Die Lawine an den Finanzmärkten erfasst immer mehr Institute. Alle Versuche, sie zu stoppen, sind bisher gescheitert. Das vorläufig letzte Beispiel ist das gigantische 700- Mrd-Dollar-Rettungspaket der US-Regierung, das vom Repräsentantenhaus am Montag überraschend abgelehnt wurde. Immerhin soll die Abstimmung am Donnerstag wiederholt werden. Der Ausgang bleibt auch dann ungewiss.

Allein am Montag hat der Dow Jones zwischenzeitlich so starke Verluste verzeichnet wie noch nie in seiner Geschichte, die schon viele schwere Krisen erlebt hat. Banken brechen zusammen wie Kartenhäuser: Grosse Finanzhäuser wie Washington Mutual und Wachovia in den USA, die belgisch-niederländische Fortis, die britische Bradford & Bingley, die deutsche Hypo Real Estate oder die französische Dexia mussten in den letzten Tagen entweder durch staatliche Aktionen gerettet oder aber verkauft werden. Die Beispiele zeigen, dass die Lawine jetzt auch in Europa ihre volle zerstörerische Entfaltung zeigt.

Restvertrauen in Gefahr

Die Krise hat sich nicht nur in geografischer Hinsicht ausgeweitet. Klaus Wellershoff, Chefökonom der UBS, spricht von einer «zweiten Welle der Finanzkrise», die sich hier manifestiere: Nicht mehr nur Investmentbanken und solche mit Ramschpapieren in den Büchern werden zu Opfern, sondern auch gewöhnliche Geschäftsbanken mit einem vergleichsweise einfachen Kredit- und Hypothekengeschäft.

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Ohne einen systemübergreifenden Rettungsplan sieht Wellershoff sogar noch eine dritte Welle anrollen: Eine Situation, in der das noch verbliebene Vertrauen zwischen den Banken vollends zusammenbricht: «Dann gerät jede Bank in Generalverdacht, möglicherweise zu wenig liquid zu sein. Die Folge wäre, dass selbst die gesündesten in Gefahr gerieten.»

Erhalten die Banken kein Geld mehr oder wollen alle Einleger ihres ausbezahlt erhalten, kracht jedes Institut zusammen. Am Schluss würde das ganze Finanzsystem kollabieren, denn jede Einlage ist wieder als Kredit und damit letztlich als Guthaben von anderen im Umlauf. Fallen Einlagen und Kredite aus, ist nicht mehr nur das Bankensystem, sondern die ganze Volkswirtschaft mit gravierenden Folgen illiquid. Die Krise des Finanzsystems habe schon jetzt schlimmere Ausmasse angenommen als während der Weltwirtschaftskrise von 1929, sagt Klaus Wellershoff. «Doch heute wissen wir besser, wie wir damit umgehen müssen», ergänzt er.

Damals haben die Zentralbanken die Banken mit zu wenig Liquidität versorgt. Heute buttern sie täglich Rekordsummen ins Bankensystem. Seit einem Jahr tun sie das nun, doch auch die Wirkung dieser Massnahmen scheint zu verpuffen. «In den USA nimmt die Geldmenge kaum zu», sagt Janwillem Acket, Chefökonom der Bank Julius Bär. Eine Zentralbank kann nicht die Wirtschaft insgesamt, sondern nur die Banken direkt mit Geld versorgen. Wenn diese aber aus Angst weniger Kredite vergeben und allgemein mehr Geld gehortet wird, kann die Geldmenge sogar zurückgehen.

Für die meisten Ökonomen ist klar, dass ein Rettungsplan her muss, der das ganze System stabilisiert. Eine Alternative gibt es nicht mehr. Klaus Wellershoff von der UBS bleibt optimistisch, dass ein solcher Plan folgen werde: «Die US-Politik hat hier den Ernst der Lage verkannt, doch jetzt ist der Druck so gross, dass etwas unternommen wird.»

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Die geplatzte Bubble an den Immobilienmärkten der USA und einiger europäischer Länder reisst nicht mehr nur die Banken in einen Strudel nach unten, sondern zunehmend auch die Weltkonjunktur. Dies wiederum macht die Lage für die Banken zusätzlich noch unbequemer, da weitere Ausleihungen gefährdet werden.

Rezession in der Schweiz

Auch für die Schweiz hat am Montag die Konjunkturforschungsstelle der ETH (Kof) mit einer prognostizierten «technischen» Rezession überrascht: Ende 2008 und Anfang 2009 werde die Schweiz zwei Quartale negativen Wachstums sehen und im gesamten Jahr 2009 nur noch eine Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 0,3% ? nach geschätzten 2% im laufenden und mehr als 3% in den beiden Jahren zuvor. Andere Ökonomen schliessen sich diesem düsteren Szenario nicht an, einige zweifeln sogar an der Seriosität der Prognose.

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Doch mit einer weiteren Abschwächung auch in der Schweiz rechnen alle. Der von der UBS berechnete Konsumindikator zeigt seit Juni eine Abschwächung an wie seit sechs Jahren nicht mehr. Dennoch gehen die Ökonomen der Grossbank nach wie vor von einem Wachstum von 1% im nächsten Jahr aus. Eine Ansicht, die auch Janwillem Acket von Julius Bär teilt. Doch selbst diese Prognose entspricht faktisch einer Rezession, da das Wachstum damit deutlich unterhalb von jenem des Wirtschaftspotenzials von 1,5 bis 2% liegen würde, welches der Zunahme der Beschäftigung und deren Produktivität entspricht. Die Arbeitslosigkeit nimmt dann zu.

Entscheidend für die Schweiz bleibt der Aussenhandel. Die optimistischeren Prognostiker setzen auf die bislang gezeigte Fähigkeit von Exportunternehmen, auch schwierigen Umständen zu trotzen. Letztlich hängt alles davon ab, wie stark die Weltwirtschaft tatsächlich einbricht. Aber auch hier gibt es grosse Unsicherheiten.

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«Die letzten Messungen des Konsumentenvertrauens zeigen weltweit Werte wie in schlimmsten Krisen an», sagt Klaus Wellershoff von der UBS. Für Norbert Walter, Chefönom der Deutschen Bank, ist klar: «Kein Land der alten Welt wird um eine Rezession herumkommen.» Davon verschont bleiben demnach nur Schwellenländer wie Brasilien, Russland, Indien oder China. Doch auch dort wird sich das Wachstum laut Walter deutlich abschwächen. Letztlich werden auch bei uns alle Bereiche leiden, bis hin zur Kultur: «Wer soll denn die Tickets der Tonhalle noch bezahlen?» fragt Norbert Walter rhetorisch.