

Es kommt immer darauf an, was man mit der Ausbildung anfangen will. Wollen Sie in einem internationalen Konzern Karriere machen? Haben Sie eine nationale Firma im Visier? Oder sind Sie Inhaber oder Geschäftsführer eines KMU, das in einem regionalen Markt tätig ist? Wer seine Zukunft in einem KMU sieht, für den ist ein anderer MBA der richtige als für jemanden, der in einem multinationalen Unternehmen tätig ist.

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Wer in Vollzeit für zwei Jahre studiert, macht das oft zu Beginn seiner Karriere. Die meisten Studierenden der renommierten Schulen wie des IMD in Lausanne, des Insead in Fontainebleau oder des Saïd Business College in Oxford sind deshalb zwischen Ende zwanzig und Mitte dreissig. Sie haben die ersten Jahre im Job bereits hinter sich. «Wer bei uns seinen MBA macht, lebt für zwei Jahre dort und arbeitet intensiv», sagt Danos. In der Tat ist der Arbeitsaufwand enorm, und die Business Schools setzen voll auf Leistung. Ein MBA an einer solchen Schule ist etwas für Leute, die es mit ihrer Karriere bitterernst meinen und bereit sind, viel zu investieren und grosse Opfer zu bringen.

«Wer bereits eine Familie hat, hat es wahrscheinlich schwerer, zu uns zu kommen», sagt Danos. Nur ein Viertel der Studenten an der Tuck School sind verheiratet. An den anderen Topschulen das gleiche Bild: Singles mit Ambitionen, die sich den Unterbruch ihrer Karriere für zwei Jahre leisten können.

Wer sich hingegen schon eine gewisse hierarchische Position erarbeitet hat, kann kaum einen Boxenstopp für so lange Zeit einlegen. Für jene bietet sich ein berufsbegleitendes MBA-Studium an. In der Schweiz ist «Executive MBA» die vom Bundesamt für Bildung und Technologie festgelegte Bezeichnung für eine ganze Reihe von Studienabschlüssen. Sie beziehen sich alle auf eine umfassende Weiterbildung, die nach dem ersten Studienabschluss absolviert wird. Solche Executive-Studiengänge haben auch die Topschulen im Programm. Dort ist die Anzahl der Plätze allerdings ziemlich heiss umkämpft. Am IMD findet der Unterricht in Wochenblöcken statt, am Insead in Modulen, die zwischen fünf und zehn Tagen dauern und für welche die Teilnehmenden jeweils extra nach Paris reisen. Dies bedeutet zeitlich einen ziemlichen Stress und ist in vielen Fällen auch kaum mit den Anforderungen des Jobs unter einen Hut zu bringen. Zudem können es sich nicht alle Kaderangehörigen leisten, mehrmals im Jahr eine Woche lang in ihrem Unternehmen zu fehlen.

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Hier springen die sieben Fachhochschulen in der Schweiz in die Bresche. Sie haben in den letzten Jahren ihr Weiterbildungsangebot konsequent ausgebaut, weil sie sich zu einem grossen Teil selber finanzieren müssen. Vom Bund wurden sie per Fachhochschulgesetz dazu verpflichtet, sich um den Transfer von Wissen von der Forschung in die Praxis und um die Weiterbildung zu kümmern. In der Vergangenheit wurden die heutigen Executive-MBA-Programme von den Fachhochschulen unter dem Oberbegriff der Nachdiplomstudiengänge (NDS) geführt. Nun werden im Rahmen der Harmonisierung der europäischen Hochschulabschlüsse in der Schweiz die NDS zum grossen Teil durch die MBA-Programme ersetzt. In der Deutschschweiz sind es die Fachhochschule Zentralschweiz in Luzern, die Fachhochschule Nordwestschweiz mit Standorten in den Kantonen Solothurn, Aargau und den beiden Basel, die Berner Fachhochschule und die Zürcher Fachhochschule, mit ihren Standorten in Winterthur und Zürich, die sich auf Weiterbildungsgebote für das Management spezialisiert haben.

Und so lässt sich der Study Case über die Taco Bell Corp. nicht mehr nur am Insead lösen, sondern auch hierzulande. Inzwischen ist es nach Mitternacht. Den Studierenden ist aufgegangen, dass der CEO vergessen hat, etwas ganz Wesentliches zu tun: neben dem Umsatzwachstum auch Gewinn zu generieren.