Endlich hat das neue Jahr begonnen. Für den Ökonomen geht damit die schwierigste Zeit des Jahres vorüber: Die Zeit der Jahresausblicke. Irgendwie scheinen die längeren Nächte des Herbstes dazu angetan, die Menschen neugierig auf die Zukunft zu machen. Die Frage nach dem Wachstum des kommenden Jahres, nach Zinsentwicklung, Aktienmarkt und Dollar wird Gegenstand mystischer Deutungen von schier unüberschaubaren Datenfluten. Je trüber die Tage werden, umso mehr scheint der Glaube an übermenschliche Fähigkeiten selbst in durchschnittlichen Ökonomen zu wachsen. In diesem Umfeld kühlen Kopf zu bewahren, ist nicht ganz einfach.

Zu Hilfe kommt uns dabei eine gewisse Ermüdung in der Zuhörerschaft. Insbesondere nach den vielen Fragen, die die Wirtschafts- und Finanzkrise aufgeworfen hat, will jetzt im Januar niemand mehr wirklich wissen, was da auf uns zukommen könnte. Die gewaltigen Anstrengungen der Konjunkturpolitik scheinen Früchte zu tragen und die Volkseinkommen der Industrienationen schrumpfen nicht mehr. «Das Schlimmste ist vorüber», hört man an allen Orten. Die Investmentbanken machen wieder satte Gewinne. Also geht es ganz einfach weiter. Frei nach dem Prinzip: «Business as usual». Für den prognostizierenden Ökonomen heisst das, der Berufsoptimismus regiert wieder: Der Aufschwung kommt spätestens in der 2. Jahreshälfte ...

«Business as usual» - ist das möglich so kurz nach der grössten Rezession in der Weltwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg? Wohl kaum. Es gehört schon viel Ignoranz dazu, von einem normalen Gang der Wirtschaftsentwicklung zu sprechen, wenn die Haushaltsdefizite der Euro-Zone bei über 6%, Japans bei gut 8%, der USA bei 12% und Grossbritanniens bei 14% des Volkseinkommens liegen. Gleichzeitig haben die Notenbanken die Zinsen für kurzfristige Ausleihungen praktisch weltweit auf null gesetzt. Maximale Stimulierung der Wirtschaft. Starkstrom im Defibrillator. Mehr geht nicht.

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Interessant zu sehen, wie wir Ökonomen dies in unseren Prognosetabellen reflektieren. Ein beispielhafter Blick auf die Prognosen der Investmentbanken enthüllt uns eine schöne neue Welt nach der Krise: Die USA und Europa sollen in diesem Jahr mit 2,5% wachsen, die Inflation kommt kaum über 1% hinaus, die Zinsen werden dabei im Schnitt der wichtigen Währungen um nur knapp 0,5% ansteigen - und im Jahr 2011 ist dann alles wieder im Lot. Ist das nicht die beste aller Welten?

Und genau da liegt das Problem. Das uns von den meisten Ökonomen und Politikern prognostizierte Szenario ist das absolut beste, das man sich für die weitere wirtschaftliche Entwicklung vorstellen kann. Dabei ist die Basis für eine Prognose von Wachstumsraten denkbar wackelig. Nie zuvor haben wir eine solch konzertierte, wirtschaftspolitische Aktion zur Wachstumsbeschleunigung gesehen. Doch schon vor den eingeleiteten Massnahmen haben sich die Ökonomen die Köpfe heiss diskutiert, ob und wenn ja wie stark eine Ausweitung der Haushaltsdefizite der Regierungen auf das Wachstum wirkt. Auch das Ausmass der Wirkung von Zinssenkungen auf die Nachfrage war stark umstritten. Wer da behauptet, er hätte eine verlässliche Schätzung für die Wirkung dieser Massnahmen, macht sich oder uns einfach etwas vor.

Dass die Wirtschaftspolitik kurzfristig Wirkung zeigen würde, damit musste man rechnen. Was aber niemand weiss, ist, ob wir zu viel Wachstum mit direkt inflationären Folgen und stark ansteigenden Zinsen sehen werden oder ob das Wachstum schwach bleiben wird. Was wir dagegen genau wissen, ist, dass wir diese Stimulierungsmassnahmen nicht auf Dauer durchhalten können. Explodierende Staatsverschuldung und die Gefahr hoher Inflation wären die Folgen. Was wir auch wissen, ist, dass wir, wenn die Massnahmen zurückgenommen werden, mit der gegenteiligen Wirkung, sprich einer Dämpfung des Wachstums, rechnen müssen. Oder anders ausgedrückt: Der Fünfer ist ausgegeben, das Weggli wird bald gegessen sein.

Nach der Phase der Unsicherheit kommt dann mit grosser Sicherheit eine Phase ungewohnt und an vielen Orten unerwartet tiefen Wachstums auf uns zu. Vor diesem Hintergrund davon zu reden, dass das Schlimmste vorbei sei, erscheint zumindest fahrlässig. Für mich hat das sogar einen Geschmack von Zynismus, denn allen Szenarien gemein ist, dass die Arbeitslosigkeit im Jahr 2010 deutlich steigen wird. Das bedeutet für Zehntausende von Familien in unserem Land, dass es wenig Grund zum Optimismus gibt. Selbst in der besten aller Welten.