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Quartalsberichte
Weniger Froschperspektive, mehr Adlerblick

«CEO sind wie Korken im Ozean»: Warren Buffett und Jamie Dimon beim gemeinsamen Auftritt auf CNBC.
«CEO sind wie Korken im Ozean»: Warren Buffett und Jamie Dimon beim gemeinsamen Auftritt auf CNBC.Quelle: CNBC

Warren Buffett und Jamie Dimon attackieren den Fokus der Wall Street auf Quartalsprognosen. Sie fordern, dass Konzerne darauf verzichten.

Von Ralph Pöhner
am 12.06.2018

Testfrage: Sie leiten eine Firma. Der Börsenkurs Ihrer Aktie entwickelt sich seit Jahresbeginn eher flau. Die Analysten erwarten im neuen Quartal einen etwas höheren Gewinn. Und da erhalten Sie die Chance, ein Startup mit einem hoffnungsvollen Patent zu übernehmen. Der Deal würde allerdings das Quartalsergebnis verhageln.

Wie entscheiden Sie?

Offenbar sind viele Konzernchefs nicht fähig, über den kurzfristigen Schatten zu springen und jenen Entscheid zu fällen, der sich erst in einer fernen Zukunft auszahlen wird. Dies deutet jedenfalls eine spektakuläre Aktion in den USA an. Dort meldeten sich Warren Buffett und Jamie Dimon gemeinsam zu Wort: In einem Aufruf, veröffentlicht im «Wall Street Journal», sowie einem Doppel-Interview auf CNBC forderten der Super-Investor und der Super-Banker, dass die Unternehmen keine Aussagen zu ihren Quartalserwartungen mehr machen sollen. «Short-Termism Is Harming the Economy», so der Titel ihres Pamphlets im «Wall Street Journal» (Paywall): Die Kurzfrist-Fixierung schadet uns allen.

Quartalsfrust

Berkshire-Hathaway-Gründer Buffett und JP-Morgan-Präsident Dimon sprachen dabei als Vertreter des Business Roundtable, einer Organisation, welche die 200 wichtigsten CEO von Grosskonzernen bündelt, von Abbott bis Xerox.

Ganz überraschend ist das nicht: Schliesslich hat langfristiges Denken den Value-Investment-Guru Buffett steinreich gemacht. Und dass die Fixierung der Aktionäre, Banker, Fondsmanager und Aktivisten-Investoren aufs Quartalsergebnis für viele Manager ein Ärgernis ist, bietet nun schon seit Jahrzehnten Debattenstoff. Man kennt den Widerstand auch in der Schweiz (etwa von der Swatch-Familie Hayek) oder aus Deutschland (etwa vom Porsche-Piëch-Clan).

Die Macht des Wetters

Nur: Geändert hat sich nichts. Die Börsen verlangen Quartalsausweise. Die Analysten wagen Quartalsprognosen. Die Medien vermelden Quartalsergebnisse. Und je nachdem werden die Konzernchefs gelobt oder getadelt. Bis das Spiel drei Monate später erneut beginnt.

Die wahre Entwicklung spiegeln die vieldiskutierten Zahlen jedoch nur bedingt. «Quartalsergebnisse sind eine Folge des Wetters, der Rohstoffpreise, der Umsätze, der Preisentscheide von Konkurrenten», sagte Jamie Dimon auf CNBC. «Als CEO kontrollierst du das nicht wirklich. Manchmal sind die Konzernchefs wie der Korken im Ozean, aber sie tun trotzdem das Richtige.»

Fatales Mischmasch

Konkret wollen Buffett und Dimon jetzt, dass zumindest die Unternehmen darauf verzichten, eigene Andeutungen und Informationen zum kurzfristigen Geschäftsgang zu publizieren. Das Duo wittert hier ein fatales Gemenge zwischen Konzernlenkern und Analysten: Die einen liefern Zahlen, Verkaufskurven, Gewinnerwartungen. Die andern erarbeiten daraus Prognosen und Anlagetipps. Und wenn die dadurch fixierten Erwartungen nicht erreicht werden, sackt die Aktie ab.

Was die Konzernchefs wiederum dazu verführt, aufs Quartalsende am Zahlenkranz zu schrauben.

«Die Firmen beschränken sich oft bei den Technologieausgaben, bei den Stellen oder in Forschung und Entwicklung, um Quartalsprognosen zu erreichen, die selber durch Faktoren bestimmt werden, die ausserhalb der Kontrolle des Managements sind», schreiben Buffett und Dimon im « Wall Street Journal».

Konzernchefs als Babies

Und doch ernteten die Kritiker ihrerseits Kritik. Ob es denn wirklich besser sei, wenn die Firmen weniger transparent wären?, fragte zum Beispiel der Hedge-Fund-Manager John A. Levin. Und eine Kommentatorin auf «Business Insider» befand, der Vorstoss von Buffett und Dimon behandle ausgewachsene Konzernchefs wie Kleinkinder – «like a bunch of babies with no self control».

Mag sein, dass das übertrieben ist. Doch im Dauerzwist zwischen kurzfristigem Aktionärsgewinn und fundamentalem Firmenwachstum gibt es kein Schwarz-Weiss, sondern nur Grautöne. Die Initiative von Buffett, Dimon sowie dem Business Roundtable könnte immerhin dazu beitragen, dass sich die Wahrnehmung nochmals ein bisschen verschiebt: weg von der Froschperspektive des Quartalsergebnisses, hin zum Adlerblick der langfristigen Entwicklung.

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