«Wenn es sein muss, dann können wir per Knopfdruck unser Schweizer Geschäft nach Singapur verlagern», hat mir vor etwa fünf Jahren ein Banker-Kollege einer anderen Bank angedroht. Das ist ein Mythos. Realität ist aber, dass der Druck von Asien auf die Schweiz und andere westliche Industriestaaten steigt. Und genau darin liegt auch eine Chance. Denn dieser Druck hält die hiesigen Banken fit, erhält sie dadurch konkurrenzfähig und lässt sie letztlich am Boom in Asien partizipieren.

Dank der grossen Bedeutung und der internationalen Ausstrahlung des Schweizer Finanzplatzes gelang es Schweizer Banken, sich in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Gründung von Niederlassungen und Tochtergesellschaften rasch in weiten Teilen der Welt zu etablieren – so auch in Singapur und Hongkong.

Rasches Wachstum

Selbstgefälligkeit vor dem Hintergrund sich rasch ändernder globaler Perspektiven wäre in diesem Geschäft jedoch gefährlich. Die Banken investieren deshalb in beträchtlichem Masse in Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter und sie modernisieren ihre Systeme und ihre Infrastruktur laufend. Und vor sich rasch ändernden globalen Perspektiven entwickeln sie ihre Geschäftsstrategien und Geschäftsmodelle weiter. Während sich die einzelnen Institute früher zum Beispiel im Private Banking darauf spezialisierten, ausländische Kunden und deren Vermögen in der Schweiz zu betreuen bzw. zu verwalten, sind in jüngerer Zeit manche Banken dazu übergegangen, ausländischen Kunden ihre Dienste auch verstärkt an deren Domizil anzubieten. Dies ist insofern bedeutsam, als heute weit entfernte Regionen, wie die ostasiatischen Märkte, am schnellsten wachsen. Durch die erhöhte Flexibilität, welche es erlaubt, ausländische Kunden sowohl in der Schweiz als auch an deren Domizil zu betreuen, tragen die Banken der stärker globalisierten Wirtschaft Rechnung. Dennoch, die hervorragende Wettbewerbsposition der Schweizer Banken ist keine Selbstverständlichkeit.
Die Konkurrenz schläft nicht – insbesondere Dubai, Singapur und Hongkong gewinnen laufend an Gewicht. In Singapur werden bereits heute mehr als 350 Mrd Dollar Vermögen verwaltet. Nicht wenige sind davon überzeugt, dass Singapur in Zukunft das am schnellsten wachsende Offshore-Zentrum der Welt sein wird. Auch die Zahl vermögender Privatkunden in Asien wächst rasant.

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Vor Ort präsent

Will man die Märkte erschliessen, muss man vor Ort präsent sein. Ein Grund dafür sind die kulturellen Unterschiede und die Verbindungen, die man vor Ort benötigt. Ohne ein gutes Netzwerk, den Kontakt zu Einheimischen, Kenntnisse der Gepflogenheiten und ohne langjährige Erfahrung ist der Markteintritt kaum möglich. China, Indien und Japan werden die Märkte der Zukunft sein, sind sich viele Experten einig. Über den zukünftigen Erfolg einer Bank wird aber nicht allein die Art des Markteintritts entscheiden. Ebenso wichtig sind Produkte und Dienstleistungen, die die Wealth-Manager anbieten. Der Serviceanspruch und die Anlagementalität sind in Asien ganz anders als in Europa. Während viele vermögende Privatkunden in Europa eher delegieren, suchen asiatische Kunden Beratung, die Anlageentscheidungen treffen sie aber selbst. Dass dem so ist, hat viel damit zu tun, wie die Vermögenden in Asien zu ihrem Reichtum gekommen sind. Während in Europa das Geld über viele Generationen vererbt wurde und deshalb der Kapitalerhalt im Vordergrund steht, ist es im asiatischen Raum die erste Generation der Vermögenden.
Die asiatische Klientel hat sich ihr Vermögen zu 80 bis 90% selbst erarbeitet. Deshalb ist die Risikobereitschaft grösser. Das zeigt sich vor allem in der Nachfrage nach Produkten. Neben Trendthemen wie Infrastruktur oder Rohstoffe erfreuen sich dort vor allem risikoreichere Produkte und solche mit lokalen Basiswerten grosser Beliebtheit. Die vermögenden Privatbanken erwarten deshalb von einem Vermögensverwalter nicht nur lokale Präsenz, sondern auch ein weltweites Netzwerk und internationales Know-how. Beides wird heute von Schweizer Banken mit höchster Professionalität geboten.

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Thomas Schmidt, Head of Private Banking, Coutts Bank von Ernst, Zürich.