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«Wer Holzklasse fliegt, kriegt keinen Champagner»

Helsana-Präsident Szucs: «Kunden gewinnt man leicht. Schwieriger ist es, sie zu halten.» (Bild: Keystone)

Der Präsident des grössten Schweizer Krankenversicherers Helsana über Interessenkonflikte, den Turnaround, den Konsolidierungsdruck in der Branche – und den möglichen Austritt aus dem Kassenverband Sa

Von Interview: Judith Wittwer und Benita Vogel
am 01.05.2011

Was macht mehr Spass: In die Entwicklung von Medikamenten zu investieren oder solche zu bezahlen?
Thomas Szucs: Beides ist interessant.

Sie machen auch beides – und haben damit einen Zielkonflikt.
Wieso? Ich sehe kein Problem darin, gleichzeitig Verwaltungsratspräsident der Beteiligungsgesellschaft BB Biotech und der Krankenkasse Helsana zu sein.

Bei BB Biotech sind Sie an neuen, teuren Präparaten interessiert. Bei Helsana sollen Sie für tiefe Gesundheitskosten sorgen.
Aufgepasst! Mit neuen Medikamenten kann man auch viel Geld sparen. BB Biotech investiert in Medikamente, die effizienter oder sicherer sind als bestehende Präparate, oder in neuartige Medikamente gegen bislang nicht behandelbare Krankheiten. Davon profitiert das gesamte Gesundheitswesen. Diese Erkenntnis müssen wir auch bei den Krankenversicherern internalisieren. Die Ärzte müssen die Medikamente jedoch richtig verschreiben und die Patienten diese richtig anwenden. Und die Industrie muss Medikamente entwickeln, die einen Gegenwert darstellen. Dabei sage ich Ihnen ganz ehrlich: Nicht alle Medikamente haben einen pharma-ökonomischen Nutzen.

Sie lenken ab. Ihre beide Präsidien lassen sich schwer vereinen.
Ich sehe das Problem nicht. Ich interessiere mich für das Gesundheitswesen mit all seinen Facetten. Da besteht doch nicht per se ein Zielkonflikt. Im Gegenteil: Vom Wissen und der Erfahrung im einen Zweig profitiert auch der andere. Die Investments von BB Biotech bewegen sich in einer Grössenordnung, die keine aktive Beeinflussung der Firmen und deren Führung erlauben. Zudem ist der Umsatz, den diese Firmen in der Schweiz erzielen, gemessen am Gesamtumsatz marginal.

Wie profitiert Helsana von BB Biotech?
BB Biotech ist ein börsenkotiertes Unternehmen. Mein Ziel ist es, Helsana wie eine Publikumsgesellschaft zu führen und meine Erfahrung aus diesem Bereich einzubringen. Auch beim grössten Schweizer Krankenversicherer sollen die Regeln der guten Unternehmensführung gelten, obwohl Helsana nur zwei Aktionäre hat.

Was ziehen Sie als Helsana-Präsident für eine Bilanz nach gut einem Jahr?
Ich ziehe eine positive Zwischenbilanz. Es bereitet mir viel Freude, die Krankenkasse in eine neue Dekade zu führen.

Macht es Spass, Hunderte von Stellen zu streichen und Millionen einzusparen?
Ein Turnaround ist kein Spass. Aber jede Firma muss effizient organisiert und bewirtschaftet sein. Dabei operieren die Krankenversicherer in besonders schwierigen Zeiten. Das Gesundheitswesen ist unter Druck. Wir verlangen von anderen einen sparsamen Umgang mit dem Geld der Versicherten – das gilt auch für uns.

Wurde früher Geld verschleudert?
So kann man das nicht sagen. In Wachstumsphasen sitzt das Geld lockerer. Kommt man von aussen, sieht man Ineffizienzen eher. Auch ein junger Konzernchef wie Daniel H. Schmutz bringt frischen Wind. Man kann sich neu ausrichten.

Beispiele?
Helsana hatte sieben Hierarchiestufen. Heute sind es fünf. Die Marktfunktionen sind nun direkt in der Konzernleitung vertreten. Das vereinfacht die Kommunikation. Nach unten ebenso wie nach oben. Dann waren wir bezüglich Standorte nicht ideal aufgestellt. Da haben wir optimiert.

Wo steht Helsana beim Umbau?
Die neue Organisation steht und das Kostensenkungsprogramm ist zur Hälfte umgesetzt. Wir haben letztes Jahr 170 Stellen abgebaut und rechnen bis Ende Jahr nochmals mit einem Abbau in derselben Grössenordnung.

Wird auch investiert?
Sicher. Wir sparen 80 Millionen, um 20 in die Zukunft zu investieren.

Wo?
Zum Beispiel in die Kundenbindung und in den Vertrieb.

Damit Ihnen nicht nochmals 55 000 Kunden davonlaufen wie letztes Jahr?
Wir waren in der Vergangenheit nicht optimal aufgestellt, um den Abfluss von Kunden aufzuhalten. Wir hatten aber auch Abgänge, die nicht so schmerzten.

Welche?
Wer will beispielsweise Kunden haben, die ihre Rechnungen nicht bezahlen.

Oder alte, kranke Prämienzahler?
Wir sind eine Krankenversicherung. Ich bin Humanmediziner und weiss nur zu gut, dass auch im jüngsten und scheinbar gesündesten Kunden bereits eine Krankheit schlummern kann.

Also halten Sie wenig von all den Studien über gute und schlechte Risiken?
Die Branche hat um die Risiken zu viel Aufhebens gemacht. Ein Krankheitsrisiko lässt sich nicht einfach definieren. Der Fokus muss daher weniger auf den gesunden als auf zufriedenen Kunden liegen. Sie sind der Sauerstoff, von dem wir leben. Deshalb stärken wir den Aussendienst.

Wie wollen Sie die Kunden konkret halten?
Kunden gewinnt man leicht. Schwieriger ist es, sie zu halten. Wir wollen unsere Kunden noch besser verstehen und wissen, wenn sie nicht zufrieden sind und warum. Es geht um systematische Marktforschung, wie sie in der Konsumgüterindustrie üblich ist. Die Krankenversicherer kennen die Bedürfnisse ihrer Kunden noch zu wenig. Erstmals hat die Helsana deshalb eine repräsentative Umfrage unter Kunden gemacht.

Mit welchem Ergebnis?
Bei Solidarität und Vertrauenswürdigkeit erhalten wir gute Noten, ebenso in der Geschäftsabwicklung. Das freut uns.

Das bringt aber wenig. Ihre Mutterkasse hat die Wende noch nicht geschafft.
Wir arbeiten in der Grundversicherung insgesamt wieder kostendeckend. Die finanzielle Wende ist geschafft ...

… aber nicht die operative Wende.
Wir haben ja auch erst im 2. Semester 2010 begonnen.

Wann gelingt der operative Turnaround?
2011 – davon bin ich überzeugt.

Müssen Ihre Kunden mit Service- Kürzungen rechnen?
Helsana hat die Segmentierung in der obligatorischen Krankenversicherung bisher zu wenig gelebt; auch bei den günstigsten Produkten wurden oft ein Top-Service und verschiedene Extras geboten. Ein Vergleich aus der Luftbranche: Wenn Sie Holzklasse fliegen, kriegen Sie keinen Champagner serviert. Wer sich also bei uns für ein günstigeres Versicherungsprodukt entscheidet, darf sich nicht wundern, wenn es keine 24-Stunden-Hotline, kein Kundenmagazin und keinen Yogakurs gibt. Wichtig aber ist, dass wir das Leistungsversprechen, das wir abgeben, halten, und dass wir klar kommunizieren.

Das wurde zuletzt zu wenig gemacht?
Das ist mein persönlicher Eindruck. Umso wichtiger ist es, dass wir uns auf wenige Produkte konzentrieren und die Angebote klar kommunizieren.

Es wird also weitere Fusionen zwischen Ihren Kassen geben?
Das ist nicht vorgesehen.

Welche Ihrer Kassen werden bis jetzt noch quersubventioniert?
Ab 2011 keine mehr.

Dann werden Sie also auch an Billig- kassen wie Sansan festhalten?
Wenn es ein Kundenbedürfnis gibt, das wir mit einem Produkt ideal befriedigen können, tun wir das. Wir haben auch nichts gegen Produkte, die billig sind. Wir werden aber keine Quersubventionierung mehr dulden und keine Dumpingpreise anbieten, nur um Kunden zu gewinnen.

Wann wird Helsana bei den Kunden netto wieder wachsen?
Wir wollen 2012 wieder mehr Kunden gewinnen als wir verlieren.

Wachsen kann man auch durch Zukäufe. Helsana soll an Visana interessiert sein.
Sollten sich Gelegenheiten ergeben, muss man sie immer anschauen. Aber es muss politisch, regional und betriebswirtschaftlich Sinn machen.

Regional etwa macht es Sinn. Visana ist in Bern stark, Helsana in Zürich.
Wir sind auch in Bern die Nummer drei. Transaktionen im Grundversicherungsgeschäft sind aber grundsätzlich wenig attraktiv. Es ist nicht wie bei Publikumsfirmen, wo ein breites Aktionariat einen interessanten Deal und viel Geld machen kann.

Trotzdem: Wenn Visana für einen tollen Preis zu haben wäre, würden Sie kaufen?
Auch wenn es so wäre, würde ich das nicht mit Ihnen diskutieren.

Ist wachsen durch Zukäufe ein Thema?
Ja, das muss für einen Konzern in unserer Grössenordnung ein Thema sein.

Schauen Sie sich Konkurrenten an?
Wir beobachten das Marktumfeld. Priorität hat aber die Umsetzung unserer neuen Strategie. Wir haben mit einer neuen Führungscrew im Schnellzug-Tempo eine Reorganisation durchgeführt. Jetzt müssen sich die Einheiten zurechtfinden und die begonnene Arbeit durchziehen. Eine Übernahme zum jetzigen Zeitpunkt würde die Helsana paralysieren.

Aber der Konsolidierungsdruck in der Branche wird immer grösser.
Wenn wir nicht Richtung Einheitskasse gehen wollen, was einer Entmündigung der Prämienzahler gleichkäme, muss es zu einer Konsolidierung kommen. Vor allem die mittelgrossen Player müssen sich diese Überlegungen machen.

Ist die Einsicht der mittelgrossen Kassen denn da, dass es Fusionen braucht?
Der Leidensdruck ist noch nicht da.

Braucht es eine weitere Finanzkrise?
Zum Beispiel. Oder eine Kasse erlebt wegen einer falschen Produktpolitik einen Kundenexodus, oder weil die Kapitalanlagen nicht gut bewirtschaftet werden. Aber mit der aktuellen Reservensituation sind die Kassen relativ gut gebettet.

Wie zufrieden sind Sie mit Santésuisse?
Ein Verband ist immer gut, wenn er es richtig macht.

Also sind Sie unzufrieden?
Ein Verband ist für eine Branchenpolitik da. Wenn das Image der Branche schlechter wird, müssen wir uns fragen: Haben wir ein Problem, uns darzustellen?

Santésuisse tut zu wenig zur Imageförderung der Kassen?
Santésuisse hat ihre Zielsetzung in diesem Bereich sicher nicht erreicht.

Tritt Helsana aus Santésuisse aus?
Wenn es bessere Optionen gibt, muss man diese in Betracht ziehen.

Sie haben also konkrete Pläne?
Konkrete Pläne bestehen nicht.

Ab 2012 gilt in der ganzen Schweiz eine neue Spitalfinanzierung. Sind Fallpauschalen für Helsana Fluch oder Segen?
Fallpauschalen sind etwas Gutes. In der Medizin gibt es viele Sachen, die standardisiert abgewickelt werden können, etwa Blinddarm-Operationen oder Kaiserschnitte. Da kann man gut über alle Spitäler hinweg gleich abrechnen. Ich habe die Einführung der Fallpauschalen in Deutschland und Italien miterlebt. Es ist immer das Gleiche: Am Anfang herrscht Unsicherheit bezüglich Kosten und Qualitätseinbussen. Aber da müssen wir durch.

Wie gut ist Helsana vorbereitet?
Sehr gut. Wir haben bereits erste Erkenntnisse und sind dabei zu lernen, mit den Daten intelligent umzugehen.

Skeptiker der neuen Spitalfinanzierung befürchten massive Prämienerhöhungen. Was sind Ihre Prognosen für 2012?
Das ist schwierig zu sagen. Es hängt von den Entscheiden der Kantone ab.

Wer sind die Gewinner der neuen Spital- finanzierung: Der Steuerzahler oder der Prämienzahler?
Der Trend ist seit Jahren eindeutig: Der Staat zieht sich immer mehr aus der Finanzierung zurück, es wird immer mehr an die Versicherer ausgelagert.

Sparen will man etwa auch damit, dass Patienten Ärztenetzwerken beitreten. Wird Managed Care nicht überschätzt?
Managed Care ist für die Qualität und die Kosteneffizienz des Gesundheitswesens von grosser Bedeutung. Es muss aber richtig umgesetzt werden. Was die Kosten angeht, gibt es Systeme, die Einsparungen von 15 bis 20 Prozent bringen. Anderswo sind sie tiefer. Unsere Aufgabe ist es, mit dem Parlament Leistungspakete zu definieren. Auch bei den Ärztenetzwerken muss klar definiert werden, was man darunter versteht.

Wie zufrieden sind Sie mit Bundesrat und Gesundheitsminister Didier Burkhalter?
Er ist ein sehr konzilianter, aufgeschlossener Gesprächspartner.

Burkhalter plant eine stärkere Aufsicht über die Krankenkassen. Braucht es das?
Wir regulieren uns zu Tode. Wer hütet die Hüter? Wer kontrolliert das Bundesamt für Gesundheit? Aber solange Sachen schiefgehen, verlangt man nach Regulation. Ich bin ein Freund einer liberalen Wirtschafts- und Sozialordnung.

Sie ziehen also den Status quo vor: Das Bundesamt für Gesundheit kontrolliert die Grundversicherung und die Finanzmarktaufsicht (Finma) den Zusatzbereich. Oder hätten Sie lieber alles bei der Finma?
Diese Frage stellt sich nicht.

Vor zwei Jahren forderte Helsana noch: Die ganze Aufsicht unter der Finma.
Die Zeiten ändern sich. Vor zwei Jahren war ich noch nicht dabei.

Dann sind Sie mit dem Bundesamt für Gesundheit zufriedener als früher?
Ja, das ist so.

Das neue Aufsichtsgesetz sieht auch mehr Lohntransparenz vor. Sind Sie dafür?
Ja, absolut.

Wo verdienten Sie 2010 mehr bei der Helsana oder bei BB Biotech?
Bei BB Biotech. Hier Betrug meine Entschädigung 174 000 Franken. Bei Helsana waren es 114'000 Franken für neun Monate, weil ich das Präsidium dort ja erst Ende März übernommen habe.

 

Der Mensch

Name: Thomas Szucs
Funktionen: Präsident Helsana und BB Biotech, Direktor des europäischen Zentrums für Pharma-Medizin, Basel
Alter: 50
Wohnort: Zollikon ZH
Familie: Verheiratet, eine Tochter
Ausbildung: Medizinstudium Basel, Master in Public Health, Betriebswirtschaft und Wirtschaftsrecht
Karriere:
1987 bis 1992: Roche, zuständig für Herzkreislauf-Produkte
1993 bis 2001: Tätigkeiten an Unis und Unispitälern (Zürich, Mailand, München)
2001 bis 2003: Führungsfunktionen bei der Hirslanden Klinik Zürich
2003 bis 2009: Institut für Sozial- und Präventivmedizin, Uni Zürich
Seit 2010: Präsident Helsana

Das Unternehmen
Helsana ist mit knapp 2 Millionen Versicherten die grösste Schweizer Krankenkasse. Nach der gescheiterten Billigkassentaktik und zwei Verlustjahren verpasste sie sich 2010 eine neue Strategie und baute Stellen ab.

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