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Weniger Minicars, dafür mehr Teures

Die Neuwagenverkäufe haben sich 2010 schneller erholt als erwartet. Und es wird nicht gespart: Teurere und luxuriösere Modelle stehen wieder stärker in der Gunst.

Von Kurt Bahnmüller
am 03.03.2011

Die einen sind erfreut über die Entwicklung der Personenwagenverkäufe in der Schweiz im letzten Jahr. Für sie ist der Zuwachs der Zulassungen von über 10 Prozent ein Zeichen dafür, dass sich der Markt - notabene ohne irgendwelche staatliche Absatzförderungsmassnahmen - schneller als erwartet wieder erholt hat. Andere wiederum weisen darauf hin, dass der Gesamtabsatz an neuen Personenwagen mit 294 239 Zulassungen (+10,6 Prozent) «erst» wieder das Niveau von 2008 erreicht hat, der Markt aber bis zu 320 000 Immatrikulationen hergeben könne. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Wohnbevölkerung in der Schweiz mittlerweile auf rund 7,65 Millionen Personen angewachsen ist. Der Motorisierungsgrad (Anzahl Personenwagen pro 1000 Einwohner) hat sich im vergangenen Jahr von 514 auf 518 erhöht. Der Personenwagenbestand allerdings wuchs nur um 1,7 Prozent auf 4,075 Millionen Fahrzeuge. Anders ausgedrückt: Der Fahrzeugbestand altert in der Schweiz unvermindert. Derzeit beträgt das Durchschnittsalter der hierzulande im Einsatz stehenden Personenwagen 8,2 Jahre.

Man kann diese Entwicklung auf verschiedene Art interpretieren. Für den Autohandel ist sicher die Tatsache positiv zu werten, dass die Kaufbereitschaft von Herrn und Frau Schweizer wieder zugenommen hat. Der Entscheid für einen neuen, deutlich umweltfreundlicheren PW ist zudem ein Beitrag zum Umweltschutz, verbrauchen doch moderne Motoren deutlich weniger Treibstoff als solche in fünf- oder zehnjährigen Fahrzeugen. Ausserdem werden auch wesentlich weniger Emissionen verursacht.

Nur: Wurden auch wirklich umweltfreundliche(re) Autos gekauft? Jein, muss man dazu sagen. Die Nachfrage in der Mikroklasse - die kleinsten Modelle im Angebot - ging um etwas mehr als 4 Prozent zurück. Ebenfalls weniger gefragt waren Personenwagen mit einem alternativen Antrieb (Hybrid, Elektrisch oder Erdgas); von ihnen wurden insgesamt 5456 Modelle verkauft. Hiermit ergibt sich ein Rückgang von 1,7 Prozent. Man kann jedoch die Kleinwagenklasse und die untere Mittelklasse (mit Hubräumen von 500 bis 1500 cm3) als die umweltfreundlichsten Modelle bezeichnen. In diesen beiden Kategorien erhöhten sich die Immatrikulationen um rund 20 Prozent.

Moderne Personenwagen sind nicht nur deutlich verbrauchsärmer, sondern auch wesentlich sicherer und auch leiser. Ende 2010 lag der mittlere Treibstoffverbrauch der Schweizer Neuwagenflotte bei 6,6 Liter pro 100 km. Im Vergleich zur Flotte, die vor zehn Jahren unterwegs war, entspricht dies einem Minderverbrauch von rund 25 Prozent. Dies zeigt, dass die Anstrengungen der Hersteller gefruchtet haben, um die Mobilität so umweltfreundlich wie möglich zu gestalten. Diese Bemühungen werden weitergehen. Stichworte dazu sind Elektroantrieb, Hybrid-Modelle und Erdgas/Biogas als Treibstoff sowie, allerdings in noch ferner Zukunft, die Brennstoffzelle.

Downsizing wirkt auf breiter Front

Allerdings muss diese Entwicklung relativiert werden. Nach Ansicht von Fachleuten werden im Jahr 2020 wohl nicht mehr als etwa 10 Prozent der immatrikulierten Personenwagen mit einem Alternativantrieb unterwegs sein. Der konventionelle Verbrennungsmotor - basierend auf Diesel oder auf Benzin - wird weiterhin eine dominierende Rolle spielen, allerdings mit nochmals deutlich reduzierten Verbrauchswerten.

Der Trend zu eher kleineren Modellen mit weniger Hubraum wurde in den letzten Jahren durch das sogenannte Downsizing stimuliert. Darunter versteht man die leis-tungsmässige Optimierung der Motoren bei gleichzeitiger Reduktion des Hubraums. Mit positiven Konsequenzen: Ein 2-Liter-Vierzylindermotor gibt heute eine Leistung ab, die vor fünf Jahren nur Aggregate mit deutlich mehr Hubraum erreichen konnten. Heute werden selbst in der Luxusklasse Motoren mit 2 oder 2,5 Liter Hubraum angeboten, die zu einer deutlichen Verbrauchssenkung beitragen.

Im vergangenen Jahr ist in praktisch allen Fahrzeugkategorien ein Anstieg der Neuwagenverkäufe zu verzeichnen. Bei den Mini-Van und den Grossraumlimousinen - beides multifunktionell nutzbare Versionen - resultierte ein Absatzplus von rund 14 Prozent. Auch die immer wieder gescholtenen Geländewagen und Sports Utility Vehicles (SUV) legten um über 15 Prozent zu.

Es kann nicht teuer genug sein

Auch für die ganz teuren und damit exklusiven Personenwagen ist die Schweiz ein guter Absatzmarkt. So wurden sechs Bugatti Veyron importiert. Der über 1000 PS starke Luxus-Sportwagen kostet im Durchschnitt rund 1,1 Mio Euro - nicht etwa Franken. Ferner fanden 125 Mercedes SLS AMG, der Sportwagen mit den berühmten Flügeltüren, einen Käufer oder eine Käuferin. Der Wagen ist mit einem Preis von rund 280 000 Franken allerdings um einiges «günstiger» als der Bugatti Veyron.

Allrad ist heute ein sicherer Trumpf

Dass die topografischen Verhältnisse in der Schweiz den Absatz von Personen- und Geländewagen mit vier angetriebenen Rädern fördern, ist vor allem den Herstellern bekannt. Auch 2010 erhöhten sich die Immatrikulationen der «Quattros», diesmal um 18,6 Prozent auf 81 954 Fahrzeuge. Meistverkaufter Personenwagen mit vier angetriebenen Rädern war auch 2010 der Skoda Octavia, vor allem in der Kombiversion. Dahinter folgen der Subaru Legacy und der Audi A4.

Bei den echten Geländewagen (mit Reduktionsgetriebe) holte der «Doyen» dieser Kategorie, der gute alte Range Rover, die Poleposition mit 791 verkauften Einheiten zurück, gefolgt vom Suzuki Gran Vitara und dem Mercedes ML. Bei den Sports Utility Vehicles (SUV) liegt der BMW X1 ganz knapp vor dem VW Tiguan und dem Nissan Qashqai.

Es gab aber auch ein paar Verlierer

Nicht alle Hersteller und deren Händler in der Schweiz können mit dem Autojahr 2010 zufrieden sein, einige Marken mussten herbe Verluste in der Gunst der Konsumenten hinnehmen. Zu ihnen zählen Lancia mit einem Minus von 24 Prozent, Dodge (-19 Prozent), Jaguar (-17 Prozent), Honda (-15 Prozent) und Saab (-12 Prozent). Bei den Marken Saab, Lancia und Dodge spielte die unsichere Zukunft dieser Namen eine Rolle. Von den insgesamt 50 Marken der «Handelszeitung»-Statistik weisen 18 geringere Verkäufe aus als 2009.

Aber es gab auch Gegenteiliges: Deutlich nach vorne schob sich die zu Renault gehörende (Günstig-)Marke Dacia, die ihre Verkäufe mehr als verdoppeln konnte. Porsche legte um 40 Prozent zu, und Chevrolet und Nissan steigerten ihre Verkäufe um rund einen Drittel. Citroën schaffte den Sprung in die Top Ten der Marken-Rangliste und verdrängte Mercedes-Benz.

Die wieder stärker anziehenden Neuwagenverkäufe haben bei den Marktanteilen nur wenig verändert. VW liegt mit 11,5 (11,1) Prozent klar an der Spitze. Die nachfolgenden 16 Marken verharren zwischen 2,5 und 6 Prozent. Leicht zulegen konnten Peugeot um 5,1 (4,4) Prozent und Skoda um 4,9 (4,4) Prozent. Marktanteil eingebüsst haben dagegen Audi auf 5,7 (6,3) Prozent, Toyota auf 4,7 (5,2) Prozent und Fiat auf 3,8 (4,3) Prozent.

Die beliebtesten Personenwagenmodelle kommen seit vielen Jahren aus der Bundesrepublik Deutschland. 39 Prozent aller verkauften neuen PW stammen aus Stuttgart, München, Köln, Bochum, Ingolstadt oder Wolfsburg. Zu ihnen zählt der VW Golf, das seit 35 Jahren unverändert bestverkaufte PW-Modell in der Schweiz.

Die Hitparade der zehn meistverkauften Modelle ist Deutsch dominiert: Sieben Autos haben einen deutschen Pass - und fünf davon stammen aus dem Volkswagen-Konzern. Deutlich nach vorne gearbeitet haben sich in der Popularitätsliste der VW Polo auf neu Rang 3, der Opel Astra (Rang 4) und der Renault Mégane auf den 7. Platz.

Man gönnt sich wieder etwas

Analysiert man die aktuellen Zulassungszahlen nach den einzelnen Modellkategorien, so fällt auf, dass diejenigen Modelle, die man eher zum Fahrspass als zum täglichen Fortkommen kauft, wieder stärker gefragt sind. Bei den Cabriolets resultierte ein Plus von rund 4 Prozent. Hier liegt das Mini Cabrio deutlich vorne in der Gunst der Käufer, vielmehr aber wohl der Käuferinnen. Bei den Sportwagen ist ein Plus von fast 20 Prozent zu verzeichnen. Hier liegt der Porsche 911 an der Spitze, gefolgt vom (direktimportierten) Ford Mustang und dem Mercedes-Benz SLS AMG.

In der Luxusklasse resultierte ein Plus von knapp 12 Prozent, allerdings auf rund 1800 Einheiten. In der Limousinen-Spitzenklasse schaffte es der Porsche Panamera mit 350 verkauften Modellen auf Platz 1, gefolgt von der Mercedes-Benz-S-Klasse mit 265 verkauften Fahrzeugen, dem BMW 7er (229) und dem Audi A8/S8 mit 191 Verkäufen.

Unverändert im Vordergrund stand auch 2010 die Zweckmässigkeit des Automobils. Die mobile Freizeitgesellschaft schätzt immer mehr Fahrzeuge, die sowohl im Berufsalltag wie in der Freizeit genutzt werden können. Ein intelligenter Kompromiss in dieser Richtung sind die Multi-Use-Kombis oder Stadtlieferwagen, von denen rund 4900 Einheiten verkauft wurden. Spitzenreiter ist hier der Renault Kangoo (783), der den vorjährigen Spitzenreiter Citroën Berlingo an der Spitze ablöste.

Die Mini-Vans sowie ihre grösseren Pendants, die Grossraumlimousinen, sind nach wie vor sehr gefragte Fahrzeuge. Von den Mini-Vans wurden insgesamt 26 833 Einheiten neu in Verkehr gesetzt, dazu kamen 13 083 Vans. Auf diese beiden Modellvarianten entfallen rund 14 Prozent aller Neuzulassungen.

Der Dieselmotor ist heute salonfähig

Dass Dieselmotoren zu den effizientesten und saubersten Antrieben zählen, ist unbestritten. In der Schweiz wären wohl noch viel mehr «Selbstzünder» unterwegs, würde der Dieselpreis nicht künstlich hochgehalten. Total 89 467 Fahrzeuge mit einem Dieselaggregat wurden neu in Verkehr gesetzt, das entspricht einer Zunahme gegenüber 2009 von 14,3 Prozent. Meistverkauftes PW-Modell mit Dieselmotor ist der Skoda Octavia mit 3775 Zulassungen. Dahinter folgen der Ford Kuga (2488), der VW Golf (2413) und der VW Passat mit 2217 verkauften Fahrzeugen. Zu den Marken mit dem höchsten Anteil an Fahrzeugen mit Dieselmotor zählen Volkswagen mit 11 895 verkauften Einheiten; dann folgen BMW (9490), Audi (6205), Skoda (5822) und Citroën mit 5135 Dieselmodellen.

Dass wieder 11 Prozent mehr Personenwagen gekauft wurden, hängt nicht nur von der überaus grossen Modellvielfalt ab, sondern wohl ebenso sehr von den gezielten Verkaufsförderungsmassnahmen praktisch jeder Marke. Die einen geben grosszügige Barrabatte, bieten mehr Ausrüstung ohne Verrechnung an oder zahlen mehr für einen eingetauschten Gebrauchtwagen. Aber auch Euro-Rabatte und Mini-Prozent-Leasing gehören zu den Incentives. Kaum ein Kunde erwirbt heute noch einen Personenwagen zum Listenpreis. Vor allem die Frankenstärke zwingt Importeure, die Preise zu korrigieren. Viele haben allerdings etwas gar lang zugewartet ...

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