Nur schon der Anblick von weitem ist überwältigend: Der riesige Hub ist taghell beleuchtet. Aus allen Windrichtungen werden die Berge von Paketen angekarrt. Die Flugzeuge starten und landen in einer atemberaubenden Kadenz, ihr «Belly», so der Fachausdruck für den Bauch dieser grossen Maschinen, wird blitzrasch entladen und wieder gefüllt. Der Vorgang dauert weniger als eine halbe Stunde. So geht das von 22 Uhr bis zum Morgengrauen. «Am meisten läuft hier zwischen halb eins und 2.30 Uhr», sagt der TNT-Guide Fabrice Facella. Und genau während dieser Zeit führt er uns durch diese fast etwas gespenstisch anmutende Szenerie.

Jeder Handgriff sitzt

Der Hub ist etwa so gross wie vier Fussballfelder. «Bitte ziehen Sie gutes Schuhwerk an», hiess es in der Einladung zu dieser speziellen Nachtschwärmer-Tour. Wer diesen Rat nicht befolgte, konnte am Morgen kaum mehr auf den Beinen stehen. Die wichtigsten Stationen sind das Operation Control Center, die riesige Halle, wo die Fracht sortiert, mehrmals gescannt und den Containern zugewiesen wird, sowie der Planning und Control Room im 80 m hohen Turm, wo der gesamte An- und Abflug gemanagt wird. Wer keine Höhenangst hat, wagt sich auf die schmale Balustrade in dieser schwindelerregenden Höhe und wundert sich, wie jeder Handgriff der vielen Mitarbeiter sitzt, nicht eine Bewegung ist überflüssig. Von hier oben erinnert das ganze an einen gut organisierten Ameisenstaat. Das fällt besonders auf: Obwohl die TNT-Leute bestimmt nicht auf uns gewartet haben und froh sind, wenn sie zügig vorwärts machen können, sind sie jederzeit bereit, Fragen zu beantworten ? vorausgesetzt, man fasst sich kurz.

Mal Colye und Les Richardson haben in dieser Nacht Dienst. Vor ihnen blinkt es auf vielen Bildschirmen, keine Sekunde vergeht, ohne dass nicht Veränderungen angezeigt werden. «Sehen Sie, diese Flugzeuge sind jetzt beladen und bereit zum Abflug», sagt er, während bereits neue landen und abgefertigt werden müssen. «Ungefähr 20 Minuten wird es dauern», schätzt Mal Colye mit einem kurzen Blick auf einen anderen Computer. Es geht so hektisch zu und her, dass man nur schon vom Zuschauen ganz kribbelig wird. «Ist das nicht zum Verrücktwerden?» wollen wir von Colye wissen. «Ach, wir sind alle ein bisschen verrückt, aber wir lieben diesen Job», sagt er lachend und Richardson fügt hinzu: «Ich mache das seit 1967.» Weiter geht es zum Sortierzentrum. Dort erklärt Marc Dubois, dass hier pro Nacht 600 t Ware sortiert werden. «Das sind rund 100000 Stück. Die Förderstrasse ist 6,5 km lang», erfährt man weiter und bewundert die Geschwindigkeit, mit der die Männer die Container optimal bestücken.

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Raffiniertes Farbsystem

Das Sortiersystem ist farblich raffiniert aufgebaut: Was per Lastwagen weitertransportiert wird, das sind Güter, deren Destination sich im Umkreis von 400 km befindet, landet in einem blauen Bereich. Was für die Luftfracht bestimmt ist, auf der gegenüberliegenden Seite. Angesteuert werden rund 70 Länder. Das Gros der Frachtstücke ist zwischen rund 500 g und 30 kg schwer. Was mehr wiegt, wird direkt mit dem Gabelstapler zum Flugzeug gekarrt.

Die Stunden vergehen wie im Flug, der Zeiger rückt gegen halb drei Uhr morgens. Mit müden Füssen erklimmen wir nochmals den Ausguck und haben einen gigantischen Überblick: «Es ist unser grösstes Bestreben, einfach besser als die Konkurrenz zu sein, schneller, kundenfreundlicher und innovativer», sagt Fabrice Facella beim Abschied. Dass für den Hub ausgerechnet Liège gewählt wurde, ist rasch erklärt: Kein Nachtflugverbot, wenig Nebel, freundliche Behörden und optimale Lage im Fadenkreuz Amsterdam, Paris und Frankfurt. Bereits sind weitere Expansionspläne in der Schublade. Das ist angesichts der ständig steigenden Nachfrage ? sie ist im Schnitt zweistellig pro Jahr ? nicht weiter verwunderlich.

 

 

nachgefragt


«Am Ausbau wird festgehalten»

Andries Waalberg ist Country General Manager TNT Swiss Post, Buchs AG.

Der Hub Liège hat die Grösse von vier Fussballfeldern und Förderbänder von 6,5 km Länge. Soll trotz der derzeitigen konjunkturellen Flaute ausgebaut werden?

Andries Waalberg: Es hat immer wieder Flauten gegeben, aber die Zunahme nach unseren Dienstleistungen ist so frappant, dass wir am Ausbauprogramm festhalten werden. Zudem steigt die Zahl der zeitkritischen und temperatursensiblen Güter in gewissen Bereichen an ? unabhängig von der Konjunktur.

Gibt es dazu ein Beispiel?

Waalberg: Wir arbeiten viel mit der Pharmaindustrie zusammen. Wir transportieren Blut- und Urinproben, welche die Pharmaindustrie von Menschen untersuchen lässt, die freiwillig an Testversuchen für neue Medikamente teilnehmen. Sie werden mit Trockeneis gekühlt transportiert. Diese Art von Sendungen nimmt stark zu und braucht spezielle Transportlösungen. Angenommen, die Lieferung wird verzögert, sei es durch einen Stau oder einen Streik, dann ist das gravierend. So geschehen kürzlich bei einem Transport aus dem Osten. Wir haben alle Anstrengungen unternommen, diese Güter aus dem Stau herauszuholen und mit einem anderen Flugzeug trotzdem am gleichen Tag noch in die Schweiz zu bringen.

Beim Besuch des Hubs fiel auf, wie viele Leute trotz einer ungewohnten Arbeitszeit zwischen etwa 22 und 6 Uhr fröhlich wirkten und sagten: «We like our work, but we are crazy.» Wie erklärt sich das?

Waalberg: Wir haben sehr motivierte und langjährige Mitarbeiter. Ich bin selber auch seit über 17 Jahren dabei. Wir versuchen eigentlich das Selbstverständlichste: Menschen so zu behandeln, dass sie gerne ihr Bestes geben. Jetzt wollen wir noch einen Schritt weitergehen.

In welcher Richtung?

Waalberg: Uns schwebt vor, dass sich die Teams selber organisieren und nicht ein Chef ihnen sagt, was oder wie sie etwas zu tun haben.

Nochmals zurück zum rein Technischen. Gäbe es auch dort Verbesserungsbemühungen?

Waalberg: Natürlich. Wir versuchen momentan Verschiedenes ? unter anderem das Handling mit GPS oder mit Radio Frequency Chips (RFID). Damit fiele das einscannen weg. Das wäre ein weiterer Fortschritt.

Ein frappierender Eindruck war die Umwandlung eines Transportflugzeuges innert Saisonbestzeit in ein Passagierflugzeug ? nachts Güter, am Tag Personen. Ist hier eine Nachfragesteigerung noch möglich?

Waalberg: Und ob. Das ist eine zukunftsweisende Lösung, um Flugzeugkapazitäten nicht brachliegen zu lassen. Wir leasen unsere Flugzeuge auch aus, diese Nachfrage steigt ebenfalls.