Es sind Geschichten vom Sieg der Freiheit und des Friedens über die Tyrannei, die Peter Löscher (50) umgeben, dargestellt in 300 Jahre alten Wandmalereien. Im Licht der Kerzenleuchter steht der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG unter dem pompösen Torbogen der «Painted Hall» des Londoner Old Royal Naval College. Da wirkt selbst Löscher, ein 1,95-m-Mann, klein. Auch er erzählt die Geschichte eines Empire, eines 160 Jahre alten Wirtschaftsimperiums namens Siemens, das sich seiner Traditionen besinnt und zu alter Stärke zurückfindet.

Löscher zieht vor 140 Journalisten aus aller Welt Bilanz nach seinem ersten Jahr als Siemens-Chef. Und dass er dies hier tut, ist symbolisch gemeint. London steht wie keine andere Stadt in Europa für die internationale Finanzwelt, für Globalisierung und den Austausch der Kulturen.

Die Siemensianer zittern

Noch ist das Jahr eins unter Löscher nicht abgeschlossen, da ist bei den Siemensianern von Feierstimmung nichts zu spüren. Löscher will 17200 Stellen weltweit streichen, davon 6450 in Deutschland. Allein am traditionsreichen Siemens-Standort Erlangen fallen 1330 Jobs weg. «Wir werden das so sozialverträglich wie möglich gestalten», verspricht Löscher. Bislang erhielt Löscher für seine ersten 365 Tage im Amt auch von den Arbeitnehmervertretern Lob. Betriebsratsvorsitzender Ralf Heckmann bezeichnet ihn jedenfalls als «feinen Menschen mit sozialer Kompetenz», auf dessen Wort man sich verlassen könne.

Doch die Angst geht um unter den 400000 Siemensianern, seit die Meldung vom Streichkonzert heraus ist. Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer sieht eine «wachsende Unruhe» bei den Mitarbeitern. Der Abbau soll sich über zwei Jahre erstrecken. Löscher muss vorsichtig taktieren. Die Zusage, ohne betriebsbedingte Kündigungen auszukommen, lässt er sich nicht abringen. Ein «möglichst» baut er in den Satz ein.

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Die Mitarbeiter sind unruhige Zeiten gewohnt. Eine Schmiergeldaffäre, die Siemens zutiefst erschütterte und deren Aufklärung bislang 1,9 Mrd Euro kostete, dazu ein Konzernumbau, der eine 20 Jahre lang bestehende Struktur über Nacht überflüssig machte, haben die vergangenen Jahre geprägt. Löscher hat elf Geschäftsbereiche in drei Sparten gebündelt: Energie, Industrie, Gesundheit. Die 70 allmächtigen Landesgesellschaften, die weitab von der Zentrale ein Eigenleben führten, in 20 regionale Zentren zusammengefasst. Damit brachte er mehr Licht in den Bürokratiedschungel bei Siemens.

Löscher hat mit einer Vehemenz, die ihm, dem bedächtig wirkenden Kärntner, nur wenige zutrauten, die Siemens-Welt umgekrempelt. Er nennt das «Evolution statt Revolution». Im Vorstand sitzen noch zwei aus der Zeit vor Löscher, von den 150 TopManagern hat er die Hälfte ausgetauscht. Ohne die Schmiergeldaffäre wäre das nicht möglich gewesen. Und ohne die Schmiergeldaffäre wäre einer wie Peter Löscher nicht auf dem Siemens-Thron. Er ist Realist genug, das zu wissen. «Ich hätte die grösste Chance meines Lebens ansonsten nie bekommen», sagt er, so als staune er noch täglich darüber, dass er, der Sohn eines Sägewerkbesitzers aus dem Dorf Fellach, nun ein Weltunternehmen führt.

Ein Neuer musste her

Täglich prasselten neue Meldungen von schwarzen Kassen und Verhaftungen auf Siemens hernieder. Ein Neuer musste her, unbelastet, unverdächtig, einer mit internationaler Erfahrung. Der heutige Aufsichtsratschef Gerhard Cromme machte sich mit wichtigen Kontrolleuren – DeutscheBank-Chef Josef Ackermann, IGMetall-Boss Huber und Betriebsrat Ralf Heckmann – auf die Suche. Den entscheidenden Tipp gab der damalige Siemens-Aufsichtsrat Walter Kröll, Ex-Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Er kannte Löscher.

Cromme ist auch heute noch der grosse Rückhalt für Löscher, der allerdings für sich in Anspruch nimmt, ein eigenes Netzwerk bei Siemens aufgebaut zu haben. Enge Vertraute? Am ehesten wohl Peter Solmssen, der erste Amerikaner im Siemens-Vorstand, der das Ressort Recht und Compliance betreut und damit Chefaufklärer des Schmiergeldskandals ist. Beide kennen sich aus ihrer Zeit bei General Electric. «I dont want to general-electrify Siemens», ist einer der Lieblingssätze Löschers. Er werde nicht den Erzrivalen General Electric kopieren und aus Siemens einen US-Konzern machen. Dennoch, die schlankere Konzernstruktur mit einer Stärkung des Zentrums und das energische Trimmen aller Geschäftsbereiche auf Effizienz lassen durchaus Parallelen erkennen.

In den vergangenen Monaten reiste er von Russland über China nach Indien, dorthin, wo er die Zukunft von Siemens vermutet. Manche legten ihm die Reisen als Flucht vor der Zentrale in München aus. Aber Löscher tickt international. Er studierte in Wien, Hongkong und Harvard, ist mit einer Spanierin verheiratet, zwei seiner drei Kinder kamen in den USA zur Welt. Diesen Vorteil, auf der Welt zu Hause und zugleich lokaler Spieler zu sein, gelte es zu nutzen. So ist es nur folgerichtig, wenn Löscher ein Programm namens «Diversity» anschiebt. «In der Führungsetage sind wir noch zu deutsch und zu männlich», sagt er. Er könne sich einen fähigen Inder oder Russen an der Konzernspitze vorstellen. Auch müssten viel mehr Frauen nach oben kommen.

Löscher wirkt im Umgang unprätentiös. Man nimmt ihm ab, dass er am Wochenende seinen Blackberry ausschaltet, um ins Familienleben abzutauchen. «Ich bin zufrieden mit meinem ersten Jahr», resümiert Löscher. «Natürlich herrscht auch ein wenig Unruhe in der Mannschaft. Es dauert ein bis zwei Jahre, bis sich alles eingespielt hat.» Der Stellenabbau ist für Löscher eine Bewährungsprobe. «Die Fabriken schlank aufstellen und bei den Stäben oben alles so belassen – das geht nicht», verteidigt er sein Vorgehen. Rund 1,2 Mrd Euro jährlich müssten in der Verwaltung eingespart werden. Löscher weiss, dass er am Aktienkurs gemessen wird – auch wenn er betont, für ihn sei ein Kriterium wie «nachhaltige Wertsteigerung» nicht weniger wichtig. Seit er am 1. Juli 2007 bei Siemens startete, haben die Aktien ein Drittel an Wert verloren.

Die Rückbesinnung auf Tradition kann in diesen Zeiten Halt geben. So schwärmte Löscher im Royal Naval College vom Erfindergeist des Entrepreneurs Werner von Siemens und betonte die Anfänge dieses Weltkonzerns. «Ich fühle mich als Siemensianer», sagt Löscher, dessen Vertrag bis 2012 läuft. Aber Siemens soll auch ein Stück weit wie Löscher werden. «Er steht für eine neue Ära», ist sich Betriebsratsvorsitzender Heckmann sicher. Es gehe doch nicht um ihn als Person, sondern um das Wohl von Siemens, entgegnet Löscher. «Eine Ära Löscher braucht das Unternehmen nicht.»