Die US-Gesundheitsökonomin Elizabeth Teisberg – Co-Autorin von Michael Porter in der Analyse des amerikanischen Gesundheitswesens «Redefining Health Care» – hat nun auch das Schweizer Gesundheitswesen untersucht. Und: Sie sieht mehr Stärken als Schwächen in unserem System.

Sie lobt die obligatorische Krankenversicherung mit ihrem einheitlichen und grosszügigen Leistungspaket, den Kopfprämien und Prämienverbilligungen sowie dem System mehrerer Versicherer und der freien Arztwahl. Dazu gehören auch die gesetzlich verankerte Mitverantwortung des Bundes für eine qualitativ hochstehende Gesundheitsversorgung und die Kriterien von Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit bei der Leistungsvergütung.

Nach Ansicht von Teisberg braucht es keine radikalen Reformen, um den grossen Herausforderungen der Zukunft zu begegnen. Zentraler Punkt ihrer Reformvorschläge ist eine vermehrte Ausrichtung auf messbare und damit vergleichbare Daten zum Ergebnis der Behandlung. Fokussierung auf Patientennutzen statt auf die Kostendiskussion, die in der Schweiz seit Jahren vorherrscht, ist ihre Kernbotschaft. Je stärker sich Reformen nämlich allein auf die Kostensenkung fokussierten, desto stärker würden sich paradoxerweise die Kosten aufblähen, folgert Teisberg.

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Zufriedene Schweizer

Mit ihrer Empfehlung, das Augenmerk vermehrt auf die Steigerung des Patientennutzens zu richten, wird die Qualität in den Vordergrund gerückt. Die Schweizer Bevölkerung wünscht sich erwiesenermassen weit lieber ein Gesundheitswesen, in dem die Qualität der Leistungen wichtiger ist als die Kosten, wie der jährliche GfS-Gesundheitsmonitor zeigt. Dabei schätzen drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer die Qualität für gut oder sehr gut ein. Doch messbare Daten über die Behandlungsqualität fehlen bis heute.

Patientennutzen im Fokus

Es gibt denn auch einige Hinweise darauf, dass sich die Qualität in der Versorgung und der Zugang zu Innovationen verbessern liessen: Im Vergleich mit anderen OECD-Ländern musste sich die Schweiz zum Beispiel bei den Fünfjahres-Überlebensraten in den Bereichen Brust- und Darmkrebs jeweils von den USA und Frankreich geschlagen geben; bei Brustkrebs wies auch Schweden bessere Raten auf. Eine weitere Studie des schwedischen Karolinska-Instituts zeigt in Europa beispielsweise auch grosse Unterschiede beim Zugang zu Krebsmedikamenten auf. Als Befürworterin von Qualitätswettbewerb wehrt sich Teisberg allerdings gegen ein falsches Verständnis von Wettbewerb: Es gehe letztlich auch bei Reformen in der Schweiz weder um Kostenverlagerung noch um die Beschränkung der Wahlfreiheit oder um Risikoselektion.

Der Schweiz empfiehlt Teisberg zwar eine grundlegende Neuorientierung in der Versorgung. Es brauche jedoch weder eine Revolution noch einen grundlegenden Systemwechsel im Gesundheitswesen. Damit gibt Teisberg der hiesigen Gesundheitspolitik von ihrer externen Warte aus wertvolle Denkanstösse.

Oberste Priorität hat für die Wissenschaftlerin die Messung risikobereinigter medizinischer Ergebnisse – ausgewiesen nach Ärzteteams und Krankheitsbildern. Damit liessen sich Fehlanreize im System korrigieren und Entscheide auf verifizierbare Daten stützen. Die nötigen Messparameter sollen dabei von der Ärzteschaft gleich selber bestimmt werden.