Inwiefern ist die ökonomisch orientierte Weiterbildung an der Krise mitschuldig?

Fredmund Malik: Sie ist mitverantwortlich. Herkömmliche Aus- und Weiterbildung ist eine der Hauptursachen für die Krise, denn sie schuf den geistigen Nährboden dafür. Ursprung des Bildungsdesasters sind die USA. Immerhin waren 70% der Manager von zusammengebrochenen US-Banken Absolventen von sogenannten amerikanischen Elite-Universitäten. Sie waren in wesentlichen Punkten falsch gebildet. In Europa wurde diese geistige Fehlentwicklung fast unkritisch kopiert.

Bildung ist das beste Kapital, das man anlegen kann. Mittlerweile stehen sogar gut Aus- und Weitergebildete auf der Strasse.

Malik: Auf der Strasse stehen vorwiegend solche, denen das Falsche gelehrt wurde. Sie sind Opfer eines Ver-Bildungssystems. Nur richtige Bildung und richtiges Wissen sind Kapital in der rasch voranschreitenden Wissensgesellschaft.

Der Angebote sind mittlerweile so viele, dass es schwerfällt, in diesem Dschungel zurecht zu kommen.

Malik: Das löst sich von selbst, denn viele der Angebote wird es bald nicht mehr geben. Mein Institut habe ich aus diesem Dschungel herausgehalten. Wir haben ein ganzheitliches Managementsystem für das zuverlässige Funktionieren von Organisationen entwickelt. Mit BWL und herkömmlichem Managementdenken hat das kaum noch etwas zu tun, weil diese untauglich sind für das Meistern der Komplexität unserer vernetzten Welt.

Es fällt auf, dass ein kontinuierliches Upgrading der Titel stattfindet. Neu sollen Absolventen des Höheren Lehramtes als Master of advanced Studies in Secondary and Higher Education bezeichnet werden. Das ist doch ein Hohn?

Malik: Das Titelgestrüpp hat die Qualitätsmassstäbe weitgehend ruiniert. Das schadet den Studierenden sowie den Schulen. Gerade die Wissensgesellschaft ist auf Qualität und Niveau angewiesen.

Ein Cartoonist hat eine Coiffeuse skizziert, die ein Diplom MBA of Haircutting aufgehängt hat. Wird es so weit kommen?

Malik: Ja, wenn sich nichts ändert. Weiterbildung würde sinnlos - genau zu dem Zeitpunkt, wo sie wichtiger ist als je zuvor und für junge Menschen die beste Investition in ihr Leben bedeutet. Es ist tragisch, wenn sie später feststellen, dass sie die besten Jahre vertan haben.

Nochmals zur Titelmanie: Könnte es sein, dass gerade die Krise ihr entgegenwirkt, indem andere Qualitäten als ein langes Palmarès von Nachdiplomen zählen?

Malik: Gute Personalchefs haben schon länger kein Vertrauen mehr in Titel. Wesentlich ist die Qualität des Wissens. Richtiges Wissen ist entscheidend für den Erfolg. Besonders wichtig ist Wissen über Management, nämlich das Funktionieren von und in Organisationen. Ohne dieses wird man kaum beschäftigungsfähig sein.

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Anbieter stehen in einem brutalen Wettbewerb bei der Kreation von Diplomen. Nach welchen Kriterien soll ein Jungtalent ein passendes Angebot wählen?

Malik: Statt auf Titel muss man auf Inhalt und Qualität schauen. Mein Rat: Nicht bluffen lassen. Klingende Namen von Bildungsstätten sagen wenig. Wichtig sind die dort Lehrenden, denn man lernt nicht von Schulen, sondern von Personen. Haben diese Praxis oder sind es realitätsferne Theoretiker ohne reale Wirtschaftserfahrung? Was sind deren echte Leistungen? Wofür haben sie schon Verantwortung getragen? Waren ihre Lehren richtig? Haben sie den US-Unsinn nachgebetet oder hatten sie Mut zu Gegenmeinungen? Mit solchen Fragen ist man rasch beim Kern und kann richtige Entscheidungen treffen.

Wenn sie ein Rating im vorhin erwähnten Dschungel vornehmen müssten: Welche Lernmethoden sind angesagt und welche versprechen in der Weiterbildung Erfolg?

Malik: Das Rating würde ich nicht nach Methoden, sondern nach Richtigkeit der Inhalte richten. Denn auch mit der scheinbar besten Methode kann man falsches Wissen vermitteln. Zu den wirksamsten Lernformen gehört heute das Blended Learning mit Nutzung aller modernen Technologien, weil man damit unabhängig von Zeit und Ort wird. Wirksame Weiterbildung bedeutet auch, allen Ballast abwerfen, ganz auf das Wesentliche konzentrieren, Kompaktprogramme mit höchster Qualität und Effizienz.

Sie engagieren sich im weitesten Sinn auch in diesem Bereich, allerdings vor allem firmenspezifisch. Ist eine stufengerechte Weiterbildung à la carte die Lösung?

Malik: Wir machen viele firmeninterne Management-Weiterbildungsprogramme, aber wir haben auch eines der grössten überbetrieblichen Angebote mit dem besten Kosten-Nutzen-Verhältnis für Einzelpersonen. Die Weiterbildung à la carte mit Punktesystem gibt es bei uns seit langem. Zurzeit sind besonders die Um-Lern-Programme für das Krisen-Wissen wichtig.

Dem widerspricht, dass sich als Folge der Krise nicht mehr alle Firmen so etwas leisten können. Vorausschauende Betriebe handeln nach dem Motto «Jetzt erst recht».

Malik: Tatsächlich gibt es hier eine Riesenchance. Mit dem halben Budget kann man heute doppelt so viel erreichen wie bisher. Der Weg dazu ist radikales Ausmisten der bisherigen Weiterbildung. So kann sich jede Firma die richtige Ausbildung leisten.

Letztlich geht es immer noch um den Willen des Einzelnen, beruflich weiterzukommen. Streckt er die Segel, wenn er entlassen wird oder wenn ihm die Entlassung droht? Benutzt er diese Phase, um weiterzukommen? Oder ist es nicht einfach eine Frage des Charakters?

Malik: Es ist auch eine Frage der Information über die neuen Möglichkeiten des Lernens, die richtig Spass machen können. In Deutschland haben wir soeben eine Lern-Olympiade über vernetztes Systemdenken abgeschlossen. 90000 Schüler haben mit unseren Lernprogrammen trainiert, mit komplexen Systemen umzugehen. Sie waren begeistert, weil sie gegen Politikerteams regelmässig gewonnen haben. Da entsteht die neue Generation von systemischen Denkern, die nicht arbeitslos sein wird.

Wenn Sie Ihre Seminarien geben: Woran erkennen Sie, wenn jemand ein Winner- oder ein Loser-Typ ist?

Malik: Heute muss niemand mehr ein Loser sein, denn mit den neuen Lernmitteln kann jeder für seinen Zweck ein Winner sein, so sicher, wie jeder richtig Autofahren lernen kann.

Welche Weiterbildung haben die Schulen und Institute selbst nötig?

Malik: Personen und Organisationen müssen lernen, sich selbst zu managen, um zu überleben. Dazu braucht man funktionierende Managementsysteme, mit denen man die immense Komplexität im Bildungswesen meistern kann.

Löst die Weiterbildung im Internet bald den Gang auf einen Campus ab?

Malik: Mit dem Internet wird der heutige Campus-Typ zum Auslaufmodell. Das Internet kann die Massenprobleme der Wissensgesellschaft besser lösen. Umso mehr braucht Bildung aber die persönliche Verantwortung der Lehrenden – und zwar nicht für ein Fach, sondern für den Lernenden als Menschen und Mitglied der Gesellschaft. Darin sehe ich die Chance für einen neuen Campus-Typ. Die Krise zeigt drastisch die Notwendigkeit dieser Verantwortung.

Was raten Sie Leuten, die schon lange nicht mehr eine Schulbank gedrückt haben?


Malik: Mutig sein und frühere Schul-Erfahrungen beiseite schieben. Lernen im Erwachsenenalter ist etwas ganz anderes als Lernen im Schulalter. Für Erwachsene ist Lernen ganz leicht, sobald sie stärkenbezogen so lernen dürfen, wie sie es individuell am besten können. Dann fehlt es selten an Motivation, Fähigkeit und Kraft.