Ein Hochschulabsolvent, der mit guten Noten brilliert und sein Studium in Bestzeit absolviert hat, steht bei unseren Human-Relations-Verantwortlichen nicht zwingend zuoberst auf der Liste der Favoriten», sagt Lukas Inderfurth, Pressesprecher von ABB Schweiz. Pro Jahr stellt dieses Unternehmen immerhin rund 100 junge Akademiker ein. Was zählt denn noch bei der Qual der Wahl, zumal die ABB zu den bevorzugten Arbeitgebern für Studienabgänger gehört und ihnen nicht nachlaufen muss? Inderfurth verwendet eine Formulierung, die, wenn auch nicht so farbig, bei unserer Umfrage immer wieder eine Rolle spielt. «Irgend etwas Buntes sollte auch noch im Curriculum Vitae vorkommen», sagt er. Darunter werden bei ABB Schweiz vor allem jene Stationen im Leben eines jungen Menschen verstanden, die seine Sozialkompetenz fördern.

«Das können Einsätze zugunsten von Entwicklungsprojekten oder Auslandaufenthalte sein, die nicht unbedingt direkt mit der Studienrichtung zusammenhängen. Uns sind auch die weichen Faktoren wichtig. Da stellen wir selbst bei gut ausgebildeten Hochschulabsolventen oft ein Manko fest», bedauert Inderfurth.

Firmenkultur verstehen

Auch bei Nestlé, einem weiteren Unternehmen, das zu den beliebtesten Arbeitgebern gehört, gilt gemäss Kommunikations-Chef François Perroud für eine erfolgreiche Bewerbung ein ganzes Set von Eigenschaften, die ausserhalb der Benotung durch die Professorenschaft liegen. «Wir legen grossen Wert auf die Fähigkeit, sich unsere Unternehmenskultur einzuverleiben.» Als Beispiele nennt er etwa eine grosse Teamfähigkeit in einem globalisierten Umfeld. Aber auch der Wille, hart zu arbeiten, und ein praxisbezogenes Denken haben einen hohen Stellenwert. Hochgradig theoretisch Fixierte haben alle Chancen, durch den Rost zu fallen.

Anzeige

Auf die Frage, wie hoch die bei Nestlé mitentscheidenden ausserschulischen Aktivitäten gewichtet werden, nennt Perroud zwar auch ähnliche Engagements wie Inderfurth, aber in seiner Aufzählung kommen sogar die Funktionen als Pfadfinderleader oder eine militärische Erfahrung dazu. Allerdings präzisiert der Nestlé-Pressesprecher, dass er bei der Letzteren an Führungsfunktionen in jungen Jahren – etwa auf Stufe Leutnant – denkt. «Wo kann ein junger Mensch so früh für so viele Leute Verantwortung übernehmen?» Aber wie alle Befragten betont auch er: «Letztlich zählt natürlich der Gesamteindruck.» Ihm ist, auch das ergab die Umfrage, aufgefallen, wie gut heutzutage die Stellensuchenden – als Folge der Informationen aus dem Internet – über das Unternehmen informiert sind. Der Gedanke, dass es eine Zeit gab, in der Bewerbern etwa Filme über die Firma vorgeführt wurden, bringt ihn beinahe zum Lachen.

Beste Referenz: Kollegen

Bei der Privatbank Wegelin stehen die Bewerber ebenfalls Schlange. Hier stehen bei den Favorisierten vor allem HSG-ler an der Spitze. Das hat eine alte Tradition. Es ist nicht nur die geistige Nähe zur Alma Mater von Teilhabern dieses Instituts wie etwa Steffen Tolle, selber Absolvent dieser Uni. Auch gute Erfahrungen mit ihren Absolventen spielen bei der Beurteilung mit. Bei Bewerbungen haben HSGler beste Startpositionen. Derzeit arbeiten mehr als zwei Dutzend bei Wegelin.

Zum Teil auch teilzeitlich. Sie schreiben ihre Masterarbeiten und profitieren vom angestrebten Synergie-Effekt für sich selber und für die Bank. «Weniger Chancen haben bei uns Bewerbungen für eine kurze Zeit. Wir sind an einer intensiven Bindung mit uns und dem Bewerber interessiert», sagt Tolle.

Beste Referenz bei Wegelin sind Studienkollegen, die bereits in dieser ältesten Privatbank der Schweiz gearbeitet haben. Spielt also der «Stallgeruch» eine Rolle? Tolle würde diesen Ausdruck selber nicht verwenden, aber im Gespräch läuft es eben doch darauf hinaus. Gemeinsamen Antworten von Nestlé und ABB ist die Beachtung von zusätzlichen Aktivitäten an der Uni.

Einheitliche Qualität

Bei Raiffeisen bestätigt Stefan Kern, Leiter der Unternehmenskommunikation, dass heute mehr denn je «Berufserfahrung und Nebenjobs während des Studiums» mitentscheidend sind, wenn Hochschulabsolventen eine Chance haben. Kern erwähnt, was alle Befragten betonten: «Seit einiger Zeit beobachten wir, dass alle Bewerbungsdossiers in einheitlicher Qualität erstellt werden und ähnlich aufgebaut sind.» Ergo bekomme das persönliche Gespräch einen immer wichtigeren Stellenwert.

Klar, dass bei allen Interview-Partnern die üblichen «Basics» an erster Stelle genannt werden: Übereinstimmung mit dem Anforderungsprofil, Studienhintergrund und die bereits genannten ausserhochschulischen Aktivitäten. Dass Leistungsbereitschaft und Teamgeist hinzukommen, ist schon beinahe eine Banalität.

Hingegen steigt die Zahl der speziellen Einsteigerprogramme für Hochschulabsolventen, wie sie etwa die CS gemäss Aussage von Nicole Sabine Pfister-Bachmann, Pressesprecherin von Private Banking Communication, erwähnt. Das darf als Hinweis gewertet werden, wie sehr Unternehmen an guten Hochschulabgängern interessiert sind, auch wenn sie noch ein Manko haben, was die Unternehmenskultur angeht.

Auch bei der Helvetia werden gemäss Markus Isenrich, Leiter HR, spezielle Insurance-Traineeship-Programme angeboten. Und weil das Unternehmen praktisch unter einem Dach mit der HSG ist, bezeichnet er das Institut für Versicherungswirtschaft «als einen wichtigen Pfeiler im Personalmarketing». Zudem legt Isenrich bei der Beurteilung von Bewerbungsunterlagen und gesprächen – zusätzlich zu all den bereits genannten Kriterien der befragten Unternehmen – speziellen Wert auf den Umgang der Mitarbeitenden mit Kunden. Was in dieser Branche besonders wichtig sei: «Sie sind die besten Botschafter der Helvetia.»