Sie heissen Tim Cook, Jack Ma, Elon Musk und Marissa Mayer, gehören zur Elite der Firmenlenker und stehen vor allem für eines: Erfolg. Das gemeine Narrativ sagt: Dieser Erfolg fusst auf der Errungenschaft des Managers. Sie sind erfolgreich, weil sie gut sind. Eine der meistzitierten Ökonominnen der Welt widerspricht aber diesem Credo. Manager sind erfolgreich, weil sie selbstbewusst sind. Und das ist gefährlich.

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Ulrike Malmendier lehrt an der kalifornischen Universität in Berkeley. Sie widmet sich systematisch dem Thema Selbstüberschätzung in der Führungsetage. Ihre Forschung zeigt, dass sich Manager vielfach selbst im Wege stehen. «Es kann einem sicherlich nützen, wenn man selbstsicher auftritt», sagt sie im Gespräch mit «handelszeitung.ch».

Manager stehen sich selbst im Wege

«Aber das grosse, noch zu wenig analysierte Problem ist, dass Selbstsicherheit in Selbstüberschätzung umschlagen kann, dass Mitarbeiter – und Aktionäre – zu grosses Vertrauen in die Unternehmensentscheide des Chefs gewinnen und Entscheidungen weniger kritisch hinterfragen. Das schadet der Firma.»

Malmendier spricht schnell. Sie gestikuliert viel. Ihre Gedanken sind scharf und ihre Erkenntnisse relevant für die Praxis. Wenn sehr selbstbewusste Chefs eine Fusion arrangieren, bezahlen sie viel zu viel, weil sie sich zu viel zutrauen, lautet eine ihrer Thesen. Am Ende steht allzu oft eine gescheiterte oder zumindest überteuerte Fusion. Zum Schaden der Aktionäre.

Faszination Verhaltensökonomie

Mit 41 Jahren ist Malmendier heute ein junge, aber bereits einflussreiche Forscherin. Sie studierte im deutschen Bonn Jura und promovierte mit einer Arbeit zu römischem Recht. Prädikat: summa cum laude. Dann überzeugten wohlmeinende Professoren Malmendier, ihre Ausbildung in den USA fortzusetzen. Das war der Anfang einer steilen akademischen Karriere. In den USA landete Malmendier zunächst in Boston. Zufällig sass sie in einem Seminar zu «Behavioral Economics» – zu deutsch: «Verhaltensökonomie».

Malmendier war angefixt. «Das, was ich vorher gemacht hatte, kam mir plötzlich vor wie ein abstraktes Glasperlenspiel – intellektuell zwar extrem anspruchsvoll, aber nicht nützlich zum Verstehen von menschlichem Verhalten», erinnert sie sich im «Handelsblatt». Fortan fokussierte sie sich darauf, zu verstehen, wie und warum sich Menschen in bestimmter Art und Weise verhielten.

Es folgten diverse Publikationen in den namhaftesten Journals der Welt. 17 Artikel wurden mehr als 100 Mal zitiert. Bei den meisten ist die Ökonomin Erstautorin. Zwei Texte wurden sogar mehr als 1000 Mal zitiert. Zum Vergleich: Das vielleicht berühmteste Werk der Wirtschaftswissenschaften – Adam Smiths Buch «Der Wohlstand der Nationen» – kommt auf rund 35'000 Nennungen.

Superstar-CEOs schaden den Firmen

Besonders anfällig für Fehler sind laut Malmendiers Forschung Unternehmenschefs, die zu Medienstars avancieren. Nach prestigeträchtigen Auszeichnungen lassen ihre Leistungen nach. Die Vermutung, dass «Superstar-CEOs» den Unternehmen schaden, gab es schon lange. Malmendier aber widmete sich dem Thema systematisch und teilte die Firmenlenker in zwei Gruppen ein: Die einen Manager wurden mit einem Preis geehrt, die anderen waren mit ihrer Firma zwar ähnlich erfolgreich, wurden aber nicht ausgezeichnet. Die Preisgewinner schnitten danach im Vergleich deutlich schlechter ab: Drei Jahre nach der Verleihung ist die Performance der Superstars gemessen am Aktienwert der Firma um bis zu 26 Prozent schlechter.

Woran das liegt, kann die Ökonomin, die Mutter von drei Kindern ist, «nicht hundertprozentig» sagen. Sie vermutet, dass diese «Superstar-Manager» auf einmal sehr viel Zeit mit Dingen verbringen, die nicht zum Kerngeschäft ihrer Firma gehören. Sie schnappen sich Vorstandsposten in anderen Firmen, spielen Golf und schreiben Autobiographien. «All das kann der Firma natürlich bis zu einem gewissen Grad nützen», sagt Malmendier. Es werde dann aber oft ein bisschen viel. «Die Befürchtung liegt nahe, dass sich die ausgezeichneten Manager nicht so sehr auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Und das ist auch unsere Hauptinterpretation.»

Zwei Tipps für Investoren

Seit der erstmaligen Veröffentlichung dieser Erkenntnis sind sieben Jahre vergangen. Das bedeutet aber nicht, dass die Ergebnisse heute keinen Wert mehr haben. Folgestudien haben die These von Malmendier immer wieder gestützt. Alleine im laufenden Jahr beziehen sich 35 akademische Publikationen auf Malmendiers Studie aus dem Jahr 2008. Im April bestätigte ein Forscher der Universität Cambridge die Erkenntnisse der Berkeley-Ökonomin.

Für Investoren bedeutet das zweierlei: Man muss erstens vorsichtig sein. «Auf jeden Fall sollte man als Aktionär aufmerksam werden, wenn der Chef plötzlich auf mehreren Titelblättern von Wirtschaftsmagazinen erscheint», sagte Malmendier einmal der deutschen Zeitung «Die Welt». Aber ein Superstar-Chef bedeute nicht automatisch, dass sich die Firma schlecht entwickeln werde. «Es kommt ganz darauf an, wie gut die Corporate Governance im Unternehmen ist.»

Deshalb die zweite Lektion: «Es muss entweder einen starken Aufsichtsrat geben, der den Chef in Schach hält.» Oder aber: Die Grossaktionäre müssen sich aktiver in die Unternehmensführung einschalten. Solche Kontrollgremien sollen zum Beispiel dafür sorgen, dass ein Vorstandschef keine höheren Gehaltsforderungen durchsetzen kann. Denn Superstar-CEOs neigen nicht nur zur schlechteren Performance. Die Forschungsergebnisse zeigen auch einen Anstieg der Vergütung: Während die Performance nachlässt, kassieren die hochgejazzten Manager fast 50 Prozent mehr Lohn als vor ihrer Auszeichnung.

Ulrike Malmendier lehrt an der renommierten Universität Berkeley. Sie promovierte in Ökonomie 2002 in Harvard, 2000 in Jura an der Universität Bonn. Heute gehört sie zu den meistzitierten Wirtschaftswissenschaftlern der Welt.