Der russische Bär hat es wieder allen gezeigt. Den Anlegern, die im vergangenen Januar den Mut hatten, auf ihn zu wetten, hat Meister Petz aus dem kühlen Norden eine Rendite von 175% beschert. Berücksichtigt man Währungseffekte, namentlich den im Laufe des Jahres erstarkten russischen Rubel, ergibt sich eine Dollarrendite von über 200%. Einzig im brasilianischen Aktienmarkt liessen sich 2009 etwas höhere Renditen erwirtschaften.

Wie geht es weiter mit Russland? Nach einem solchen Kursfeuerwerk erscheint diese Frage berechtigt. Wird der russische RTS-Index, das Pendant zum schweizerischen SMI, weiter in die Höhe schnellen? Oder bricht jetzt, nachdem das Strohfeuer ausgebrannt ist, eine lange, dunkle Polarnacht an, die zu schnellstmöglichen Gewinnmitnahmen auffordert?

Wachstum auf Kredit

Die Finanzkrise hat Russland 2008 mit voller Wucht getroffen. Nach jährlichen Zuwachsraten von durchschnittlich fast 7%, mit denen sich die russische Wirtschaft im neuen Jahrtausend brüsten konnte, brach das Bruttoinlandsprodukt 2009 um fast 10% ein. Der Aktienmarkt verlor gar 80% seines Vorkrisenwerts.

Anzeige

Die Krise offenbarte, was viele Insider längst wussten: Die russische Wirtschaft lebte jahrelang auf Pump. Trotz Kreditzinsen von manchmal über 20% wuchs das Kreditvolumen vor der Krise um 25 bis 30% pro Jahr. «Solches Wachstum ist nicht nachhaltig», sagt Peter Brezinschek, Chef-Analyst der österreichischen Raiffeisen-Bankengruppe. Als die Krise ausbrach und der Rubel abwertete, konnte eine Vielzahl russischer Firmen ihre Darlehen, die oft auf Dollar, Euro oder Franken lauteten, nicht mehr zurückbezahlen. Darunter litt nicht zuletzt die russische Realwirtschaft: Zahlreiche Bauprojekte mussten im halbfertigen Zustand auf Eis gelegt werden.

Segen und Fluch der Rohstoffe

Eine weitere Achillesferse der russischen Wirtschaft sind paradoxerweise Rohstoffe, denen das Land seinen Aufschwung verdankt. Rohstoffe und Energieträger steuern etwa 40% zum russischen BIP bei. Im Aktienindex RTS machen Unternehmen aus diesen Sektoren rund 65% der Kapitalisierung aus. «Wegen der Rohstoffabhängigkeit ist der russische Aktienmarkt hochgradig zyklisch», sagt Robert Ruttmann, Osteuropa-Analyst bei Credit Suisse. Die russische Börse reagiert sensitiver auf Schwankungen bei Rohstoffpreisen als andere Märkte. Stockt die Nachfrage wie im Jahr 2008, stürzt der russische Aktienmarkt ab.

In seiner Herbstrede zur Lage der Nation forderte Staatspräsident Dmitrij Medwedew die schnellstmögliche Modernisierung und Diversifizierung der russischen Wirtschaft. Schon unter Medwedews Vorgänger Wladimir Putin war das Vorhaben traktandiert - geschehen ist jedoch nichts. Bei einem Ölpreis von über 120 Dollar pro Barrel fehlten die Anreize, in innovative Branchen zu investieren, sind sich Experten heute einig.

Damit es Medwedews Reformplänen besser er geht, braucht Russland frisches Kapital aus dem Ausland. Früher sei dieses vor allem in den Energiesektor geflossen, sagt Brezinschek. Meistens hätten westliche Investoren bestehende Gesellschaften übernommen, erklärt der Experte. In den Aufbau neuer Produktionskapazitäten wurde nicht investiert.

Warum das so ist, weiss Daniel Marti. «Die Bürokratisierung nimmt in Russland wieder überhand», sagt der Schweizer Wirtschaftsanwalt, der seit 17 Jahren in Moskau praktiziert. Um ein Unternehmen zu gründen, müsse man in Russland mit einer Wartezeit von über 30 Tagen rechnen. Zudem liessen ausufernde Behörden nicht mit sich diskutieren.

Energiewerte gefragt

Noch ist Russland eine Baustelle. «Doch das ist gerade die Chance», sagt Robert Ruttmann. Der russische Aktienmarkt sei attraktiv bewertet. Osteuropa-Analysten der Credit Suisse rechnen 2010 mit einer Gewinnwachstumsrate russischer Unternehmen von 30%, 2011 gar von 40%. Die weltweite konjunkturelle Erholung treibt die Nachfrage nach Energieträgern in die Höhe. Es erstaunt daher nicht, unter den Kaufempfehlungen der Credit Suisse den Erdgasriesen Gazprom und den Ölkonzern Rosneft anzutreffen. Weiter empfohlen werden Aktien der Sberbank und der Telekomfirma Vimpel.

Zudem weisen Analysten darauf hin, dass das Zinssenkungspotenzial der russischen Notenbank noch nicht voll ausgeschöpft ist. Gleichzeitig jedoch warnen sie davor, dass der russische Markt, sollte es zu einer weltweiten Korrektur kommen, aufgrund seiner «Hyperzyklizität» besonders stark vom Kursverfall betroffen wäre. Peter Brezinschek rät deshalb dazu, Russland-Engagements erst in der 2. Jahreshälfte 2010 zu tätigen.