In den USA ist eine Debatte in Gang gekommen, die früher oder später auch die Schweiz erreichen wird. «Die Kosten für Outsourcing in Indien und den USA sind gleich hoch», hiess es Mitte August in einem Artikel der «Financial Times».

Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit in den USA sind dort die Löhne teilweise dermassen stark gefallen, dass es für die indischen Firmen, die sich auf Business Process Outsourcing (BPO) spezialisiert haben, attraktiver sein kann, das Personal nicht mehr in Mumbai, sondern direkt in den USA einzustellen.

Rupie steigt und Löhne variieren

Dies, weil die Kostenvorteile aufgrund der steigenden Löhne in Indien zunehmend schwinden. Hinzu kommt die erstarkte Rupie, die gegenüber dem ständig schwächer werdenden Dollar an Wert gewinnt. Oft wird aber auch übersehen, dass das Lohngefälle auch innerhalb der einzelnen Länder bereits sehr gross ist. In der Schweiz beispielsweise liegen die Löhne in Zürich deutlich höher als in ländlichen Regionen - und diese Binnengefälle gibt es auch in Indien, wo IT-Hochburgen wie Bangalore oder Hyderabad im Landesinnern teurer sind als Gurgaon und Chennai an der Ostküste. Denn dort werden 10 bis 20% tiefere Durchschnittslöhne bezahlt. Noch einmal günstiger ist das Lohnniveau in Kerala, im Süden Indiens. Dasselbe Prinzip funktioniert auch in China, wo die Löhne in den Küstenstädten deutlich höher liegen als in den Städten im Landesinnern.

Anzeige

«Es ist aber voreilig zu glauben, dass sich die Kostenschere zwischen westlichen Ländern und Indien ganz schliessen wird», sagt Ashwin Shirvalkar, Analyst bei der Citigroup in New York. «Es lässt sich vielmehr lediglich feststellen, dass eine grosse Gruppe austauschbarer Job-Profile entstanden ist, die in einem globalen Wettbewerb steht.»

Fluktuation unerwünscht

Hinzu kommt, dass Krisen nur kurzfristig die Schwelle für gerade noch «akzeptierbare Stellen» verschieben. «Wenn jetzt mehr Arbeitssuchende wieder Call-Center-Jobs übernehmen, handelt es sich eher um ein zyklisches als um ein strukturelles Phänomen», glaubt Shirvalkar. Sobald sich die Wirtschaft wieder erholt, wird auch die Fluktuation, gerade in den Call-Centern, steigen. Doch: «Fluktuationen von 100 bis 150% pro Jahr sind das Letzte, was Firmen gebrauchen können, wenn sie einen guten, standardisierten Service bereitstellen möchten», sagt Shirvalkar weiter.

Dabei machen viele BPO-Spezialisten ihr Geld mit Jobs an der Basis der Stellen- und Einkommenspyramiden. «Dieses Modell funktioniert nur so lange, als eine gewisse Arbitrage-Situation besteht und die Volumen ausreichend gross sind», bemerkt Shirvalkar. «Steigende Löhne dagegen betreffen vor allem die Spezialisten auf den höheren Sprossen der Hierarchien, und hier nützt das Ausweichen in noch billigere Länder wenig.» Er hält es für wahrscheinlicher, dass Firmenkunden temporär entscheiden werden, ob sie bestimmte Aufgaben zwischenzeitlich wieder insourcen oder kurzfristige Bedarfsspitzen in BPO-Organisationen verlagern. Doch Call-Center-Stellen sind gerade in Indien inzwischen dermassen unbeliebt geworden, dass die Konzerne ihre Center teilweise Richtung Philippinen verlagern müssen. Das funktioniert für ein spanisch sprechendes Kundensegment sehr gut. Das Gleiche gilt für viele Jobs in der Leicht- und Konsumgüterindustrie, die von China nach Vietnam und jetzt teilweise nach Bangladesch verlagert wurden. «Aber das funktioniert längst nicht für alle BPO-Kategorien. Gerade bei IT-Stellen gibt es jetzt wieder einen Mangel an Spezialisten in den USA», sagt Shirvalkar. Dieses Problem kennt auch die Schweiz, denn der Swiss Software Industry Index weist einen chronischen Nachwuchsmangel bei qualifiziertem Personal aus.

Outsourcing oft nicht möglich

Sprachliche und kulturelle Barrieren bilden nach wie vor einen Schutz vor der Verlagerung von Jobs. So dürfte es vorerst undenkbar sein, dass PC-Helpdesks massenhaft aus der Schweiz nach Indien verlagert werden. In den Bereichen, wo die Sprache und/oder Kultur keine Hürde mehr darstellen, sieht es anders aus. Bei Spesenabrechnungen etwa funktioniert so etwas ganz gut, wie einige Beispiele aus Schweizer Versicherungen zeigen.