Die Not ist gross. So gross, dass der Weltkirchenrat in den Mustertexten, welche er jeweils an seine ­Mitgliedskirchen verschickt, letzte Woche auch eine Fürbitte in eigener Sache vorschlägt. Thema ist diesmal die Schweiz. Es wird zum Gebet für die Arbeit des Weltkirchenrats in Genf aufgerufen.

Die Dachorganisation für knapp 350 papstunabhängige Kirchen hat grosse Sorgen. Bei ihrer Pensionskasse klafft ein Loch von rund 26 Millionen Franken. Das entspricht den Beitragseinnahmen eines ­ganzen Jahres. Sollte sich dieses Problem nicht lösen lassen, könnte es sich zu «einer institutionellen Krise» des gesamten Weltkirchenrats ausweiten, erklärte Generalsekretär Olav Fyske Tveit kurz vor Weihnachten gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. «Die Pensionskassenproblematik steht weit oben auf der Agenda des Weltkirchenrats», bestätigt auch Pfarrer Martin Hirzel, der als Vertreter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds Mitglied des Zentralausschusses ist.

Das Kreuz mit dem Franken

Die Pensionskasse des 1948 gegründeten Weltkirchenrats ist wegen Anlageverlusten, die aus der Finanzkrise resultierten, in die Unterdeckung geschlittert. Im Unterschied zu den meisten anderen Schweizer Pensionskassen mit aufgelaufenen Verlusten konnte jene des Zentralorgans der ökumenischen Bewegung aber zu ­wenig von der Erholung der Börsen profitieren. Und so verschlechterte sich der ­Deckungsgrad gar weiter. Heute beträgt er nur noch rund 70 Prozent. Mit anderen Worten: Die künftigen Rentenansprüche der Versicherten sind derzeit nur noch zu 70 Prozent gedeckt.

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Schuld daran ist auch die hohe Zielrendite von 5 Prozent, welche die Pensionskasse der Ökumene erreichen müsste, um sich nachhaltig verbessern zu können. Das ist im Branchenvergleich ein reichlich hoher Satz. Er erklärt sich mit der Personalentwicklung beim Sitz des Weltkirchenrates in Genf. Von einst 350 Angestellten des Zentralorgans sind nur rund 135 übrig geblieben. So müssen immer weniger aktive Beitragszahler immer mehr Rentner finanzieren.

Die Abnahme der Mitarbeiterzahl ist ein Spiegelbild für die sinkende Bedeutung des Weltkirchenrats. Seine Blütezeit hatte er in den 60er- bis 80er-Jahren. Damals engagierte sich die Organisation für den Weltfrieden und kämpfte an vorderster Front gegen Apartheid und Aids, sodass sie bestimmend für das Denken ­gros­ser Teile der Christenheit war. «Diese Rolle haben seither immer mehr Nicht­regierungsorganisationen ohne religiösen ­Hintergrund übernommen», erklärt das Schweizer Zentralausschuss-Mitglied Hirzel. Gleichzeitig schrumpfe innerhalb des religiösen Lagers die Bedeutung der liberalen Kirchen mit moderater Theologie, während die evangelikal-konservative Bewegung wachse. «Deren Vertreter stehen dem Weltkirchenrat eher reserviert gegenüber und sind in eigenen Netzwerken ­zusammengeschlossen, wie in der Lausanner Bewegung oder in der World Evangelical Alliance in New York», so Hirzel weiter.

Erschwerend wirkt zudem das widrige Konjunkturumfeld. Es setzt die Finanzlage der Mitgliederkirchen unter Druck und lässt damit auch die Beitragszahlungen an den zentralen Weltkirchenrat schrumpfen. Dessen Gesamteinnahmen beliefen sich beispielsweise 2004 noch auf über 45 Millionen Franken, 2010 waren es 32,5 Millionen, und im Haushalt 2011 waren nur noch 30,5 Millionen veranschlagt.

Die schwindenden Einnahmen werden zusätzlich durch die ungünstige Währungsentwicklung geschmälert. Wie ein multinationaler Konzern mit Schweizer Sitz bilanziert auch der Weltkirchenrat in Franken. Die Ausgaben – es sind vorab Personalkosten − fallen meist in Franken an. Die Einnahmen fliessen dagegen vorwiegend in Euro und Dollar, sodass der Weltkirchenrat seit Jahren unter der starken Schweizer Währung leidet. Allein 2010 frassen Währungsverluste 5 Prozent der Einnahmen weg.

Die Schweiz zu verlassen, ist dennoch keine Option. «Genf ist der Ort, an dem viele internationale Organisationen sitzen, die sich mit Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechten beschäftigen. Hier müssen auch die Kirchen vertreten sein», so Generalsekretär Tveit.

Hoffnungsträger Immobilien

Mit dem Bekenntnis zum Standort Genf ist auch jenes zur Schweizer Pensionskasse verbunden. Allerdings will der Weltkirchenrat sie künftig nicht mehr selber führen, sondern sich einer grossen Sammelstiftung anschliessen. Dabei muss allerdings zuerst die Unterdeckung aus­finanziert und die Reserven wieder auf­gestockt werden. Der Weltkirchenrat rechnet mit einem Kapitalbedarf von rund 30 Millionen Franken. Das ist kein Pappenstiel.

Ironischerweise könnten nun gerade die überdimensionierten Strukturen aus der Vergangenheit die Lösung bieten. In seinen goldenen Zeiten hat der Weltkirchenrat nämlich einen erklecklichen ­Immobilienbesitz erworben, der sich aus heutiger Sicht als viel zu gross für die ­Eigennutzung erweist. So steht zum Beispiel das Genfer Hauptquartier des Weltkirchenrats auf einem rund 35 000 Quadratmeter grossen Gelände an bester Lage. In unmittelbarer Nähe befinden sich ­internationale Organisationen wie das ­Internationalen Rote Kreuz, die Uno-Welt­gesundheitsorganisation und die Uno-­Arbeitsorganisation, aber auch der Genfer Hauptbahnhof Cornavin.

Der Wert des Hauptsitzes wurde schon vor neun Jahren auf 51 Millionen Franken veranschlagt. Wegen der massiven Preis­steigerungen am Platz Genf dürften es ­inzwischen erheblich mehr sein. Zudem besitzt der Weltkirchenrat ausserhalb von Genf mit dem Château de Boissy ein ­Tagungshotel, dessen Wert Ende der 1990er-Jahre auf 19 Millionen Franken geschätzt und in das seither weitere 14 Millionen Franken investiert wurden.

Der Weltkirchenrat erklärt, dass er derzeit seine Liegenschaften überprüfe, um zusammen mit einem Projektentwickler und Banken eine neue Immobilienstrategie zu erarbeiten. Dabei werde auch diskutiert, wie der ­grosse ­Gebäudekomplex des Hauptsitzes weitergenutzt wird. Schon heute ist er teilweise weitervermietet, etwa an die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen oder an den Christlichen Studentenweltbund. Die Mieteinnahmen des Weltkirchenrats sind denn auch mit 5,6 Millionen Franken inzwischen grösser als die Mitgliederbeiträge seiner Kirchen in der Höhe von 5,1 Millionen. Mit der neuen Immobilienstrategie wird die Bedeutung dieser Erträge noch zunehmen.

Weltkirchenrat: 560 Millionen Gläubige

International
Der Ökumenische Rat der Kirchen (kurz ÖRK oder Welt­kirchenrat genannt) wurde 1948 gegründet und zählt heute 349 papst­unabhängige Kirchen aus 110 Ländern. In der Schweiz gehören dazu der Evangelische Kirchenbund als Dachorganisation der Reformierten sowie die christkatholische Kirche.

Ohne Rom
Der Weltkirchenrat ­umfasst reformierte, anglikanische, orthodoxe und altkatholische ­Kirchen sowie Freikirchen mit rund 560 Millionen Gläubigen. Die ­römisch-katholische Kirche ist nicht Mitglied, arbeitet aber punktuell mit dem Weltkirchenrat zusammen.