Stefan Lippe, seit Februar dieses Jahres CEO des Rückversicherers Swiss Re, überrascht. Nicht nur hat der Konzern seine Kapitalbasis, die auf Grund von zwei fatalen Investments in strukturierte Versicherungsprodukte aus den Fugen geraten war, stabilisiert und gestärkt. Swiss Re hat auch drei Transaktionen getätigt, die weder die Finanzgemeinde noch die breitere Öffentlichkeit richtig zur Kenntnis genommen haben - obwohl sie für den Rückversicherer operativ wie strategisch wegweisend sind.

Gegen Hurrikane und Erdbeben

Zum einen hat Swiss Re zusammen mit der mexikanischen Regierung und der Weltbank eine Naturkatastrophenobligation mit dem Namen MultiCat Mexiko 2009 in der Höhe von 290 Mio Dollar strukturiert. Der sogenannte Cat Bond, der im Oktober 2012 ausläuft, deckt drei Grossrisiken ab: Erdbeben, Pazifik-Hurrikane und Atlantik-Hurrikane. Wird Mexiko von einer grösseren, im Vorfeld exakt definierten Naturkatastrophe heimgesucht, fliesst das Geld für Nothilfe und Wiederaufbau schnell und ohne bürokratische Hemmnisse.

Dieses Rückversicherungsprodukt, das erste seiner Art, wird von der Weltbank als «wichtigen Schritt» für all jene Entwicklungsländer angesehen, die bei Naturkatastrophen besonders exponiert sind. Die Regierungen können am Kapitalmarkt Geld aufnehmen und werden von der Weltbank dabei unterstützt.

Darüber hinaus ist Swiss Re mit der Pekinger Lokalregierung eine Zusammenarbeit - ein Public Private Partnership - im Bereich der Landwirtschaft eingegangen. Ziel ist es, die Produktivität der chinesischen Bauern zu stimulieren, aber auch die Risiken eines Ernteausfalls abzudecken. Schliesslich ist Swiss Re dabei, für australische Firmen Langlebigkeit-Swaps zu strukturieren - die ersten ausserhalb Grossbritanniens, auch dies eine Novität.

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Zurück zum Kerngeschäft

Die Restrukturierungsmassnahmen des Managementteams um Lippe werden von den Investoren honoriert: Die Swiss-Re-Aktie hat innert Wochenfrist knapp 15% zugelegt. Dies ist jedoch nur eine Seite der Medaille, auf der anderen stehen Innovation und Know-how. An diese Stärken und Tugenden, die Swiss Re einst zum Branchenprimus hatten aufsteigen lassen, will Lippe anknüpfen, wenn er verkündet: «Zurück zu den Wurzeln.» Denn seinem Vorgänger Jacques Aigrain, einem an der Wall Street gestählten Investmentbanker, war das klassische Rückversicherungsgeschäft zu langweilig. Ihm schwebte primär eine hohe Kapitalrendite vor. So ging er mit Finanzmarkttransaktionen grosse Risiken ein. Die Folgen: Ein Milliardenloch, ein Absturz der Aktien und ein Vertrauensverlust.

Mit innovativen Transaktionen wie jenen in Mexiko, China und Australien sieht sich Swiss Re gut positioniert für die im Januar 2010 anstehende Erneuerungsrunde im Rückversicherungsgeschäft. Dann werden bestehende Verträge erneuert und neue ausgehandelt.

 

 

nachgefragt
«Interesse an Cat Bonds hat wieder zugenommen»

Der Leiter Non-Life Risk Transformation bei Swiss Re, Martin Bis-ping, zum Transfer von Versicherungsrisiken an den Kapitalmarkt.

Wie verdient Swiss Re Geld mit den Naturkatastrophen?

Martin Bisping: Es gehört zu den Kernkompetenzen der Swiss Re, Risiken zu bestimmen, zu modellieren und an den Kapitalmarkt zu übertragen. Dabei haben sich die Katastrophenobligationen, die sogenannten Cat Bonds, die Insurance Linked Securites und Naturkatastrophenderivate als Instrumente etabliert. Die Obligation Mexico MultiCat 2009, an der die mexikanische Regierung, die Weltbank und Swiss Re beteiligt sind, ist die erste ihrer Art und zeigt unsere Innovationskraft.

Wie gross ist der Markt?

Bisping: Trotz des Potenzials solcher Produkte ist der Anteil am gesamten Rückversicherungsvolumen noch relativ gering. Der Cat-Bonds-Markt liegt bei 14 Mrd. Zählt man den Markt für Naturgefahrenderivate und Insurance Linked Securities dazu, sind wir bei einer Gesamtsumme von 24 Mrd Dollar. Das sind etwa 12% der globalen Kapazität für Katastrophenrückversicherung.

Wie haben die Cat Bonds die Krise gemeistert?

Bisping: Die Jahre 2005 bis 2007 waren von starkem Wachstum geprägt. 2008 kam es zu einer Abschwächung. Mittlerweile hat das Interesse wieder zugenommen. Rund ein Drittel der diesjährigen Transaktionen wurde von Swiss Re strukturiert. Da wir uns stark für eine Standardisierung der Produkte und für die Schaffung neuer Indizes engagieren, gehen wir von einem steigenden Interesse aus. Ich sehe das Potenzial für Cat Bonds bei 30 Mrd Dollar.

Wieso soll ein Anleger mitmachen?

Bisping: Zum einen erzielen diese Produkte eine attraktive Rendite, zum anderen tragen sie zur Diversifizierung des Portfolios bei.

Wo sehen Sie die Zukunft?

Bisping: Wir sehen im Transfer von Sterblichkeits- und Langlebigkeitsrisiken grosses Potenzial. Hierfür sprechen die Schadenszenarien bei Pandemien oder der Vorsorgebedarf einer alternden Weltbevölkerung.