Spätestens seit ihrer sechsten Saison zählen die thunerSeespiele zu den besten Open-Air-Bühnen Europas, so das Musical-Fachmagazin «Da Capo». Während es die Bregenzer Festspiele im «Ranking 2008» nicht unter die ersten Zehn schaffen, belegt das Schweizer Pendant den fünften Rang - im Unterschied zur österreichischen Konkurrenz befinden sich im Berner Oberland nicht nur die Darsteller, sondern auch die Zuschauer auf einer Konstruktion im Wasser. Gerüchten zufolge soll der «grösste Star aller Zeiten» dieses Jahr sogar über das Nass schreiten: Vom 11. Juli bis 29. August 2009 gastiert «Jesus Christ Superstar» auf dem Thunersee.

Auslastung von 97 Prozent

Die Anfänge waren weniger pompös, wie sich Begründer und Verwaltungsrat Andreas Stucki erinnert: «Nach 33 Jahren als nebenberuflicher Schauspieler und Regisseur rund um Bern hatte ich mit dem Thuner Ueli Bichsel das Gefühl, dass wir etwas verändern sollten. So trugen wir während der letzten Rezession in den 1990er- Jahren Gedanken und Ideen mit uns herum, einen Anlass zu kreieren, der Kultur und Wirtschaft zusammenführen könnte. Dass daraus einmal eine dermassen grosse Veranstaltung werden könnte, daran haben wir damals nie gedacht.»

Mittlerweile ist das KMU hinter dem grössten Open Air Musical des Landes ein Devisenbringer geworden. Um dies zu belegen, wurde die Analyse «Volkswirtschaftliche Bedeutung der thunerSeespiele» in Auftrag gegeben. Die Studie nach der Methode des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus der Universität Bern untersuchte die unternehmerische Gesamtleistung im vergangenen Jahr, in dem vom 15. Juli bis 30. August 2008 in 30 Vorstellungen über 70 000 Gäste «West Side Story» gesehen haben, was einer Auslastung von 97% gleichkommt. Erst 40,5% des Publikums stammten übrigens nicht aus dem Kanton Bern.

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Gesamtschweizerisch betrachtet resultierten veranstaltungsbedingte Umsätze von fast 24 Mio Fr. (siehe Tabelle). Diese führten zu einer volkswirtschaftlich wirksamen Wertschöpfung von über 11 Mio Fr. Ausgehend von einer mittleren Bruttowertschöpfung pro beschäftigte Person von 83 000 Fr., konnten allein im Espace Mittelland 121 Vollzeitstellen generiert werden. Die durchschnittlichen Ausgaben pro Besucher der thunerSeespiele lagen bei 168 Fr. - 130 Fr. waren es für Leute, die sich das Musical gegönnt haben; 269 Fr. für solche, die sich auch ein Hotel geleistet haben.

«2008 war für uns das beste Jahr aller Zeiten», ergänzt Ueli Schmocker. Das Mitglied der fünfköpfigen Geschäftsleitung ist einer von zwölf permanenten Beschäftigten. «An einem Veranstaltungsabend schuften an die 250 Leute vor und hinter den Kulissen, damit die maximal 2500 Besucher Beifall klatschen.» Ihm zufolge sind bereits 60% aller Kunden Firmen, die den Rahmen für Einladungen nutzen. «Deren Anteil hat über die Jahre zugenommen.»

Premiere an der Premiere

So beunruhigt es ihn nicht, dass der Vorverkauf für die siebte Saison leicht hinter dem Vorjahr liegt, obwohl bereits mehr als die Hälfte der erneut über 70 000 Karten verkauft worden sind. Schmocker erklärt: «Was aber weniger an der Wirtschaftskrise liegt, eher daran, dass Tickets generell näher vor Events gebucht werden. Wir haben also keinen Grund, zu jammern. Zudem müssen wir für ‹Jesus Christ Superstar› mehr werben als etwa für ‹West Side Story›, weil das Rock-Musical weniger bekannt ist.» Beispielsweise mit einer Kostprobe am Samstag, 30. Mai 2009, in der Unterhaltungssendung «Benissimo» auf SF1.

Stucki fügt hinzu: «Die thunerSeespiele sind zu einem Erlebnis gewachsen, das Musik, Gastronomie und Natur verbindet.» Trotzdem erfährt das Konzept eine Änderung: «Nach sieben Jahren als Lizenznehmer von internationalen Musicals spähen wir nach neuen Horizonten. Wir sind überzeugt, dass es uns als Produzenten gelingen wird, auch dem einheimischen Kulturgut eine Plattform zu bieten.» Der Schleier über das erste Dialektstück, das nächstes Jahr gespielt werden soll, wird an der diesjährigen Premiere gelüftet.