Zwei Plakate haben in letzter Zeit zu reden gegeben. Auf dem einen ist eine verschleierte Frau vor schemenhaften Minaretten zu sehen, auf dem anderen ein Säbel schwingender Mann mit Fes auf dem Kopf. Während das erste eine hitzige Debatte über Stil und Anstand losgetreten hat, sorgte das zweite während der Sommermonate für heiteres Rätselraten, welche Botschaft der Kebab-Ali denn zu übermitteln versucht und, viel wichtiger, wer eigentlich hinter dem Plakat steckt.

Wann folgt der nächste Streich?

Bekanntlich ist das Bilderrätsel mittlerweile gelöst: Ali entspringt den kreativen Köpfen von Publicis und soll in Diensten der Allgemeinen Plakatgesellschaft (APG) auf die Wirkung von Aushängen per se aufmerksam machen. Drei Akte umfasst das Publizitätsstück bis zum jetzigen Zeitpunkt - ein vierter dürfte wohl bald folgen.

Inzwischen hat sich Ali vom Kebab-Metzger zum Hotelier gemausert. Die Schürze hat er gegen eine Krawatte eingetauscht, sein Lächeln wird nunmehr durch einen Goldzahn aufgewertet. «Wir erzählen eine typische Tellerwäschergeschichte. Der Kleinstunternehmer Ali schafft es dank Plakaten innert kürzester Zeit, zu expandieren und Karriere zu machen», erklärt APG-Geschäftsführer Ivan Schultheiss. Die Art und Weise, wie die Botschaft überbracht wird, könnte einem Lehrbuch für Werbestrategie entstammen.

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Im August wurde Ali erstmals gesichtet, überall in der Schweiz. Während zweier Wochen lächelte er von unzähligen Plakaten herab - ohne ersichtlichen Grund. Denn obwohl er sich als «NEW in Town» anpries, fehlte die Adresse seines möglichen Lokals. Und so ging das Rätselraten los. «Als Erstes fragten sich die Menschen auf der Strasse, ob in ihrem Ort tatsächlich ein neuer Kebab-Stand eröffnet würde. Als klar war, dass es sich um eine schweizweite Kampagne handelt, riefen die Journalisten bei uns an», erinnert sich Schultheiss, «Sinn und Zweck eines sogenannten Teasers waren vollends erfüllt, wir hatten die Leute neugierig gemacht, die Gerüchteküche brodelte, die Aufmerksamkeit war geweckt.»

Ali wurde zum Thema, schaffte es in die Zeitungen und ins Fernsehen. Selbst der US-Sender NBC erkundigte sich bei der APG nach Urhebern der Kampagne. Trittbrettfahrer nutzten die Plakate, um auf ihr Angebot aufmerksam zu machen: Im Zürcher Stadtkreis 4 etwa versah eine Werbeagentur Alis Botschaft mit der Adresse einer Quartierbeiz und dem Zusatz «Bei uns essen Sie besser». Während die Normalsterblichen weiterrätselten, war für die Branchenkenner rasch einmal klar, dass nur die APG selber hinter der Aktion stecken konnte. Sie hatte bereits vor zehn Jahren die umsatzschwachen Sommermonate genutzt und mit einer eigenen, ähnlich gelagerten Kampagne für Aufsehen gesorgt. Damals stand eine gewisse Angie Becker im Mittelpunkt und die Frage, wer die junge Frau kenne. Mit Volkes Reaktionen wollte die APG die Wirksamkeit von Plakaten testen. Und diese war beeindruckend, schenkt man dem Branchenprimus unter den hiesigen Plakateuren Glauben. Nicht weniger als 75% der Befragten konnten sich an Angie Becker erinnern.

Die KMU werden angeschrieben

Einen ähnlichen Wiedererkennungswert erhofft sich Schultheiss von Kebab-Ali. Die Reaktionen gegenüber dem fiktiven Emporkömmling seien mehrheitlich positiv, sagt er. Ob sich die ganze Aktion finanziell auszahlt, vermag er noch nicht abzuschätzen; Buchungen von Plakatflächen explizit der Ali-Aktion zuzuschreiben, sei schwer möglich. «Mir fällt jedoch auf, dass wir rascher und unkomplizierter mit möglichen Kunden in Kontakt treten können als noch vor zwei, drei Monaten, das kann durchaus eine Folge der laufenden Kampagne sein.»

Die Plakataktion begleitet ein Mailing, das vor kurzem gestartet wurde. 10 000 Prospekte werden an KMU versandt. Darin macht die APG auf ihr Angebot aufmerksam. «Die Schweiz ist ein absolutes Plakatland. Der Vorteil eines Plakates liegt auf der Hand: Man braucht kein Einstiegsmedium, also keine Zeitung, kein Fernsehen, kein Internet, um seine Botschaft zu vermitteln», betont Schultheiss.

Zwei Wochen nach Lancierung der Kampagne lieferte die APG des Rätsels Lösung. In einer zweiten Serie gab sie sich als Urheberin der Geschichte zu erkennen und verspricht seither: «APG-Plakate machen erfolgreich.» Ali selber präsentierte sich, umgeben von zwei Angestellten, neu mit Krawatte gekleidet als Besitzer von unterdessen 25 Kebab-Lokalen.