Warum ist die Schweiz so attraktiv für kluge Köpfe?Mauro Dell?Ambrogio: Der Grund liegt in unserem unkomplizierten, vielfältigen und überschaubaren System, also letztlich in unserem Föderalismus. Darauf zielt immer die Kernfrage unserer ausländischen Besucher hin: Warum seid ihr Schweizer so erfolgreich in der Forschung? Antwort: In technokratischen Staaten entsteht nie so viel Innovation wie in unserem föderalistischen Land.

Muss sich die Bildungs- und Forschungslandschaft also nicht umkrempeln?

Dell?Ambrogio: Nein, dieser Bereich braucht keine Revolution, sondern Kontinuität. Wir arbeiten täglich an der Summe kleiner Anpassungen.

An der Universität Zürich etwa beträgt der Frauenanteil erst 15 Prozent, Ziel sind 25.

Dell?Ambrogio: Oh, diese Zahlen werden sich nach den Gymnasien auch an den Universitäten sehr schnell verbessern. Die Medizin zieht klar mehr Frauen an: Bei den Veterinären sind es bereits 80 Prozent. Bei den Naturwissenschaften und den Ingenieuren haben wir noch zu wenige Frauen, doch es werden immer mehr. Der Trend ist klar, wir müssen nicht viel dafür tun. Machen wir nichts, dauert es etwas länger. Wo wir helfen und beispielsweise universitäre Kinderkrippen einrichten, geht es schneller.

In Nordamerika sind 65 Prozent der Universitätsabsolventen weiblich. In den US-Grossstädten verdienen die Frauen unter 30 Jahren mehr als die Männer. Wie ist die Lohnsituation bei uns?

Dell?Ambrogio: Wo die Nachfrage hoch ist, steigen die Löhne markant oder bleiben hoch. Dies betrifft zum Beispiel die Ingenieure. Dieser Beruf zieht leider noch immer mehr Männer an. Dies lässt die Lohnsituation ungerecht erscheinen. Frauen zieht es nach wie vor zu den schlechter bezahlten Geisteswissenschaften.

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Laut Bundesverfassung Artikel 63a sorgen Bund und Kantone gemeinsam für einen wettbewerbsfähigen und qualitativ hochstehenden Hochschulraum. Die Grundlagen zum Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetz, kurz HFKG, hat der Bundesrat im Mai 2009 an die Eidgenössischen Räte überwiesen. Wo stehen wir heute?

Dell?Ambrogio: Das Volk hat dem Verfassungsauftrag im Jahr 2006 zugestimmt. Bund und Kantone sind gemeinsam für den Verfassungsauftrag zuständig. Der Bund unterhält die ETH. Die Kantone finanzieren zur Mehrheit die Universitäten und Fachhochschulen. Gemeinsam gestalten sie die Schweizer Bildungslandschaft. Das System und die Zusammenarbeit der Institutionen bedürfen der Verfeinerung. Die Trennschärfe ist geblieben: Uni bleibt Uni, und FH bleibt FH. Durch die Koordination wird die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert. Das ist gut so.

Es gibt ebenso viel Lob wie Klagen für die Internationalisierung unserer Hochschulen. Was bewegt sich auf dieser Ebene?

Dell?Ambrogio: Rund 350 Akteure aus der Schweizer Wissenschaft, Wirtschaft und Politik haben am 8. November 2010 am zehnten Swissnex Day teilgenommen. Sie diskutierten die Internationalisierung und die Rolle des Netzwerks der Schweizer Wissenschaftshäuser. Die innovative Veranstaltung ist die Frucht einer Kooperation zwischen dem EDA und unserem Staatssekretariat. Gemeinsam versuchen wir den Wissenschaftsplatz Schweiz bekannter und interessanter zu machen.

Welches sind konkrete Früchte dieser Wissenschaftsdiplomatie?

Dell?Ambrogio: Dass die Schweizer Universitäten mit Leichtigkeit prominente internationale Professoren gewinnen können. Zum Beispiel aus Boston: Dort ist nämlich der Schweizer Generalkonsul gleichzeitig der Chef Wissenschaft.

Welche Rolle spielt die Schweiz?

Dell?Ambrogio: Wie Bundesrat Didier Burkhalter an der Tagung unterstrich, hat die Schweiz die Szene vor zehn Jahren mit der Eröffnung des weltweit ersten Wissenschaftskonsulats in Boston revolutioniert. Es geht uns immer darum, Bildung, Forschung und Innovation als eine der Stärken der Schweiz herauszustreichen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Schweizer Universitäten und Fachhochschulen?

Dell?Ambrogio: Unsere akademischen Institutionen werden von partnerschaftlichen Beziehungen zwischen öffentlichen und privaten Akteuren auf internationaler Ebene geprägt sein. Dies werden moderne Formen der Public Privat Partnership sein. Das ist nicht neu. Schon vor 50 Jahren war es üblich, dass die ETH mit der Privatwirtschaft zusammenarbeitete. Je nach Bereich besteht ein immenses Interesse der Wirtschaft an der Forschung. Wir müssen allerdings aufpassen, dass das Hochschulsystem nicht aufgrund kurzfristiger Interessen verwirtschaftlicht wird. Es wäre aber auch absurd, die Wirtschaft völlig von akademischen Institutionen abzuschirmen, denn nicht zuletzt ist diese auch ein interessanter Indikator für die Existenzberechtigung von Hochschulen.

Haben Sie konkrete Beispiele dafür?

Dell?Ambrogio: Wenn Doktoranden der ETH Start-ups gründen, freuen wir uns, dass die klugen Köpfe, die wir «produzieren», auch Arbeitsplätze schaffen. Etwa die Etablierung in den USA von Amazee, einem Start-up im Bereich Social Media, wurde von Swissnex unterstützt.

Seit dem Aufbau des Europäischen Hochschulraums mit fast 50 Ländern lernen Studierende vermehrt auf die Prüfungen statt fürs Leben. Stimmt das?

Dell?Ambrogio: Sicher sind dabei Nachteile entstanden, aber auch sehr viele Vorteile. Klar ist, dass die Bologna-Reform in den naturwissenschaftlichen Fächern wenig verändert hat. Die naturwissenschaftlichen Studien waren schon immer viel strukturierter. In den früher unstrukturierten Geisteswissenschaften ist hingegen Schluss damit, jahrelang prüfungsfrei zu studieren. Diese Fächer sind nicht länger das Auffangbecken für unschlüssige Studierende. Auch hier wird nun konsequent in kurzer Zeit Leistung verlangt. Wie die steigende Anzahl von Ingenieur- und Naturwissenschaftlern beweist, wurde ein guter Entscheidungsanreiz geschaffen.

Stimmt es, dass Hochschulen Nachwuchs für die Wirtschaft heranzüchten und die Wissenschaft dabei den Kürzeren zieht?

Dell?Ambrogio: Halt. Die Bologna-Reform ging nicht auf eine Initiative der Wirtschaft zurück. Die Universitäten verlangten eine Vergleichbarkeit von Studiendauer, Anzahl Prüfungen und Anforderungen. Niemand wusste, ob zum Beispiel ein Baccalauréat in Frankreich gleichwertig war mit dem Lizenziat in der Schweiz. Das Bologna-System hat diese Unsicherheit gemindert. Ich finde es toll, sprechen die Universitäten nun europaweit dieselbe Sprache.

2009 haben 20 Prozent mehr Studierende den psychologischen Beratungsdienst der Universität und der ETH Zürich beansprucht. Macht die Bologna-Reform krank?

Dell?Ambrogio: Da die ganze Gesellschaft vermehrt zum Psychologen rennt, hat dies nichts mit Bologna zu tun.

75 Prozent der Studierenden gehen einer Erwerbsarbeit nach, das sind etwas weniger als 2005. Wichtigste Einnahmequelle bleibt mit 55 Prozent die finanzielle Unterstützung der Eltern. Wie weit liegt die Ursache bei den gestrafften Studiengängen?

Dell?Ambrogio: Gar nicht. Diese Schwankungen sind typisch für jede Statistik. In der aktuellen Konjunktur ist es vielmehr schwierig, Arbeit zu finden.

Wegen der vielen Prüfungen und der befristeten Studienzeit bleibt vielfach keine Zeit für den Broterwerb. Wird Studieren wieder zu einem Privileg der Reicheren?

Dell?Ambrogio: Nein, ganz im Gegenteil: In der Schweiz sind die soziale Mobilität und die Flexibilität des Bildungssystems so gross wie sonst nirgends. Wer sich anstrengt, kommt überallhin. Das Kind einer Immigrantenfamilie kann nach der Lehre die Passerelle machen in die Fachhochschule und sich mit Fleiss nach oben arbeiten bis zur Top-Karriere.

Wie erleben Sie diese Flexibilität als Vater?

Dell?Ambrogio: Von meinen sieben Kindern haben fünf eine Berufslehre gemacht, einige direkt, andere nach gescheitertem Studium. Als Vater darf ich sagen: Allen Kindern stehen alle Wege offen.

Die Universitäten werden immer mehr zu Dienstleistungsunternehmen, die um Forschungsgelder und Drittmittel kämpfen müssen. Werden sie ökonomisiert?

Dell?Ambrogio: Solche Verallgemeinerungen entsprechen nicht der Realität. Es muss unterschieden werden zwischen Wettbewerb, Mitteln und Wirtschaft. Es gibt öffentliche kompetitive Gelder, die mit der Wirtschaft nichts zu tun haben. Auf der anderen Seite gibt es Fächer, bei denen es absurd wäre, nicht mit der Wirtschaft zusammenzuarbeiten. Aber ein Professor der Philosophie wird kaum mit der Wirtschaft zusammenspannen. Die Universitäten wissen selber am besten, in welchen Bereichen sie Drittmittel generieren müssen. Grundsätzlich tut das Thema Wettbewerb allen Hochschulen gut.

Die Mentalitätsunterschiede unserer drei Sprachregionen binden innovative Kräfte, blockieren Vorhaben, verschlingen Gelder. Was kann Ihr Amt dagegen ausrichten?

Dell?Ambrogio: Ich sehe dies genau umgekehrt: Der Föderalismus ist eine Stärke der Schweiz. Alle Regionen haben ihre eigenen Strategien, Sprachen und Sichtweisen und dadurch ein hohes Niveau. Dieses zieht wiederum viele Ausländer an. Deren Anzahl haben wir aber unter Kontrolle. Eines ist sicher: Hochschulen zentralistischer Länder taugen wenig. Der Kampf der Standorte, wie ihn die Schweiz kennt, fördert die Qualität, denn personelle Ressourcen und finanzielle Mittel werden vorsichtig und gezielt eingesetzt.