Als erster Artdirektor von Columbia Records stellte Alex Steinweiss 1940 im Alter von 23 Jahren den Musikmarkt auf den Kopf. Seine Idee: Eine Illustration auf der Plattenhülle. Columbia zögerte aus Angst vor den höheren Produktionskosten, liess ihn dann aber doch gewähren. Und der Erfolg gab ihm recht. Binnen weniger Monate stiegen die Plattenverkäufe von Columbia um 800% an. Denn das Plattencover veränderte nicht nur das Aussehen der Platten, sondern auch die Wahrnehmung von Musik. Standen die Alben anfangs noch wie Bücher im Regal, wurden sie nun werbewirksam von vorn wie Bilder an einer Wand präsentiert.

«Smash Song Hits» von Richard Rodgers und Lorenz Hart war das erste Album, das Steinweiss designte. Dafür überredete er den Besitzer des New Yorker Imperial Theater, die Leuchtreklame auszutauschen und liess sie fotografieren. Das Foto kombinierte er mit einer stilisierten Schallplatte in leuchtendem Rot auf schwarzem Grund. Dies hatte nicht nur dekorative Gründe, sondern war auch als Hinweis für die potenziellen Plattenkäufer gedacht. Schliesslich hatten diese noch nie ein gestaltetes Cover gesehen.

Zwei Leidenschaften

Mit den Plattencovern fand Steinweiss einen Weg, zwei Leidenschaften zu verbinden: Die zur Musik und die zum Design. Sein Vater hatte schon früh in ihm das Interesse für Musik geweckt. Er nahm ihn mit in die Oper und zu Symphoniekonzerten, obwohl sie in Brooklyn in bescheidenen Verhältnissen lebten. Mit Design kam er in der High School durch seinen Lehrer Leon Friend in Berührung. Im Unterricht bei dem Ko-Autor des Buchs «Graphic Design» lernte er die Grundlagen von Typographie und Grafikdesign kennen, aber auch die Arbeiten der grossen Plakatkünstler der 20er- und 30er-Jahre, an denen er sich später orientierte.

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Seine Alben sind kleine Kunstwerke in leuchtenden Farben, die Geschichten erzählen. Ein Pferdeschlitten saust auf einer Tschaikowsky-Platte durch die russische Winterlandschaft. Esel ziehen auf der «Grand Canyon Suite» die roten Felsen entlang. Steinweiss lässt Symbole sprechen. Cole Porter ist für ihn ein Zauberer, auf seinem Cover lässt er ein Kaninchen aus einem Zylinder springen. Ein wenig Artdéco, ein bisschen Bauhaus. Mal folkloristisch, mal abstrakt setzt sich Steinweiss mit dem auseinander, was die Musik für ihn ausdrückt.

Das Konzept setzte sich durch. Alex Steinweiss arbeitete nicht mehr länger nur für Columbia, sondern auch für andere Plattenfirmen. Tausende Cover entwarf er in mehr als 30 Jahren. Als 1948 die Entwicklung der 33er-Vinyl-Langspielplatte die alten Schellackplatten verdrängte, benötigte man eine neue Verpackung. Steinweiss entwarf die Papphülle, die bis heute der industrielle Standard ist. Ausserdem gestaltete er Filmposter, Plakate für die amerikanische Marine sowie Logos und Etiketten für Spirituosen. Mit der «Steinweiss Scrawl» entwickelte er sogar eine eigene Schrift. Daneben fand er noch Zeit, als freier Künstler zu arbeiten.

Retrospektive

Jetzt hat der Taschen-Verlag eine Edition mit mehr als 700 Plattencovern aus der Feder von Alex Steinweiss herausgebracht. Ergänzt werden diese von bisher unveröffentlichten Skizzen und Modellen aus Steinweiss Privatarchiv. Es ist die erste umfassende Retrospektive des Künstlers. Ein Schmuckstück im Pappschuber, limitiert auf 1500 Exemplare, die von Alex Steinweiss handsigniert wurden. In der auf 100 Stück begrenzten Art Edition liegt dem Buch ein signierter Siebdruck bei: Der Feuervogel, den Steinweiss ursprünglich für Strawinskys Ballett gestaltete.