Ausstellungen und Kunstprojekte von Jenny Holzer (geb. 1950 in Ohio) waren bereits auf der ganzen Welt zu sehen. Die Künstlerin hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Goldenen Löwen auf der Biennale von Venedig 1990. Dennoch ist ihre Ausstellung in der Fondation Beyeler die erste grössere, die in einem Schweizer Museum stattfindet. Gezeigt werden wichtige Arbeiten aus verschiedenen Phasen ihres künstlerischen Schaffens seit den 80er-Jahren. Neben den Kunstwerken mit LED-Leuchtbändern - dem für Holzer typischen Medium - werden auch Siebdruckgemälde aus den letzten fünf Jahren ausgestellt sowie zwei Skulpturen, die Mitte der 90er-Jahre entstanden sind.

Politisches und Poetisches

Sei es auf Plakaten, als LED-Leuchtbänder oder Projektionen -Holzers Werke basieren oft auf der Verwendung von Sprache und innovativen Medientechniken. Es sind entweder eigene Texte oder solche anderer Autoren, die sie zu Installationen und Bildern von grosser Ästhetik verarbeitet. Dabei verbindet sie Persönliches mit Politischem und Poetisches mit Sozialkritischem. Überwältigende visuelle Effekte treffen auf schonungslose Textinhalte. Aus dieser Mischung zwischen formaler Schönheit und aufrüttelnder Sprache entsteht eine dynamische dokumentarische Kulisse. Denn so verführerisch schön sich die Arbeiten auf den ersten Blick auch präsentieren - häufig thematisiert sie Gewalt, Ignoranz und Verletzlichkeit und greift nicht zuletzt auch Aspekte der Politik ihres Heimatlandes auf.

Zu Beginn ihres künstlerischen Schaffens Ende der 70er-Jahre setzte Holzer ihre Texte und subversiven Statements auf Pos- ter, handgemalte Plaketten und T-Shirts. Ab 1982 begann sie mit LED-Technik zu arbeiten, wie man sie normalerweise mit Werbung und Nachrichten assoziiert, wobei sie die Wahrnehmungs- und Lesegewohnheiten von Passanten auf intelligente Weise herausforderte. Zum ersten Mal setzte sie das Medium ein, als sie die elektronische Anzeigetafel am Times Square in New York City mit verschiedenen Texten programmierte, etwa: «Abuse of Power comes as no surprise» (Machtmissbrauch kommt nicht von ungefähr). Im Laufe der Zeit wurden ihre elektronischen Arbeiten komplexer. Da es ihr weiterhin wichtig war, das Publikum auch ausserhalb von Kunstinstitutionen zu erreichen, begann sie 1996 mit grossformatigen Textprojektionen in Aussenräumen zu arbeiten. Zu den bedeutsamen Bauten, auf deren Fassaden sie Texte projizierte, gehören die Neue Nationalgalerie in Berlin (2001) oder das Guggenheim Museum in New York (2008).

Anzeige

Nach wie vor experimentiert Jenny Holzer mit den Möglichkeiten der LED-Technik - etwa Lichtinstallationen bei öffentlichen Projekten.

Endlose Variationsmöglichkeiten

Die grossformatigen LED-Installationen in der Ausstellung sind von atemberaubender Präsenz und Präzision. Sie demonstrieren die schier endlosen Variationsmöglichkeiten des Mediums: Je nach Installation läuft der Text quer über den Fussboden, in halbkreisförmigen Kompositionen an der Wand entlang oder im Winkel über eine Ecke des Raums. Die Verwendung der LED-Technik erlaubt es Holzer, mit kinetischen Sprachbändern zu arbeiten. Bei unserer Wahrnehmung einer Botschaft spielt der Zeitfaktor eine massgebliche Rolle, da wir die laufende Sprache nicht auf einmal aufnehmen können. Die Textfragmente werden von jedem Betrachter unterschiedlich wahrgenommen und lösen individuelle Assoziationen aus.

Ein Schlüsselwerk ist die riesige Installation «For Chicago» (2007), bestehend aus zehn langen, auf den Boden montierten LED-Spuren mit einer Auswahl von Texten Holzers. Obwohl dies eine neuere Auftragsarbeit für das Museum of Contemporary Art in Chicago war, lässt sich dieses Werk doch auch als Retrospektive von Holzers bahnbrechendem Œuvre sehen. Die Texte erscheinen in kondensierter Form auf den LED-Anzeigen, wobei Licht und Sprache wie Lavaströme über die Leuchtflächen fliessen. Eine Reihe vorprogrammierter Effekte halten Körper und Augen ständig in Bewegung: In regelmässigen Intervallen rasen die Texte mit hoher Geschwindigkeit auf den Betrachter zu. Sie überschneiden sich, kreuzen sich, verschwimmen - oder aber sie bewegen sich so langsam, dass man sie ungestört wahrnehmen kann.